Büschow / Weiße Krug : Menschenhaare vergrämen Wild

Leckerbisssen für die Schwarzkittel: Die holen die Maiskörner - hier  Erwin Buckentin vom Wariner Pflanzenbau beim Legen -mitunter Reihe für Reihe wieder heraus.
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Leckerbisssen für die Schwarzkittel: Die holen die Maiskörner - hier Erwin Buckentin vom Wariner Pflanzenbau beim Legen -mitunter Reihe für Reihe wieder heraus.

Die Jäger vom Hegering Weiße Krug schützen die frische Maissaat auf den Äckern mit einfachen Mitteln vor Wildschweinen. Ihr Vorsitzender Ingolf Schröder schwört auf Menschenhaare.

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06. Mai 2013, 06:17 Uhr

Büschow / Weiße Krug | Auf den letzten Drücker, aber noch rechtzeitig kam der Mais in den Boden. Nach dem Legen kümmern sich erst einmal die Jäger um diese Flächen. Denn bis die Saat aufläuft, braucht sie Schutz - vor Wildschweinen. Diese holen, wenn nichts unternommen wird, die Körner wieder aus dem Boden, um sie genüsslich zu verspeisen. Dabei laufen die Schwarzkittel nicht etwa kreuz und quer, sie nehmen sich Reihe für Reihe vor, machen am Ende kehrt und beginnen die nächste. "Die ersten drei Wochen sind am gefährlichsten", sagt Ingolf Schröder, Vorsitzender des Hegerings Weiße Krug, der gut 100 Mitglieder zählt und mehrere Agrarbetriebe als Partner hat. Die etwa 13 000 Hektar Jagdfläche verteilen sich auf 30 Reviere von Ventschow über Warin bis Groß Görnow. Es gäbe verschiedene Möglichkeiten, das Schwarzwild auf Distanz zu halten, wie mit einem Elektrozaun, was allerdings recht aufwändig sei, oder mit Vergrämungsmitteln, die die Industrie anbietet. Schröder schwört dagegen auf Menschenhaare. Die holt sich der Jäger von Friseuren in der Nähe, füllt damit alte Socken und hängt die in regelmäßigen Abständen am Ackerrand auf. Viele aus dem Hegering würden so vorgehen. Zwei, drei Wochen halte die Wirkung an, das reiche normalerweise.

Wenn die zarten Pflänzchen aus dem Boden blicken, sei zunächst Ruhe, was die Wildschweine angehe. Dann kämen womöglich die Kraniche. Im Vorjahr hätten sie "richtig Schaden" angerichtet, niemand habe daran gedacht. Einzelne Paare seien zu verschmerzen, aber wenn sich "Jung gesellentrupps", die zwischen 50 und 150 Vögel umfassen könnten, über eine junge Maiskultur hermachten, sei die kaum noch zu retten. Sie hätten die winzigen Pflanzen herausgezogen, die Saatkörner abgepickt und das Grüne fein säuberlich an die Seite gelegt. Der Kranich falle aber nicht unter das Jagdrecht, deshalb sei die Situation völlig anders als beim Schwarzwild.

Vor Jahrzehnten teilten Landwirte und Jäger ihre Sorgen bei mehreren Kulturen. Vor allem auf Kartoffeln hatte es das Borstenvieh noch abgesehen. Doch jetzt werden in der Region nur Stärkekartoffeln angebaut, und die schmecken den Schweinen überhaupt nicht. Für die "Feldjäger", wie Schröder die Waidmänner auf landwirtschaftlichen Flächen nennt, gehe es heute vor allem um die Maisfelder. Den Hauptschaden richte hier das Schwarzwild an, das sich in der Region übrigens erst nach dem Zweiten Weltkrieg so stark verbreitet habe. "In Mecklenburg beschränkte sich das vorher auf wenige Waldgebiete und wurde vom Adel geschossen. Mein Urgroßvater war Berufsjäger und hat nicht ein Wildschwein erlegt", erzählt Schröder.

Der Hegering hatte im vorigen Jagdjahr, von April bis Ende März zählend, die bislang höchste Strecke bei Schwarzwild, sechs Sauen pro 100 Hektar, insgesamt rund 850 Stück. Der langjährige Schnitt liege bei 480 bis 500. Das hänge mit der immensen Buchenmast im Winter 2011 zusammen, mit der habe sich der Bestand an Wildschweinen enorm vergrößert. Als diese im letzten Winter keine Bucheckern und Eicheln fanden, gingen sie zur Futtersuche auf den Acker und gaben ein gutes Ziel ab. Momentan sei beim Schießen große Vorsicht geboten, um keine Bache zu erwischen, so Schröder. Das Jagdgesetz verbiete es, Muttertiere zu erlegen. Erst wenn die Frischlinge selbstständig seien, etwa mit einem halben Jahr, wenn sie keine Streifen mehr haben, dürfe auf Sauen gezielt werden. Um die Population in den Griff zu bekommen, sollten rechtzeitig Frischlinge herausgeschossen werden. Dafür, dass ein Jäger die Schwarzkittel elf Monate in Ruhe lässt, um dann mit Freunden eine große Jagd zu veranstalten, findet Schröder keinerlei Verständnis. Im Hegering Weiße Krug gäbe es das nicht, "wir haben eine gute Truppe aus bodenständigen Jägern". Er selbst ist Pächter im Bereich Büschow/Trams. Ein Schlag von Landwirt Klaus Brandt sei hier besonders gefährdet, weil zwei Waldstücke angrenzen, in denen die Schwarzkittel tagsüber Deckung finden. Nachts kämen sie dann anmarschiert. Doch Schröder ist zufrieden, er findet keine Spuren. Ihm sei in diesem Frühjahr noch kein Wildschaden auf Feldern der Region bekannt geworden. Woanders sei schon nachbestellt worden. Im Spätsommer, wenn die Kolben reif werden, gehen die Jäger in den Mais hinein und hängen etwa alle 15 bis 20 Reihen wieder Menschenhaare auf. 100 Prozent Sicherheit gäbe es jedoch nirgends. Andererseits sollte es doch möglich sein, meint Schröder, die Maiskörner, die gegen allerlei Schädlinge gebeizt werden, auch mit einem Geschmacksstoff zu versehen, der Wildschweinen nicht behagt. "Keine Chemie, vielleicht scharfer Paprika oder so." Dann wäre zumindest die Saat vom Mais sicher.

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