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Abschied für Sternbergs Bürgermeister : Mehr Zeit für Hobby und Familie

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Jochen Quandt will Regatten segeln, weiteren Nachwuchs trainieren, reisen sowie sich Ehefrau, Kindern, Enkeln und Haus widmen.

von
erstellt am 29.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Nach außen ist er wie immer ruhig und ausgeglichen. Wie es aber in ihm aussieht, kann niemand so richtig feststellen, vielleicht Ehefrau Christa. Jochen Quandt wird heute mit großem Bahnhof in den Ruhestand verabschiedet. Beinahe 26 Jahre als hauptamtlicher Bürgermeister hat sonst weit und breit noch keiner geschafft, und das dürfte auch nur schwer zu wiederholen sein. Bis 2021 gewählt, bestimmte Quandt mit 65 Jahren selbst, wann er geht. Doch die Momente, in denen er eine Träne wegdrückt, kommen in diesen Tagen eben häufiger vor. Wobei ihm das offenbar besser gelingt als Weggefährten und anderen im dienstlichen wie privaten Umfeld.

Dass er bis zur Rente Bürgermeister bleibt, damit sei „nicht unbedingt“ zu rechnen gewesen, sagt der 65-Jährige in seiner sachlichen Art. „Es war eine neue Tätigkeit und überhaupt nicht klar, ob ich der Aufgabe gewachsen bin.“ Die CDU hatte ihn 1990 als Spitzenkandidat nominiert und er als gebürtiger Sternberger viel Zustimmung in der Stadt gespürt, blickt Quandt zurück. Das war seine einzige Wahl mit einem Gegenkandidaten. Als die Stadtvertretung 1994 erneut den Bürgermeister aus ihrer Mitte bestimmte, wurde Quandt einstimmig gewählt, 2003 und 2012 dann bei einer Direktwahl. Wiederum ohne Gegenkandidaten, erhielt Quandt jeweils über 98 Prozent Ja-Stimmen. Dass die Wahlbeteiligung von fast 60 knapp unter 45 Prozent fiel, wurmte ihn ein wenig. Angenommen hätte er die Wahl zum Bürgermeister wohl auch, wenn die Ja-Stimmen bei nur 60 Prozent gelegen hätten, „aber das wäre sehr bedenklich gewesen und ich hätte mich schon gefragt, was ich falsch gemacht habe“.

Als wichtigstes Ergebnis seiner Amtszeit sieht Jochen Quandt die Stadtsanierung. Jeder Bürger kann die auf Bildtafeln im Rathaus nachvollziehen. Die älteren Sternberger würden sich erinnern, wie die Stadt 1990 ausgesehen habe und was in kurzer Zeit geschafft worden sei. Mit dem Thema sei er erstmals in der Partnerstadt Lütjenburg konfrontiert worden. „Die Stadt sah freundlich aus, das hat mich begeistert.“ Die Stadtsanierung wurde Chefsache, „vielleicht zum Leidwesen mancher Mitarbeiter“. Die Gründung der Immobilien GmbH und Co. KG mit Familie Rethmann habe eine Chance geboten, „die wir nutzen mussten“, sagt Quandt. „Es ist ein Glücksfall, bei dem natürlich auch die Chemie stimmen muss.“ Die Immo sei bis heute einmalig im Land, obwohl „als Modellprojekt weitergereicht, zur Nachahmung empfohlen“.

Auf dem Gelände des VEB Holzbau, das privatisiert und dann kriminell ausgeschlachtet worden sei, entstanden mit EcoMotion ein neues Unternehmen und rund 50 Arbeitsplätze. Die Stadtvertretung hatte eine Zwangsvollstreckung auf den Weg gebracht, die Stadt ersteigerte „am Ende als einziger Bieter“ das Areal, beräumte und erschloss es. Es sollte wieder Gewerbe dorthin. „Eine Rekultivierung wäre nicht gefördert worden.“ Jeder Wirtschaftsminister von MV sei dort gewesen, die Nachfrage von Investoren aber „gegen Null“ gegangen“. Laut einem Gutachten würde sich die Verarbeitung von Rohstoffen aus der Region anbieten. Das sei „mit der Rethmann-Gruppe konsequent verfolgt“ worden. Es habe keine Alternative gegeben, betont Quandt. Das Geruchsproblem, das danach auftrat, sei „mit dem Biobeet deutlich entschärft“, wenngleich nicht völlig beseitigt worden. „Im Nachgang ist man immer schlauer.“

Als dritte Erfolgsgeschichte nennt Quandt den Eigenbetrieb Stadtwerke, durch den die Gebühren für Wasser und Abwasserentsorgung seit 1994 konstant, 2015 sogar gesenkt wurden. Auch Sternberg als Schulstandort sehe er positiv.

Die Sternberger Wohnungsbaugesellschaft (Stewo) dagegen, deren Verfechter er gewesen sei, würde er sich „aus heutiger Sicht“ anders vorstellen, als Eigenbetrieb der Stadt und den Wohnungsbestand in den Gemeinden für sich verwaltet. „Damals hat keiner an Leerstand gedacht“, so Quandt, der sich keineswegs als Perfektionist sieht, „mehr als Pragmatiker“. Und bevor er aus der Haut fahre, müsste es „ganz
dicke“ kommen.

Der 65-Jährige gibt alle Ämter ab, mit denen er als Bürgermeister zu tun hatte, wie den Vorsitz der Leader-Arbeitsgruppe. „Man steckt nicht mehr genug drin.“ Seinem Nachfolger Armin Taubenheim werde er keineswegs auf die Finger sehen, höchstens Rat geben, wenn dieser das wolle. Vorsitzender des Segelvereins bleibe er. Für das Hobby, das „viele Jahre auf kleinerer Flamme kochte“, nehme er sich nun mehr Zeit, fahre Regatten, trainiere eine zweite Nachwuchsgruppe und widme sich zudem Familie Haus, Reisen. „Wir haben keine Planung, lassen es auf uns zukommen.“

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