zur Navigation springen

Kreisagrarmuseum Dorf Mecklenburg : Mehr als nur historische Traktoren

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Von der „Traditionsstätte der sozialistischen Landwirtschaft“ zum Kreisagrarmuseum. Geschichte und Geschichten von Direktor Falko Hohense

von
erstellt am 18.Mär.2017 | 07:00 Uhr

Mit dem Namen „Kreisagrarmuseum“ hat sich Falko Hohensee längst arrangiert. „Wenn man im Internet den Begriff Museum eingibt, erhält man Millionen Treffer, bei Agrarmuseum geht es in die Tausende – ein Kreisagrarmuseum gibt es hingegen nur einmal: uns!“, weiß der Direktor der Dorf Mecklenburger Einrichtung um die Bedeutung des Alleinstellungsmerkmals.

Museumschef seit über drei Jahrzehnten

Ein Agrarmuseum an der Wiege des Landes gibt es seit Oktober 1978, seinerzeit als „Traditionsstätte der sozialistischen Landwirtschaft“. Zum 1. Januar 1985 wurde Falko Hohensee der stellvertretende Museumsleiter, ab 1. April des Jahres zum Direktor berufen. „Ich kann es nicht ganz belegen, aber damit dürfte ich einer der dienstältesten Museumsleiter in MV sein“, erzählt der gebürtige Wariner.

In der Wendezeit als erstes in Agrarmuseum umbenannt, stand dieses 1994 mit der Kreisgebietsreform auf der Kippe, wurde es zum Spielball der Politik. „Grevesmühlen war der Sieger. Hier wie auch in Gadebusch gab es Museen und Bibliotheken. Ein Agrarmuseum, welches Wismar- Land einbrachte, aber nicht. Und so wollte man es auch nicht haben“, erinnert sich Falko Hohensee. Erst nach zähem Ringen blieb es erhalten – mit dem Zusatz „Kreis“, damit der sich im Namen wiederfand.

Zugleich räumt er mit dem Irrglauben auf, dass im Kreisagrarmuseum eben eines, historische Landtechnik, zu sehen ist. „Traktoren haben wir auch“, sagt Hohensee dann gerne und verweist auf die Satzung und die hier als Aufgabe formulierten „Zeugnisse natürlicher und menschlicher Art der Region Nordwestmecklenburg“.

Der 65-jährige Falko Hohensee versteht seine Einrichtung „als echtes Museum“. Der studierte Landwirt belegte von 1989/91 an der Berliner Humboldt-Uni ein postgraduales Studium Museologie und arbeitet nach den Ende der 80er vom ICOM (International Council of Museums) herausgegebenen ethischen Richtlinien. „Für ein Museum gibt es vier echte Grundfunktionen: Sammeln, bewahren, wissenschaftlich arbeiten und vermitteln“, so Hohensee und bedauert, dass Deutschland als einziges Land in Europa kein Museumsgesetz hat.

Historische Traktoren gehören einfach zu einem Museum dieser Art.
Historische Traktoren gehören einfach zu einem Museum dieser Art. Foto: erge
 

„Verordnungsblatt“ von 1944 über „Minen-Hunde“

An der Uni habe er gelernt, Zeugnisse nie losgelöst von den Menschen zu betrachten. Der Museumschef will Zusammenhänge erklären und zugleich allgemein nicht so Bekanntes vermitteln. So hat er denn auch die aktuelle, 120 Meter lange Dauerausstellung mit konzipiert. Unter dem Stichwort „Kriegsende 1945“ auf der Museums-Zeitschiene ist als Leihgabe der Motorrest einer Messerschmitt „M2 109-G“, eines deutschen Jagdflugzeuges im 2. Weltkrieg, zu sehen. Dahinter an der Wand hängt ein Bild der Wismarer Turmstraße vom Bombenangriff der Alliierten am 29. April 1944 mit über 300 Toten sowie vier Verordnungen und Plakate aus der Nazizeit. Neben der Pferde-Musterung 1941 und einem Erlaubnisschein zur Einkellerung von Kartoffeln ist auch ein „Verordnungsblatt“ zur Musterung von „Minen-Hunden“ vom 10. Juni 1944 abgebildet. Dazu wurde u.a. für den 1. Juli 1944 in Jesendorf, Bibow und Ventschow aufgerufen. Zum Kriegseinsatz als Panzerwaffe kamen die „Minen-Hunde“ freilich nicht mehr. „Heute sind es die Taliban, die Selbstmordattentäter, früher waren es die Minen-Hunde“, so Hohensee dazu.

Unter dem Stichwort „Flucht und Vertreibung“ steht neben dem entsprechenden Befehl der Alliierten auch eine hölzerne Fluchtkiste, die das einzige Hab und Gut auf dem Weg von Schlesien ins Quarantänelager nach Losten enthielt. „Samt Geheimfach für die Silbermünzen“, so Hohensee. Für ein Aha-Erlebnis sorgt auch das „Handy von 1954“, eine UKW-Sprechfunkanlage der MTS Zierow. Um darauf freilich zu kommen, bedurfte es „langwieriger Recherchen“.

Aktuell hat das Museum an die 3000 Objekte, viele lagern im Depot. 1242 davon sind erfasst. Das rote Inventarbuch mit DDR-Emblem drauf, „im Westen waren die grün, sonst ist alles gleich“, bemerkt Hohensee, verzeichnet als Nr. 1 vom 15. 8. 1977 „einen Rahmenpflug, zweifurchig von Herrn Lemke aus Reinstorf“. Der bisher letzte Eintrag ist ein Jahr alt und erfasst einen „SW-Fernseher Patriot von 1961“.

Seit Jahren in Bad Kleinen zu Hause, zählt Hohensee inzwischen die Tage bis zur Rente. „In 29 Wochen, wenn mein Bandmaß stimmt.“ Er habe nie richtig bei der NVA gedient, „so muss ich jetzt eines haben“.

Ob Falko Hohensee ganz loslassen kann von seinem „Baby“, wird sich zeigen. Das Museum möge „eine dauerhafte Einrichtung bleiben zum Wohle der Nutzer“, wünscht er sich. Zudem wolle er noch einige Projekte auf den Weg bringen, aber das hänge auch von den Gesprächen mit dem Nachfolger oder der Nachfolgerin ab.  

Kreisagrarmuseum Dorf Mecklenburg, Öffnungszeiten Mo. - Fr 10 bis 16 Uhr (letzter Einlass 15.30 Uhr) , ab 1. April täglich von 10 - 16 Uhr; Eintritt: Erwachsene 3 Euro; Schüler, Azubis, Behinderte 2,50 Euro, Kinder im Vorschulalter kostenfrei; Ermäßigung bei Gruppenbesuchen (ab 10 Personen).

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen