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Sternberger Kleiderkammer hilft Armen : Maximal drei Euro für eine Textilie

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„Ich gucke hier nach allem“, sagt die Frau in der Sternberger Kleiderkammer. Dass sie kein Geld hat, in ein normales Geschäft zu gehen, weiß auch ihr Kind. Sie schäme sich nicht. Und doch will sie lieber anonym bleiben.

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erstellt am 15.Feb.2013 | 10:57 Uhr

Sternberg | "Ich gucke hier nach allem", sagt die junge Frau in der Sternberger Kleiderkammer und geht von Regal zu Regal mit Textilien und Schuhen, die für 50 Cent bis drei Euro zu haben sind. "Auch für das Kind von meinem Bruder." Dass sie kein Geld hat, in ein normales Geschäft zu gehen, weiß auch ihr Kind, sagt die Frau. Sie schäme sich nicht. Doch für die Öffentlichkeit will sie lieber anonym bleiben.

Einmal im Monat komme sie mit ihrer Freundin her, berichtet eine andere Stammkundin der Kleiderkammer aus dem Wariner Raum. "Weil es hier nicht so teuer ist." Deren Begleiterin berichtet, dass ihre Kinder inzwischen erwachsen sind. Sie könnte erleichtert darüber sein, macht sich aber Gedanken, dass der Nachwuchs es schafft, weiter über die Runden zu kommen.

"Für meinen Bruder", erklärt eine Frau, die ebenfalls unerkannt bleiben will, beim Stöbern zwischen den gebrauchten Textilien. "Er bekommt Hartz IV, kann es sich nicht leisten." Eine Brüelerin erzählt: "Hier finde ich meistens etwas." Dass an diesem Tag richtig Betrieb ist in der Kleiderkammer, erklärt sie damit, dass der Geldtag noch nicht lange zurück liegt. Am Monatsende sieht das anders aus.

Das bekommen auch Sigrid Maier und Wally Romeiko zu spüren, die an diesem Tag ehrenamtlich die Ausgabe organisieren. "Es gab schon Tage, da kam keiner", erklärt Sigrid Maier.

Als vor gut zwei Jahrzehnten die Sternberger Kleiderkammer ins Leben gerufen wurde, konnten sich die Bedürftigen noch kostenlos eindecken. Das führte allerdings zu Auswüchsen. Manche, darunter Bewohner des damaligen Asylbewerberheims in den Peeschen, schleppten Säckeweise Textilien aus der Kleiderkammer. Ein großer Teil davon wurde später gleich wieder in Containern entsorgt, erinnert sich eine Sternbergerin, die schon damals ebenfalls auf die gebrauchten Textilien angewiesen war.

Die kleinen Preise, die heute für die Textilien genommen werden, gibt der DRK-Kreisverband vor, erklärte Antje Pöhls vom Seniorenbüro. Die Einnahmen werden verwandt, um Kosten zu decken, beispielsweise für Miete. Einmal im Jahr gibt es einen Tag der offenen Tür in der Kleiderkammer, bei dem quasi wie im Ausverkauf Kleidung unentgeltlich an Bedürftige gegeben wird.

Elf Frauen organisieren ehrenamtlich die Ausgabe in der Kleiderkammer, weitere vier bis fünf sind einmal in der Woche in einem Nebenraum bei der Sortierung. Hier hat Roswitha Kelch den Hut auf, die schon bei der Gründung der Kleiderkammer dabei war. Bei ihrer Gruppe kommt der unsortierte Inhalt aus den Sammelcontainern der Region. "Manchmal ist es ganz schön ekelig", erzählt Roswitha Kelch. Beispielsweise wenn da jemand seine Schuhe hinein geworfen hat, mit denen er gerade aus dem Schweinestall gekommen war, wenn gebrauchte Wegwerfwindeln und verdorbene Esswaren dazwischen liegen. "Ich habe aber keine Angst davor", berichtet sie. Warum sie trotz dieser zuweilen alles andere als appetitlichen Tätigkeit seit zwei Jahrzehnten diese ehrenamtliche Arbeit macht, erklärt sie so: "Es macht auch Spaß. Ich weiß, dass die Sachen gebraucht werden." Manchmal landen auch ganze Säcke voll Lumpen in den Altkleidercontainern, die dann von den Frauen durchsortiert werden. Da wünschte sich Roswitha Kelch, dass schon auf dem Sack "Lumpen" steht. Das sei nicht schlimm. "Die bringen auch etwas Geld." Einen Teil der gesammelten Textilien verkauft das DRK ohnehin weiter, ein anderer Teil wird schon für die nächste Saison in Kisten gestapelt. Denn verständlicherweise sortieren die Menschen erst zum Frühjahr ihre Wintersachen aus, die dann erst in einem halben Jahr später für Bedürftige benötigt werden.

Roswitha Kelch weiß, dass sich manche Arme nach wie vor scheuen, sich in der Kleiderkammer zu versorgen. "Sie sollen sich nicht schämen", muntert sie diese Menschen auf. "Sie sollen einfach kommen."

Übrigens können gebrauchte Sachen auch direkt in der Sternberger Kleiderkammer abgegeben werden - aber ausschließlich Textilien und Schuhe.

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