zur Navigation springen
Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

20. Oktober 2017 | 01:56 Uhr

Warin : Mann haust monatelang in Erdloch

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Am Donnerstag wurde er nach Stettin ins Heimatland zurückgebracht.

svz.de von
erstellt am 17.Jan.2014 | 21:30 Uhr

Erschütternde Begebenheit: Ein Mann hat etwa vier Monate in einem Erdloch im Wald unweit von Warin gehaust. Alte Vorleger, Brücken und Steppdecken, offenbar vom Sperrmüll oder aus Kleidercontainern, sowie Abfallsäcke dienten als Unterlage und Schutz vor Wind und Wetter. Essbares sammelte der Waldbewohner vor allem aus Abfallbehältern in der Stadt. Donnerstag früh konnten Mitarbeiter von Ordnungsamt und Landkreis den verängstigten Mann mit polnischem Reisepass dazu bewegen, seine Behausung zu verlassen. Er wurde im Sozialhaus der Volkssolidarität untergebracht und gestern von zwei Mitarbeitern des Wariner Bauhofs nach Stettin gefahren.

Der Unbekannte, der verwahrlost wirkte und meist drei Plastiktüten um den Hals sowie an beiden Händen bei sich trug, wurde seit September öfter im Stadtgebiet gesehen, unter anderem an den Gärten hinter dem Feuerwehrhaus. Dass er nicht nach Warin gehört, war
jedem klar, der ihn zu Gesicht bekam. Manche hielten ihn für einen Rumänen, doch genaues wusste niemand. Auch nicht, wo er seine Unterkunft hat. Der Mann war, wenn er irgendwo gesichtet wurde, auf der Suche nach Essbarem, durchwühlte Container und andere
Abfallbehälter. Als noch Äpfel an den Bäumen hingen, bediente er sich gelegentlich auch dort. Doch sobald ihn
jemand ansprach, suchte der Fremde fluchtartig das Weite, wie Augenzeugen berichteten, selbst über die Bahngleise hinweg. Er hatte anscheinend Angst, dass ihm was angetan werden könnte. Auch Bürgermeister Michael Ankermann
bemerkte ihn an einem Container und sprach den Mann an, doch der lief erneut weg. Dass er kein Wort Deutsch versteht, stellte sich erst jetzt heraus.


Behausung im Wald bleibt lange unentdeckt


Seine Behausung im Wald an der B 192 Richtung Blankenberg bleibt lange unentdeckt. Erst als die Bäume ihr Blattwerk verloren haben, angesichts der milden Witterung weit später als sonst, kommt ein Müllberg zum Vorschein. Besitzer von unterhalb stehenden Bungalows gehen in die Offensive und beteuern im Ordnungsamt, dass der Unrat nicht von ihnen stamme. Doch wer kann ahnen, dass sich dort ein Mensch einquartiert hat; Müllfrevel gibt es leider allzu häufig. Als der Schandfleck weiter wächst, gehen Mitarbeiter vom Wariner Bauhof der Sache auf den Grund und entdecken das Versteck. Nun wird klar, wo sich der Unbekannte aufhielt, wenn er nicht in der Stadt umher strich. Gleichzeitig wenden sich Bürger sorgenvoll an das Ordnungsamt, was mit dem verwahrlosten Mann los sei. Er tut zwar niemandem etwas zu Leide, rennt weg oder verkriecht sich, etwas unheimlich wird manchem bei dem Anblick aber doch.

Es muss etwas unternommen werden, entscheidet der Bürgermeister. „Ich war besorgt, dass dem Mann was passiert, wenn richtig Frost kommt“, so Ankermann. Eine Überprüfung durch die Ausländerbehörde beim Landkreis Nordwestmecklenburg ergibt, dass der Mann nirgendwo gesucht wird und sie deshalb nicht zuständig ist. Daher nimmt der Bürgermeister Kontakt zum Gesundheitsamt in Wismar auf, um zu klären, ob vielleicht die Einweisung in eine Klinik erforderlich ist. Eine Mitarbeiterin bringt ihren Ehemann mit, der fließend polnisch spricht – in der Hoffnung, dass damit eine Verständigung zu Stande kommt. Gegen 7.30 Uhr wird der Waldbewohner in seinem Erdloch aufgeschreckt. Er hat die Sachen an, die er auch tagsüber trägt, die Turnschuhe aber zur Nachtruhe ausgezogen. Der Mann ist überrascht und scheu, verkriecht sich noch mehr in seiner winzigen Behausung. Doch als er auf Polnisch aufgefordert wird, sich zu zeigen, gibt er Antwort, kommt langsam hervor und fasst Vertrauen. „Das hat uns enorm geholfen“, sagt der Bürgermeister.

Der Mann ist 54 Jahre alt, sein Reisepass gültig, informiert die Pressestelle des Landkreises auf SVZ-Anfrage. In
Polen würden ein Onkel und ein Bruder von ihm leben. Seinen Angaben zufolge hat er sich etwa anderthalb Jahre in Deutschland aufgehalten, heißt es weiter. In Warin wird erzählt, dass sich
der Mann zuvor im Raum Neukloster bewegt haben soll. Er selbst weiß zwar den Namen der Stadt, in der er sich befindet, kann sie geographisch allerdings nicht einordnen. Wie in Erfahrung zu bringen ist, war er wegen Arbeit nach Swinemünde gekommen. Kumpels hätten ihn von dort im Auto mitgenommen und irgendwo herausgelassen. Dann sei er zunächst mit einem Fahrrad immer geradeaus gefahren – wohl unbewusst in die falsche Richtung.

Marek wird im Sozialhaus der Volkssolidarität in Warin untergebracht, kann sich satt essen, duschen, bekommt saubere Kleidung und fühlt sich sichtlich wohl. Sonst wäre er vermutlich über Nacht verschwunden, nehmen die Mitarbeiterinnen an. Sie lernen, wenngleich keine Unterhaltung möglich ist, ihren ausländischen Gast in der kurzen Zeit als nett und höflich kennen, registrieren wohlwollend, dass er von sich aus die
Dusche sauber macht. Doch jetzt will Marek nur noch eines – nach Hause. Denn immer wieder fällt bei ihm das Wort „Doma“. Und er nennt Stettin.

Zunächst ist angedacht, dass der vorherige Waldbewohner bis Montag im
Sozialhaus bleibt und dann mit einer Bahnfahrkarte, die er von der Stadt
bekommt, nach Stettin gelangt. Doch auch auf seinen Wunsch geht alles schneller – mit dem Auto. Noch am gestrigen Freitag kommt er in sein Heimatland zurück. Wohin ihn dort der Weg treibt, weiß in Warin niemand.

 

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen