Sternberger DRK-Ortsverein : Mainzelmädchen der Altkleiderstation

Während Michaela Maaß (l.) und Rosi Güttler die neue Lieferung grob aussortieren...
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Während Michaela Maaß (l.) und Rosi Güttler die neue Lieferung grob aussortieren...

Der DRK- Ortsverein Sternberg sammelt Bekleidung in Containern und verkauft sie günstig an Bedürftigte. Aber erst Vorsortierer ermöglichen den Verkauf.

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03. Dezember 2013, 22:00 Uhr

20 oder 30 Säcke liegen wild übereinander gestapelt in dem gut sechs Quadratmeter großen Raum. Einige von ihnen sind zerrissen, andere prall gefüllt, blau, gelb oder grün. Die Tür des Zimmers kann wegen der vielen Plastikbeutel nicht geschlossen werden. Die kalte Dezemberluft strömt ungehindert ein und macht die Arbeit von Roswitha Kelch, Michaela Maaß und Roswitha „Rosi“ Güttler eigentlich zu einer Beschäftigung im Freien. „Zumindest vor dem Regen sind wir und die Sachen geschützt“, sagt die 56-jährige Roswitha, als ihre Namenskollegin sich einen der Säcke packt, ihn aufreißt und die darin gequetschten Kleidungsstücke begutachtet. „Das geht noch“, sagt die 53-jährige Rosi mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht und wirft ein Shirt auf den Stapel mit den anderen Klamotten, „die noch gehen.“

Jede Woche packen die drei Damen in der Rettungswache des DRK-Ortsvereines Sternberg an und sortieren die Altkleider aus, die Menschen für Bedürftige in Containern spenden. „Vor der Arbeit oder danach oder an meinem freien Tag komme ich her und schaffe Ordnung. Einmal die Woche, seit mehr als 23 Jahren“, sagt Roswitha Kelch.

Immer montags und dienstags öffnet die Kleiderkammer ihre Pforten. Dann verkaufen andere nette Damen Schuhe für 1,50 Euro oder T-Shirts für 50 Cent. Doch die Arbeit der drei ehrenamtlichen Vorsortiererinnen ist dann bereits getan: Meistens am vorherigen Mittwoch nehmen sie die neue Lieferung alter Sachen an und sortieren Verkaufbares in die Regale und Kleiderstangen. „Ich mache das gern, weil ich schon so vielen Leuten damit geholfen habe“, meint Roswitha, die eigentlich in der Hauswirtschaft des Seniorenzentrums tätig ist. Daher kennt sie auch ihre fleißigen Kolleginnen Michaela und Rosi, die Altenpfleger im Seniorenheim sind. Vor knapp zwei Jahren hat sie die beiden mit ins DRK-Aussortier-Boot geholt – seitdem sind sie ein eingespieltes Team.

„Ohne Herz und Spaß unter uns würde es auch nicht funktionieren“, meint die 30-jährige Michaela, die beiden Roswithas stimmen ihr im Einklang zu. Denn die drei bekommen Dinge zu Gesicht, die sie am gesunden Menschenverstand zweifeln lassen, wie sie sagen. Der Weg der Altkleider ist eben nicht nur lang, sondern auch schmutzig: Zu Beginn einer Woche leert der Fahrdienst der DRK die vier Container in Sternberg und einen in Brüel aus. „Wir sortieren dabei schon vor, wenn Teppiche oder technische Geräte dazwischen liegen“, sagt Sebastian Knapp, Fahrdienstleiter des Ortsvereines. Manchmal müsse der Sperrmüll oder altes Spielzeug, Geschirr und anderer Haushaltskram auch mit, da er nicht vor Ort beseitigt werden kann.


Im Sommer wird es besonders eklig


Am schlimmsten sind für die Aussortierer jedoch volle Windeln gleich hinter Lebensmitteln in den Tüten und Containern. „Da liegen teilweise Bratpfannen noch mit fertigem Kotelett und Bratfett drin oder frisch gebackene Kräuter-Baguettes“, erzählt Michaela, während sie vorsichtig eine Tüte nach der nächsten mit gelerntem Auge inspiziert.

Besonders, wenn die Sonne höher steht, entwickeln sich Abfälle und Restmüll zur ekligen Angelegenheit. So fanden die Fahrdienstler in Brüel in diesem Sommer einen Sack voller Klamotten – und hunderter Maden. Doch der Container musste geleert werden, der Sack ging mit und wurde zur Aufgabe der Sternberger Helfer. Dann geht es eben nicht nur darum, alte und gute Mode zu erhalten, sondern Müll zu entsorgen. „Wenn vier Tüten mit tollen Sachen in einem Container liegen, aber eine einzige mit Müll und Siff, dann nützen die vier guten Tüten auch nichts weiter“, erklärt Roswitha etwas deprimiert, als sie neue gebrauchte Bekleidung in die Regale im Verkaufsraum einsortiert.

Die Arbeit in den engen, mit unzähligen Jacken, Shirts, Hosen und Schuhen bestückten Räumen ist ihr eine Herzensangelegenheit. „Wir können nur nochmal an die Leute appellieren, tragbare Bekleidung nicht mit Müll zu vermischen. Lumpen sollten mit Lumpen betitelt werden, das spart uns das Aussortieren. Schließlich müssen wir mit unseren Händen in die Säcke fassen, um die Ware einschätzen zu können“, erklärt sie.

Obwohl die drei Sortiererinnen ihre Freizeit opfern, kaum jemand ihre Arbeit kennt oder sich darüber Gedanken macht und sie auch nicht oft mit den Käufern der Ware in Kontakt kommen, ihre Arbeit ist eine Sache der Ehre und der Passion: „Uns macht es Spaß, wir lachen und sind fröhlich, obwohl wir eigentlich Handschuhe tragen müssten“ erzählt Rosi, die sich zumindest mit ihrer weißen Wollmütze etwas vor der Kälte schützt.

Manchmal passiert es, dass es die drei überkommt und über Plastiktüten hinweg zwischen den bepackten Regalen der Laufsteg eröffnet wird. Dann wirft Rosi sich in einen Blumenkittel und stolziert mit Deutschland-Perücke durch die Räume der DRK-Vorsortierstation in der Karl-Marx-Straße. Vergessen sind dann Maden, volle Pampers und Bratpfannen zwischen den alten Zweite-Hand-Klamotten.

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