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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

19. November 2017 | 00:35 Uhr

Kobrow : Landesrabbiner im Kutschenmuseum

vom

Von Schloss Windsor kenne er eine Reihe von Kutschen, aber so viele wie hier habe er noch nie gesehen, sagt Landesrabbiner William Wolff voller Bewunderung, als er das Kobrower Kutschenmuseum betritt.

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2012 | 10:57 Uhr

Kobrow | Von Schloss Windsor, eine der offiziellen Hauptresidenzen der britischen Königin, kenne er eine Reihe von Kutschen, aber so viele zusammen wie hier habe er noch nie gesehen, sagt Landesrabbiner William Wolff voller Bewunderung, als er das Kobrower Kutschenmuseum betritt. Solche noblen Karossen, mit denen die Queen bei besonderen Anlässen gefahren wird, seien allerdings nicht dabei, wehrt Museumsbetreuer Norbert Schönborn bescheiden ab. Doch rund 140 unterschiedlichste Wagen warten auf Besucher; darunter manche, die am Hofe zum Einsatz kamen und pompös ausgestattet sind, der größte Teil, der einst im Alltag genutzt wurde wie Postkutsche und Landauer, aber selbst Militärfahrzeuge aus der unrühmlichsten deutschen Geschichte.

Viele der Gefährte stehen hier im Original, wurden aufwändig restauriert, andere nach historischem Vorbild nachgebaut, wie die Kaiserliche Post, die auf den Straßen Mecklenburgs unterwegs war. "Das ist wirklich inte ressant", wiederholt William Wolff mehrfach. Sein Besuch hat eine sehr persönliche Vorgeschichte. Als unsere Zeitung im Frühjahr die 20 Fragen zum Wochen ende Norbert Schönborn stellte, nannte dieser auf die Frage, wen er gern einmal treffen würde, den Landesrabbiner aus Schwerin. "Mit ihm würde ich gern über Politik und die Welt reden." SVZ verabredete nun diese Begegnung in Kobrow, zu der William Wolff freundlich einwilligte, ganz ohne offizielle Note, ein zwang loses Gespräch, in dem sich nur die beiden Männer gegenüber sitzen.

Schönborn hat Fragen über Fragen, will eingangs wissen, was Rabbiner bedeutet. Die häufig verbreitete Bezeichnung als Lehrer stimme nicht, sagt der Gast. Der Begriff stehe vielmehr für jemanden, der viel Wissen hat von der jüdischen Reli gion. Wolff betreut seit gut zehn Jahren die drei Gemeinden in MV. Die in Schwerin sei mit ca. 900 Mitgliedern die größte, in Rostock seien es 700 und in Wismar 150. Von ihnen kämen 90 bis 95 Prozent aus Gebieten der früheren Sowjetunion. Die Zuwanderung begann in bescheidenem Maße, geht Wolff auf eine weitere Frage Schönborns ein, in den letzten DDR-Jahren. Dieser deutsche Staat habe keine Verantwortung samt Entschädigung für die Judenvertreibung übernehmen wollen und stattdessen Zuwanderung zugelassen. "Unmittelbar nach der Wende wandte sich der Zentralrat der Juden an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, diese Regelung beizubehalten. Denn die jüdische Zukunft in Deutschland wäre nicht gewährleistet. Darauf hat die Bundesregierung einer weiteren Zuwanderung zugestimmt", erklärt der Landesrabbiner.

Eine Viertelmillion Menschen sei nach Deutschland übergesiedelt, jedoch weniger als die Hälfte von ihnen mit jüdischem Glauben. Nur wenn die Mutter jüdisch ist, werden es auch ihre Kinder automatisch. "Aber nur dann", bekräftigt Wolff. Freilich bestehe für andere die Möglichkeit, zum Judentum überzutreten. Der Geistliche erzählt von einer jungen Frau in England, die heiraten wollte und sich regelrecht empörte, als sie erst einmal zum Judentum übertreten sollte. "Ich habe das leise für sie gemacht", schließt der Rabbiner lächelnd dieses Thema ab.

William Wolff, 1927 in Berlin geboren, wanderte 1933 mit seinen Eltern aus. Der Zufall hatte dabei Pate gestanden. Im gleichen Stadtviertel lebte eine Frau, die Kleidung ausbesserte. "Anders als heute, jetzt wird neu gekauft", wirft Wolff lachend ein. Die Tochter der Näherin, Magda, hatte im Dezember 1931, übrigens auf Gut Severin bei Parchim, einen gewissen Joseph Goebbels geheiratet, später Propagandaminister und einer der einflussreichsten Männer im Nazireich. Die Bekanntschaft mit Magda Goebbels’ Mutter beschleunigte die Emigration, zunächst nach Amsterdam und im August 1939 nach England. Er werde oft darauf angesprochen, dass seine Eltern mit diesem Schritt große Weitsicht bewiesen hätten. "Doch der eigentliche Grund war, dass mein Vater, ein Geschäftsmann, in Holland nicht richtig klar kam und schon seit längerem in England arbeitete", so Wolff in seiner lebensfrohen Offenheit. Seit sieben Jahrzehnten lebt er in einer kleinen Stadt zwischen London und Oxford, "dort wo große internationale Ruderwettkämpfe ausgetragen werden", und pendelt regelmäßig nach Schwerin. Im Englischen werde gesagt, das Zuhause ist dort, wo das Herz ist. "Bei mir ist es dort, wo ich die meisten Bücher habe, und die stehen derzeit in England", sagt William Wolff und lacht wieder herzhaft, lässt aber keinen Zweifel, wie gern er in Mecklenburg lebt und seine Aufgaben als Landesrabbiner wahrnimmt. "Bis ich 90 bin, könnte ich mir das vorstellen, wenn die Gemeinden das möchten. Sind doch nur noch viereinhalb Jahre. Dann sehen wir weiter." Sein Gegenüber ist beeindruckt von dem Lebensmut und Optimismus, aber auch der Bescheidenheit Wolffs - und hat schon andere Themen.

Beim Rundgang durch das Museum will der Gast auch die von Pferden gezogenen Militärfahrzeuge sehen. "Es war eine schreckliche Zeit, aber sie ist Teil der deutschen Geschichte", zeigt er Verständnis für diesen Teil der Sammlung. Besonders angetan ist er indes von den zahlreichen, liebevoll gepflegten Ausstellungsdetails, die ihm überall begegnen, aber beispielsweise auch von der Prachtkutsche des Dresdner Hofwagenbauers Gläser. Der Landesrabbiner spricht am Ende von einem "schönen, erlebnisreichen Tag" und setzt damit Norbert Schönborns Freude über diesen Besuch die sprichwörtliche Krone auf.

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