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Milchviehanlage Tempzin : Kuhleistung steigt – Preis fällt

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Die Landwirtschaftsgesellschaft Zahrensdorf braucht für eine Kosten deckende Produktion 34 Cent pro Liter Milch, die Molkerei zahlt aber nur 20 Cent.

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erstellt am 13.Apr.2016 | 21:00 Uhr

Von der Molkerei in Wismar bekommt die Landwirtschaftsgesellschaft (LWG) 20 Cent pro Liter. Im Laden kostet Frischmilch zwischen knapp 60 Cent und über einem Euro, reduziert um mehr oder weniger Fettgehalt für andere Erzeugnisse wie Butter und Käse. Der Agrarbetrieb in Zahrensdorf brauchte 34 Cent, um seine Kosten zu decken, sagt Geschäftsführer Torsten Schrein. Für Investitionen oder gar die hohe Kante bliebe selbst dann nichts. Und der Trend deute eher weiter ab- statt aufwärts. „Es kann unter 20 Cent gehen, wenn in den nächsten zwei, drei Monaten nichts passiert“, befürchtet Schrein. Der Markt müsse sich stabilieren, der Export in Gang kommen, um den Absatz zu sichern, und die Verhandlungen zwischen Molkereien und Discountern müssten endlich zu einem Ergebnis führen, damit Milch nicht weiter „verramscht“ werde.

„Zum Glück sind wir ein Mischbetrieb und können die Milchproduktion mit unserem Marktfruchtbau quer subventionieren“, so Schrein. Ein Handwerksbetrieb, bei dem das nicht ginge, wäre pleite. „Natürlich tut das weh. Wir leben von der Substanz. Eine Weile geht das, aber irgendwann kommt der Punkt, da geht es nicht mehr.“ Dann bliebe nichts weiter übrig, als sich schweren Herzens von der Milcherzeugung zu trennen. Doch die gehöre zur Landwirtschaft und habe in Zahrensdorf nie in Frage gestanden.

Ein Jahr, nachdem die Milchquote wegfiel, sei der Markt „übersättigt“. Der Großteil der Landwirte, auch er, so Schrein, habe den freien Markt gewollt, sich aber „ins eigene Fleisch geschnitten“. Jeder habe gewusst, dass die Höchstgrenze wegfällt, wollte viel produzieren, verkaufen, Umsatz machen. Doch das funktioniere zumindest derzeit nicht, da China sich offenbar mit Milchpulver eingedeckt hatte und kaum noch was abnehme, der Export nach Russland durch das Handelsembargo ganz wegbrach.

„Wir dachten auch, Milch ohne Ende machen zu können, wollten den Kuhbestand erhöhen, haben das aber schnell gestoppt“, sagt der Agrarchef. Schon die Jahresleistung pro Kuh sei seit 2012 um 1200 auf 9300 Liter gestiegen, allein durch bessere Haltungsbedingungen. Und es gebe noch „Luft nach oben“. Andere würden bei 11 000 Litern liegen. „Wir haben lüftungstechnisch viel gemacht, die Tiere bekamen weichere Auflagen und fühlen sich wohler“, erklärt Schrein. Das wirke sich enorm aus. In den alten Ställen mit kleinen Fenstern habe es im Sommer schnell einen Leistungseinbruch gegeben. Und wenn die Hitze vorbei war, ließ sich nicht einfach ein Schalter umlegen. „Es sind Tiere, wenn eine Kuh erst einmal weniger Milch gibt, ändert sich das nicht gleich.“ Für die Sanierung habe der Betrieb 20 Jahre lang 700 000 Euro an Krediten plus Zinsen abzuzahlen. Die Entscheidung zu sanieren, halte er dennoch bis heute für richtig. „Wenn wir das hier nicht weiterführen, machen es andere für uns, vielleicht industrielle Betriebe. Wir haben auch eine soziale Verantwortung gegenüber den Beschäftigten“, insgesamt 23, in der Milchproduktion acht. Die LWG hält rund 400 Kühe und 320 Jungrinder.

Die Situation der Milchbauern nennt Schrein „katastrophal“. Längst werde wieder über eine Regulierung der Menge diskutiert, möglicherweise über Lieferverträge zwischen Erzeugern und Molkereien. Doch irgendwie wäre es „nur ein anderer Name“, das Problem werde damit nicht gelöst. Werde hier weniger produziert, damit der Preis vielleicht steigt, käme billige Milch aus anderen Ländern, in denen keine hohen Qualitätsstandards wie in Deutschland gelten, ist Schrein überzeugt. Dass Agrarminister Till Backhaus gesagt habe, der Wegfall der Milchquote sei weder Fluch noch Segen, zeige einmal mehr, wie weit die Politik von der Realität entfernt sei, meint Schrein und ärgert sich obendrein, wegen ausufernder Bürokratie „nur noch am Schreibtisch“ zu sitzen. Landwirt zu sein, was er gern wolle, sei kaum noch möglich.

In der dreitätigen Konferenz der Agrarminister in Göhren-Lebbin, die gestern begann, steht die Milchkrise im Mittelpunkt, die Landwirte haben aber wenig Hoffnung auf praktikable Lösungen. Bundesweit hat sich die Zahl der Betriebe, die Milch erzeugen, seit 2008 um 40 Prozent auf 60 000 verringert. Es werden aber gleich viele Kühe gehalten, nur eben in größerer Konzentration.

Programme, um Betriebe finanziell zu entlasten, etwa durch Stundung oder zinsgünstige Kredite, nützten gar nichts, meint Schrein. Die Schulden würden nur vor sich hergeschoben. Die „allerbeste Lösung“ sei, dem Landwirt ordentliche Preise für seine Produkte zu zahlen, ob Milch, Schweinefleisch oder Ackerfrüchte. Die Zahrensdorfer „verschwenden derzeit keinen Gedanken, die Milchproduktion aufzugeben“. Wie es in einem Jahr aussieht, darüber müsse dann gesprochen werden.

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