Großes Entsetzen in Rothen : Künstlerin beleidigt und bedroht

Der  Metallgestaltung und  Email-Kunst hat sich  Takwe Kaenders verschrieben. Hier kratzt sie das Motiv  aus der komplett übersprühten Oberfläche heraus, das ist eine von mehreren Email-Techniken. Jetzt erhielt die Vorsitzende des Vereins Rothener Hof einen anonymen Brief mit übelsten Beleidigungen, Gewaltandrohung und der Aufforderung, die Region zu verlassen.Archiv/rüdiger rump
Der Metallgestaltung und Email-Kunst hat sich Takwe Kaenders verschrieben. Hier kratzt sie das Motiv aus der komplett übersprühten Oberfläche heraus, das ist eine von mehreren Email-Techniken. Jetzt erhielt die Vorsitzende des Vereins Rothener Hof einen anonymen Brief mit übelsten Beleidigungen, Gewaltandrohung und der Aufforderung, die Region zu verlassen.Archiv/rüdiger rump

Ein anonymer Brief sorgt für Entsetzen in dem Dorf, das mehrmals im Jahr Künstler und Besucher freundlich empfängt: Die Vorsitzende des Vereins Rothener Hof wird beleidigt und bedroht, sie soll die Region verlassen.

svz.de von
13. März 2013, 05:49 Uhr

Rothen | Großes Entsetzen in dem kleinen Dorf, das mehrmals im Jahr Künstler wie Besucher von nah und fern freundlich aufnimmt. Grund ist ein anonymer Brief, den Takwe Kaenders, Vorsitzende des 2001 gegründeten Vereins Rothener Hof, im Briefkasten fand. Er war in Crivitz aufgegeben, wie der Poststempel verrät, und zu ihr nach Hause in einem Dorf bei Mestlin geschickt worden. Das Schreiben, das SVZ vorliegt, wurde offenbar an einem Computer verfasst und besteht aus drei Blättern Papier.

Schmuddlige Beleidigungen aus der untersten Schublade reihen sich aneinander, gegenüber Takwe Kaenders und ihre Familie. Wer sich auf so üble Art auslässt, bekommt an dieser Stelle keinerlei Platz für Einzelheiten. Besonders fassungslos macht die Androhung von Gewalt. Kaenders solle in Zukunft besser aufpassen, besonders im Dunklen, es würden Menschen auftauchen, die das Gesetz nicht sonderlich interessiert, oder ihr Auto sei mal defekt oder beschädigt. Der erste Angriff sei schon in Planung und werde bald umgesetzt. Je schneller sie Rothen verlasse, um so weniger passiere, endet der Brief.

"Nach der ersten Seite habe ich mir noch nichts gedacht, sondern darüber gelacht. Aber dann wurde mir doch ganz anders", beschreibt die Künstlerin ihre Gemütslage. Sie hat im Polizeirevier Sternberg Anzeige erstattet, die Kriminalpolizei-Inspektion (KPI) in Schwerin ermittelt nun. Die Opferhilfe, bei der Kaenders Rat suchte, empfahl ihr, in der Öffentlichkeit gegen die Beleidigungen und Gewaltandrohungen anzugehen.

Die dürften auf keinen Fall als belanglos abgetan werden, meint Chris tian Lehsten, der dem Verein Rothener Hof angehört. Zumal schon zwei Vorfälle passiert seien. Während des Stammtischs im Januar - der Verein lädt etwa alle sechs Wochen Interessierte dazu ein - seien am Auto von Kaenders Scheiben besprüht und das hintere Nummernschild schwarz überstrichen worden, unter mehreren parkenden Fahrzeugen nur ihres. Jeder habe das seinerzeit für einen Streich dummer Jungen gehalten, erzählt Lehsten. Anfang Februar durchschlug ein Stein eine Fensterscheibe der Werkstatt, als Kaenders verreist war. Joachim Behrens, Vorstandsmitglied des Vereins, bemerkte das Geschehen und erstattete Anzeige. Im Verein finde Kaenders großen Rückhalt. "Der Brief jetzt geht drei Nummern zu weit, ist jenseits von gut und böse. Letztlich fühlen wir uns mit angegriffen", so Behrens. "Man kann unter schied licher Meinung sein, aber dies ist eine Morddrohung." Auch Christian Lehsten sagt, er akzeptiere, wenn nicht jeder gut findet, was der Verein macht, und dies offen ausspricht. So was wie in diesem Brief habe es allerdings noch nie gegeben. "Das ist blanker Hass."

Ihre Familie gehe unterschiedlich damit um, sagt Takwe Kaenders. Sie selbst habe keine Angst, nehme die Drohungen aber sehr ernst. "Dass ich hier viele Freunde habe, gibt mir Sicherheit." Der Gedanke ans Weggehen sei ihr bislang nicht gekommen. "Hier ist mein Zuhause, habe ich mein Leben aufgebaut und den Verein mit gegründet", sagt sie. Die gebürtige Kölnerin, Jahrgang 1963, hat an der Burg Giebichenstein in Halle Metall/Email studiert und ihr Diplom als Metallgestalterin abgelegt, vor nunmehr fast 18 Jahren zog sie nach Mecklenburg.

Im Dorf wird gerätselt, wer den Brief geschrieben haben könnte. Für ihn stelle sich die Frage, sagt Christian Lehsten nachdenklich, wem es nütze, dass Kaenders Rothen verlässt. "Es gibt Vermutungen, nahe liegende Schlüsse, aber keine Beweise." Vor Jahren sei es in Rothen zum Streit wegen angeblicher Lärmbelästigung, die vom Vereinshaus ausgehe, gekommen. Da wurde mehrfach die Polizei gerufen, und Mitarbeiter des Landkreises rückten mit einem Messgerät an.

Alles im grünen Bereich, betonen die Vertreter des Vereins. "Der Lärmpegel lag weit unter den zulässigen Höchstwerten", so Joachim Behrens, der dort seine Holzwerkstatt hat. Jahre zuvor wurde ein Lärmschutzgutachten angefertigt, bevor die Restaurierung des Rothener Hofes begann. Ob die Anfeindungen noch aus dieser Richtung resultieren?, denkt Lehsten laut nach.

Er findet "pervers", dass der oder die Briefschreiber/in selbst vor Takwe Kaenders’ Sohn, Jahrgang 1995, nicht Halt macht. Dieser wurde vor gut einem Jahr Opfer einer Prügelattacke in Parchim. Die Jungs hätten sich leider zurückgehalten, steht in dem Brief, aber vielleicht lande der Verprügelte das nächste Mal im Krankenhaus. Von dem Vorfall hätten damals aber nur die Polizei und ein kleiner Freundeskreis gewusst, wundert sich Lehsten.

Regina Rosenfeld, Bürgermeisterin der Gemeinde Borkow, zu der Rothen gehört, kann sich nicht vorstellen, dass jemand aus dem Dorf den Brief geschrieben hat. "Dass er existiert, ist schlimm und traurig. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas bei uns vorkommt, gerade hier auf dem Lande, wo jeder jeden kennt." Sie frage sich auch, so die Bürgermeisterin, warum Takwe Kaenders verschwinden solle, "sie engagiert sich doch sehr".

Morgen um 19 Uhr trifft sich der Verein wieder mit allen Interessierten am Stammtisch. Ein Thema ist der anonyme Brief. Kaenders hat dazu auch alle Einwohner Rothens eingeladen.

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