Ruchow : Kohlenmanns kürzeste Fuhre

Transport der Briketts per Karre in den Schuppen inclusive: Kohlehändler Sven Junghans liefert seinen Ruchower Nachbarn Rainer und Heike Wieschollek eine halbe Tonne Nachschub. Fotos: Roland Güttler
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Transport der Briketts per Karre in den Schuppen inclusive: Kohlehändler Sven Junghans liefert seinen Ruchower Nachbarn Rainer und Heike Wieschollek eine halbe Tonne Nachschub. Fotos: Roland Güttler

Kleinunternehmer Sven Junghans aus Ruchow beliefert seine Nachbarn Rainer und Heike Wieschollek mit Briketts.

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21. März 2015, 12:32 Uhr

Seit zwei Jahren liefert der Ruchower Kleinunternehmer Sven Junghans als eines von mehreren beruflichen Standbeinen Kohlen aus – „Lausitzer Briketts. Nach Witzin, Groß Görnow, Mestlin, Güstrow, bei Parchim.“ Und auch in Ruchow zu seinen Nachbarn Rainer und Heike Wieschollek – Kohlenmanns kürzeste Fuhre. Die Wiescholleks und Junghans sind per Du über den (nicht vorhandenen) Gartenzaun. „Hier lebt es sich sehr ruhig. Zudem haben wir sehr nette, hilfsbereite Nachbarn. Bei Sven brauchst du nur Piep zu sagen, und schon steht er Gewehr bei Fuß“, sagt Rainer Wieschollek.

So fährt der Kohlenmann, kaum zehn Meter weit, mit der bestellten halben Tonne vor, lädt die Briketts in die Schubkarre, um die Fuhre in den Kohlenschuppen zu bringen. Alles im Service inbegriffen.

Seit fünf Jahren betreibt Sven Junghans vom heimischen Grundstück in Ruchow aus hauptberuflich einen Hausmeisterservice und ist zudem „im Umkreis von ca. 50 Kilometern von Ludwigslust bis Rostock und von Teterow bis Wismar“ als „Holzfritze“ unterwegs. So steht es auf seinem Transporter, mit dem er Kohlen und Kaminholz ausfährt. Letzteres macht „pro Jahr 150 bis 200 Raummeter aus“. Frisches bestelle er beim Förster, zersägt es und hackt es zu Scheiteln. „Trockenes Kaminholz kaufe ich zu“, so Junghans. Ein Kleinunternehmer, der hofft, dass die Nachfrage weiter steigt. Auch bei Kohlen. „Das Geschäft geht immer“, meint der Ruchower auf die Frage: „Wer heizt denn heute noch mit Kohlen?“

Zum Beispiel die Wiescholleks. Sie stammt aus Valluhn bei Zarrentin, er ist – an der Sprache unverkennbar – Ruhrpottler. Der gebürtige Gelsenkirchener verbrachte viele Jahre in Essen. „Hier hatte ich einen Tante-Emma-Laden. Sieben Tage die Woche, zehn Jahre lang. Ich steckte mein ganzes Erspartes rein, die Altersvorsorge… Immer in der Hoffnung, dass die versprochenen blühenden Landschaften des ,Bratzkopps‘ doch noch kommen.“ Der Name von Altkanzler Kohl kommt dem heute 55-jährigen Invalidenrentner nicht über die Lippen. Stattdessen wiederholt er seine Bezeichnung für den Namengeber der „Blühenden Landschaften“ mehrfach. Nach zehn Jahren war Wieschollek ruiniert – finanziell wie gesundheitlich.

Seine heutige Frau versuchte nach dem Mauerfall derweil ihr Glück im Westen. Vor zehn Jahren lernten sich die Beiden in Niedersachsen kennen, heirateten später. „Das war vor acht Jahren“, sagt er. „Nein“, korrigiert die Gattin, „wir sind im verflixten siebten Jahr“ und schmunzelt. Beim Antrittsbesuch bei der Schwiegermutter in Valluhn war der Ruhrpottler von der Gegend so fasziniert, dass er ankündigte, hier „dreimal Urlaub im Jahr“ machen zu wollen. Nix da, meinte seine Gattin: Warum nicht gleich ganz in den Osten ziehen? Also sah man sich in Schwedt an der Oder um, aber das war nicht so das Rechte. Dann wurde dieses alte Backsteinhaus in Ruchow im Internet entdeckt. Es war Liebe auf dem ersten Blick – auch wegen der Kachelöfen. „Das ist ein ganz anderes Raumklima als bei einer Wohnung mit Zentralheizung“, betont die Mecklenburgerin. Ihr Rainer nickt.

Seit fast drei Jahren wohnt das Ost-West-Paar jetzt in Ruchow, baut um und richtet im lang gestreckten Gebäude zwei Ferienwohnungen ein. „Eine wird dieses Jahr fertig, die andere 2016“, so Heike Wieschollek. „Auch da sind Kachelöfen drin“, ergänzt er.

Im strengeren Winter 2012/13 lag der Brikettverbrauch bei sieben Tonnen. „Oh, das ist viel“, so der Kohlenmann. Jetzt, nachdem u.a. neue Fenster drin, die Winter mild sind, dürften es drei Tonnen sein. Bleibt nur noch eines: Wer bringt die Asche raus? „Heizen ist Frauensache“, sagt sie. Er schweigt, ausnahmsweise…  

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