Brüel : Körnerberg wartet auf Trocknung

Christine Jürhs misst mit diesem Gerät Feuchtigkeit, Hektolitergewicht und Eiweißgehalt.
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Christine Jürhs misst mit diesem Gerät Feuchtigkeit, Hektolitergewicht und Eiweißgehalt.

Nach der verregneten Ernte zieht sich auch die sachgerechte Einlagerung des Getreides bei der DHG Brüel in die Länge.

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09. September 2017, 09:00 Uhr

Bei Hohlräumen in Brötchen oder Brot wurde scherzhaft gesagt, der Bäcker habe darin geschlafen, erzählt Klaus Wulfert schmunzelnd. Ältere Generationen wüssten sicher auch noch, dass Brot manchmal am Boden eine klitschige Schicht hatte. Beides habe daran gelegen, dass der zu Mehl gemahlene Weizen keine Backqualität hatte. Solcher werde heute nicht mehr verwendet. Wulfert muss es wissen, der Geschäftsführer der Dienstleistungs- und Handelsgesellschaft (DHG) Brüel und sein Team achten darauf, dass die Qualität stimmt. Sie nehmen jährlich 30 000 Tonnen neues Erntegut – Getreide und Raps – an, trocknen es bei Notwendigkeit, lagern ein und sorgen dafür, dass alles gesund bleibt bis zur Auslieferung. Die erstreckt bis an die nächste Ernte heran.

Weizen macht den größten Posten aus, etwa die Hälfte, in diesem Jahr allerdings auch den meisten Kummer. Wegen des häufigen Regens zog sich die Ernte hin. Und als die endlich beendet war, lagen bei der DHG noch 4000 Tonnen zum Trocknen. Knapp die Hälfte davon ist weg, überschlägt Wulfert. 14,5 Prozent Kornfeuchte sind die Obergrenze. „Die Masse des angelieferten Getreides hatte zwischen 16 und 17 Prozent, in der Spitze über 21 Prozent.“ Dass gar nicht getrocknet werden musste, sei seltener gewesen. Er sehe das mit lachendem und weinendem Auge. „Für viel Geld“, so Wulfert, habe die DHG eine moderne Trocknungsanlage gebaut, die nun richtig ausgelastet sei. Sie verhindere, dass zu feucht geerntetes Getreide verderbe; aber verbunden mit zusätzlichen Kosten für die Landwirte als Partner und Gesellschafter der DHG. Bei Erntewetter wie in diesem Jahr seien sie in der Bredouille, müssten abwägen zwischen Warten auf trockenes Wetter und Zusatzkosten. Doch je weiter die Ernte in den August gehe, desto kürzer werde die Druschzeit pro Tag. So bleibe nur ein Kompromiss. Insgesamt waren 20 000 Tonnen, zwei Drittel der angelieferten Menge, zu trocknen. „Es gab Jahre, in denen es nur
6000 Tonnen waren, für die Landwirte gut, für die DHG weniger“, sagt Wulfert.

Die zusätzlichen Kosten fürs Trocknen seien aber keineswegs das einzige Ungemach in diesem Jahr. Habe 2016 die Menge gefehlt, etwa ein Drittel, sagt Wulfert, so dass das auch „für die DHG ein schlechtes Jahr war“, sei diesmal viel gewachsen, stimme außer bei Raps der Ertrag, die Qualität dagegen überhaupt nicht. Sonst sei der gesamte Weizen als Brotgetreide weggegangen oder zumindest der überwiegende Teil. Diesmal seien es 10 000 Tonnen Futter- und nur 5000 Tonnen Qualitätsgetreide.

Klaus Wulfert erklärt das so: Jedes Getreidekorn bekommt ein Startpaket, um Wurzeln und einen Trieb zu bilden, die für Wasser und Nährstoffe sorgen bzw. dazu verhelfen, ans Licht zu gelangen und Energie fürs weitere Wachstum zu gewinnen. Das sollte es eigentlich im Boden machen, im nassen Sommer mit der langen Erntezeit ging das aber vielerorts auf dem Halm vor sich. Der Eiweißgehalt sank somit rapide. Es sei „ein schleichender Prozess“, zuerst gar nicht sichtbar, doch wenn er eingesetzt habe, sei dieser Weizen nicht mehr als Brotgetreide verwendbar. Und dringe schon was sichtbar nach außen, gebe diese Partie nicht einmal gutes Kraftfutter her, weil das Korn sein Startpaket verbraucht habe, damit die Energie, die eigentlich das Tier aufnehmen sollte, und nur Masse bleibe.

Im Labor der DHG würden alle Werte exakt bestimmt. Ein Gerät messe Feuchtigkeit, auf die es geeicht sei, Eiweißgehalt und Hektolitergewicht. Das habe zwar so viel gekostet wie ein gutes Mittelklasseauto, sagt Wulfert, „aber es hilft ungemein“, zumal in der Ernte die Zeit knapp sei. Früher wurden die Backeigenschaften, die von Eiweißgehalt und genetischem Potenzial der Sorte abhängen, praktisch geprüft.
 

Neben der Qualitätsmisere sei das Hektolitergewicht in diesem Jahr „außergewöhnlich schlecht, und das deutschlandweit“, wundert sich Wulfert. Eine genaue Erklärung dafür wisse er nicht. Ein Liter Getreide sollte mindestens 720 Gramm wiegen, bei guter Qualität 780. In Vorjahren seien es zwischen 800 und 820 Gramm gewesen, jetzt aber im Durchschnitt unter 700 Gramm. Das treffe vor allem die Landwirte, aber auch die DHG, denn bezahlt werde nach Tonnen, nicht nach Volumen. Die Arbeit, die darin stecke, sei aber gleich. „Unsere Lager sind voll“, sagt Wulfert.

Wenn die Trocknung abgeschlossen und alles Getreide eingelagert ist, werden in die Buchten Thermometer eingelassen, um jederzeit kontrollieren zu können. Ein Kühlgerät, das der Betrieb im Vorjahr angeschafft hat und unabhängig von Temperatur wie Luftfeuchtigkeit außerhalb ist, sorgt für das richtige Klima.

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