Warin : Klavierunterricht im Kinosaal

Konzentration am E-Piano: Der 13-jährige Malte Schulz aus Graupenmühle mit Musikschulleiter Bertram Grafendorff.
Konzentration am E-Piano: Der 13-jährige Malte Schulz aus Graupenmühle mit Musikschulleiter Bertram Grafendorff.

Die Wariner Musikschule hat ihre Räume in Klein Labenz für die Kindertagesstätte frei gemacht und ist vorübergehend in die Innenstadt ausgewichen.

svz.de von
28. März 2014, 16:21 Uhr

Das E-Piano steht auf der um zwei Stufen höheren Bühne in der Mitte. Malte Schulz spielt ein Stück aus dem Fundus von Carl Czerny, 1857 verstorbener österreichischer Komponist, Pianist und Klavierpädagoge. Das Instrument sei für den Unterricht bestens geeignet, im Anschlag nahezu identisch mit einem Konzertflügel, erklärt Bertram Grafendorff, Leiter der Städtischen Musikschule Warin.

Wenn sein Schüler kurz vom Notenblatt aufsieht, fällt der Blick auf etliche Bankreihen mit hoch geklappten Sitzen. Auf denen saß schon lange niemand mehr. Das alte Klavier einige Meter weiter links zeigt die eher schäbige Rückseite. Die komme an die Wand, von vorn sehe das Klavier eindeutig besser aus, meint Grafendorff schmunzelnd. Einige Schüler wollten lieber darauf spielen. Mit der Zeit geht das Einräumen im ehemaligen Kino dem Ende zu, finden alle Instrumente ihren Platz. In der zweiten Ferienwoche im Februar hatte der Umzug von Klein Labenz in die Wariner Innenstadt begonnen.


Saal komplett gereinigt, leere Wohnung renoviert


Die im Herbst 2012 gegründete Musikschule musste ihre frisch hergerichteten Räume im einstigen Gemeindehaus, in dem vorher ein Kindergarten sein Domizil hatte, kurzfristig frei machen, als in der Kita „Kinderwelt“ das Obergeschoss wegen Schimmelbefalls gesperrt wurde (SVZ berichtete). Drei Gruppen konnten hier bei relativ wenig Aufwand einziehen. Daher hatte die Stadt das Gebäude der Volkssolidarität als Träger der „Kinderwelt“ angeboten.

„Klein Labenz war für uns ideal“, schaut Grafendorff mit etwas Wehmut zurück. „Die Stadt hatte die Räume umgestaltet, die sind auf einer Ebene, aber voneinander getrennt, so dass wir uns beim Unterricht akustisch nie in die Quere kamen.“ Vorhänge und Teppiche hätten den Hall minimiert.

Natürlich sei er froh, dass sich für die Musikschule so schnell eine Ausweichmöglichkeit fand und ihr Betrieb ohne große Unterbrechung weiter gehen konnte. „Es ist eine Besonderheit, wie sich die Stadt für die Musikschule engagiert. Das habe ich schon gesagt, als sie gegründet wurde“, so Grafendorff. „Woanders werden Einrichtungen geschlossen oder kulturelle Angebote gestrichen, hier besteht Konsens, diese auszubauen. Das ist sehr positiv.“

Die Räume des Kinos, die lange Zeit „fast leer“ gestanden hätten, seien „irgendwie in Nutzung“, aber nicht wirklich nutzbar gewesen. „So hätten wir sie keinem Musikschüler anbieten können“, sagt Grafendorff. Der Saal habe eine Generalreinigung bekommen, den wenig schmeichelhaften Charme lange zurück liegender Zeiten allerdings nicht
abgelegt. Nebenräume wurden entrümpelt. Wo derzeit noch Instrumente lagern, bezieht der Schulleiter sein kleines Büro. Auch eine der beiden leeren, arg herunter gekommenen Wohnungen eine Etage höher wurde von Grund auf renoviert für den Unterricht an Schlagzeug, Keyboard und Klavier. Theorie sowie musikalische Vorträge, die in kleinen Räumen machbar sind, sollen hier ebenfalls stattfinden, größere Veranstaltungen im Kinosaal. Für Pausen gibt es einen Aufenthaltsraum. Mit den Betreibern der Lokalität im Erdgeschoss oder Nachbarn gäbe es kaum Berührung, erklärt der Leiter der Musikschule. Im Raum gegenüber dem Kinosaal probe eine Freizeitband.

Um die 20 Schüler unterrichtet Grafendorff gegenwärtig – allein. Mehr ginge nicht; deshalb gäbe es eine Warteliste und suche er Verstärkung. Am liebsten wäre ihm ein Klavierlehrer. Den werde er wohl auch nicht auf der Straße finden, aber „sicher leichter als einen guten Trompetenlehrer“.

Malte Schulz findet den Piano-Unterricht im großen Saal „echt gut“. Er hätte auch kein Problem, wenn bei einer Veranstaltung die Bankreihen vis-a-vis besetzt seien. Im letzten Kindergartenjahr sei er erstmals mit dem Instrument in Berührung gekommen. Ein Freund habe ihn seinerzeit in Güstrow gefragt, ob er mal mitkommen wolle, erzählt der 13-Jährige. „Und das hat mir auf Anhieb gefallen.“ Seit der Schulzeit gehe er zum Unterricht. In Phasen, in denen er aufhören wollte, habe ihn seine Mutter ermuntert weiterzumachen. „Dafür bin ich ihr heute dankbar“, sagt Malte. Denn nach dem Umzug im Winter von Güstrow nach Graupenmühle kehrte die Freude am Klavierspielen zurück. Die Wariner Musikschule sei für ihn ein Glücksfall. Neben Klassik, zu der sich der Junge noch immer hingezogen fühlt, versucht er sich nun auch in moderner Musik – vorher undenkbar. Bertram Grafendorff zeigt sich indes offen. Die alte Klavierschule von Carl Czerny sei empfehlenswert zum Erlernen der Grundtechniken, doch zur persönlichen Entfaltung trage die Musik, die junge Leute „täglich zu 80 bis 90 Prozent hören und die sie prägt“, auf jeden Fall dazu. „Jeder Schüler ist anders gestrickt. Als kleine Musikschule haben wir die Möglichkeit, darauf einzugehen. Für uns sind Jazz, Rock oder Pop ein zweites Standbein“, so Grafendorff. Malte spult in Gedanken „Africa“ von Toto ab, sein Musiklehrer denkt an eine Veranstaltung seiner Schüler vor Publikum im Kinosaal – etwa wie bei der Eröffnungsfeier in Klein Labenz.

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