Sternberg : Klassentreffen mit Stadtführung

Die Brüeler Abiturienten von 1963 treffen sich auf dem Markt zur Stadtführung: Die übernahm Regina Karl, drei Jahre jüngere Schwester von Renate Berger, die sich als derzeit einzige Sternbergerin aus der damaligen Klasse um die Organisation kümmerte.
Die Brüeler Abiturienten von 1963 treffen sich auf dem Markt zur Stadtführung: Die übernahm Regina Karl, drei Jahre jüngere Schwester von Renate Berger, die sich als derzeit einzige Sternbergerin aus der damaligen Klasse um die Organisation kümmerte.

Brüeler Abiturienten von 1963 treffen sich für drei Tage in Sternberg. Das gute Verhältnis zum damaligem Lehrer blieb bis heute erhalten.

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23. September 2015, 20:46 Uhr

Alle sind Jahrgang 1944/45 und leben weit verstreut, einige im näheren Umkreis, andere weiter entfernt. Die heutigen Rentner trafen sich für drei Tage in Sternberg. 1963 hatten sie an der damaligen Erweiterten Oberschule (EOS) in Brüel ihr Abitur abgelegt, 17 von
21 Schülern, die vier Jahre zuvor in diese Klasse gekommen waren. Dort an der EOS gab es von der Neunten bis zur Zwölften jeweils eine.

Um die Organisation des Klassentreffens mit Stadt- und Kirchenführung, Kahnpartie, Kremserfahrt und Wanderung ins Warnowtal, Kegeln und geselligen Runden hat sich Renate Berger, geborene Krüger, gekümmert. Sie wohnt derzeit als einzige in Sternberg – wieder, müsste es genauer heißen. Denn nach dem Abitur hat sie in Halle ein Lehrerstudium für Mathe und Chemie absolviert, blieb dort „hängen“, gründete eine Familie, machte ein Studium zur Diplom-Ökonomin und wechselte in die Datenverarbeitung.


Erstes Wiedersehen nach 20 Jahren in Brüel


„2010 bin ich als Rentnerin wieder hergezogen“, sagt die 70-Jährige lächelnd. Die Eltern, beide 90, leben hier, die Tochter und drei Enkel in Plau am See, wo die Oma oft eingesprungen sei. „Wir sind viel hin- und hergefahren. Dann haben wir uns entschlossen, in meine Heimat zu ziehen.“ Und so ganz wohl gefühlt habe sie sich in dem Dorf bei Halle auch nicht. Die Siedlung an einem Feld sei zwar sehr schön, doch es
habe stets eine Trennung zwischen altem und neuem Dorf gegeben.

Renate Berger ist mitten in Sternberg geboren, „sogar im selben Bett wie meine Mutter, hat sie mal erzählt“. Die Eltern wohnten am Markt. Sie hatten von ihren Eltern die Gaststätte samt Fremdenzimmern übernommen. Seit 1908 sei das Haus in Familienbesitz gewesen. Bis zur „Aktion Rose“ mit der Verstaatlichung vor allem in Hotellerie und Gastronomie. Schwerpunkt waren zwar die Badeorte an der Ostsee, doch auch in Sternberg schlug das junge DDR-Regime zu. Die Volkseigene Handelsorganisation (HO) zog ein. „Meine Eltern bekamen Miete, aber ganz wenig“, erfuhr Renate Berger später. Der Vater durfte zumindest die Tankstelle, von der nur noch ältere Sternberger wissen, weiter betreiben, die Mutter begann als ungelernte Kraft im Hort und brachte es durch ein Fernstudium bis zur Schulpsychologin.

Zurück zum Klassentreffen: Nach genau zwei Jahrzehnten kamen die Brüeler Abiturienten von 1963 das erste Mal wieder zusammen. „Vorher hatten sich mal einige von uns auf Tanzsälen gesehen oder die mit Elternhäusern in Sternberg alle zwei, drei Jahre im kleinen Kreis.“ Das erste große Treffen habe in Brüel im Mecklenburger Hof stattgefunden, dann sei es im Abstand von fünf Jahren weitergegangen, bis zwei daraus wurden. „Beim ersten Mal blieben wir am Nachmittag unter uns, die Ehepartner kamen erst am Abend dazu.“ Inzwischen sei es so, als hätten sie mit in der Klasse gesessen; die Treffen dauern jetzt drei Tage.


Mit dem Lehrer zwei Wochen in die Ferien


Alle freuten sich, dass auch der damalige Lehrer Dr. Till Dahlenburg, mittlerweile 81, zum Klassentreffen kommt. „Wir waren seine erste Klasse über alle vier Jahre in der EOS. Er war streng, aber mit einer sehr humanen Erziehung.“ Dahlenburg habe Deutsch und Russisch unterrichtet. In UTP (Unterrichtstag in der Produktion) sei er mit der Klasse in Golchen gewesen, „wo wir melken gelernt haben“. Weil der Lehrer persönlich so viel mit den Schülern unternahm, habe sich ein „besonders enges Verhältnis“ gebildet, das bis heute bestehe. „Jedes Jahr fuhr er mit uns zwei Wochen in die Ferien, das erste Mal mit dem Fahrrad nach Graal-Müritz. In Deutsch haben wir Auerbachs Keller aufgeführt. Damit das klappt, musste mancher auch mal nachsitzen“, erzählt Renate Berger schmunzelnd.

Die sechs Sternberger seien mit dem Schulbus zur EOS gefahren, die Wariner mit dem Zug, mit den Jahren auch mal per Anhalter. „Wir haben uns meist an die Ecke Schweriner Straße gestellt“, so Berger. In Bus und Bahn sei viel gesungen worden, auch manches Lied, das „von den älteren Schülern stammte und nicht ganz astrein war“. Die Mitschüler aus den Dörfern hätten im Internat gewohnt.

Beruflich hätten alle ihren Weg gemacht, bis auf drei studiert. Allein fünf seien Lehrer geworden, andere Mediziner, Ingenieure, Offizier, Kindergärtnerin, Physiotherapeutin, Facharbeiter. Ingrid Pavlova, geborene Maretzki, sei in Prag gelandet, Pressefotografin und Chefredakteurin der Prager Volkszeitung geworden. Sie hatte den längsten Weg zum Klassentreffen. Unter den Wohnorten sind auch Dresden, Radebeul, Hermsdorf, Potsdam und näher dran Kühlungsborn, Neverin bei Neubrandenburg, Schwerin, Goldberg, Witzin, Golchen, Brüel. Den Abschluss bildete diesmal der Besuch bei einem Mitschüler, der nach einem Schlaganfall in einem Parchimer Pflegeheim lebt.

Das Treffen nach 50 Jahren Abitur fand in Graal-Müritz statt, das 2017 soll in Güstrow sein.

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