Seehotel Sternberg : Kein Lohn, gekränkt, gekündigt

Das Sternberger Seehotel ist geschlossen, die Zufahrt zum Parkplatz vor dem Haus gesperrt.  Fotos: Rüdiger Rump
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Das Sternberger Seehotel ist geschlossen, die Zufahrt zum Parkplatz vor dem Haus gesperrt.

Scheidende Mitarbeiter vom Sternberger Seehotel beklagen rüden, teils verletzenden Umgangston in den letzten Wochen

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15. August 2015, 08:00 Uhr

Am Telefon meldet sich eine freundliche Frauenstimme vom Band und verkündet, „leider sind unsere Leitungen zur Zeit alle belegt“. Anrufer aus der Ferne könnten annehmen, das Haus sei stark gefragt, und versuchen es wieder. Die Homepage im Internet lädt ein, den Alltagsstress zu verlassen und im Seehotel Sternberg einmal richtig auszuspannen. Doch die automatische Eingangstür öffnet sich nicht wie sonst. Der Parkplatz ist verwaist, die Zufahrt durch Flatterband und Barriere gesperrt. Nur vor dem kleinen Nebenhaus mit der Ferienwohnung steht ein Skoda mit dem Kennzeichen VEC für Vechta. Wer weiß, wem der gehört.

Das Vier-Sterne-Haus ist seit Anfang August geschlossen, nachdem für die Betreibergesellschaft am 27. Juli ein vorläufiges Insolvenzverfahren beim Amtsgericht in Schwerin eingeleitet wurde (wir berichteten). Die letzten Hotelgäste sind vor knapp zwei Wochen abgereist.


Überstunden und kaum freie Tage


Die verbliebenen Angestellten, gut ein Dutzend an der Zahl, bekamen Donnerstagmittag ihre Kündigung zu Ende August bzw. September ausgehändigt. Vorausgegangen war eine so genannte Massenentlassungsanzeige bei der Agentur für Arbeit durch den vorläufigen Insolvenzverwalter Michael Wilkens aus Hamburg. Alle seien nun freigestellt. Wer Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, könne das jetzt beantragen, für die rückständigen Löhne außerdem einen Vorschuss auf Insolvenzgeld, erklärt Wilkens gestern auf SVZ-Anfrage.

Schon seit Juli erhielten die Mitarbeiter kein Geld mehr. Das brachte einen Teil von ihnen nicht nur in eine missliche Lage, sondern auch in Rage. Aber nicht nur das, emotional beklagen Mitarbeiter, die zu uns in die Redaktion kamen, den rüden, teils verletzenden Umgangston in den letzten Wochen durch den neuen Hoteldirektor, der erst Mitte Juli sein Amt angetreten hatte. Zuerst habe er „ganz nett“ gewirkt, „aber sobald es nicht nach seiner Nase ging“ oder beispielsweise die Anfrage nach einem freien Tag kam, sei er aus der Haut gefahren und habe herumgeschrien. Immer wieder hätten sich Mitarbeiter gekränkt gefühlt.

Einer Kollegin, die sich förmlich „den Hintern aufgerissen habe“, sei an den Kopf geworfen worden, sie wäre mit 8,50 Euro pro Stunde, dem gesetzlichen Mindestlohn, überbezahlt. Jene, die von sich aus gegangen waren, habe der neue Hotelchef maßlos schlecht gemacht, auch an Sternberg als Stadt kein gutes Haar gelassen; mehrmals seien Schimpfwörter gefallen.

Ein Problem habe sich indes schon unter seinem Vorgänger aufgebaut: die immense Zahl von Überstunden. Bei einigen Kollegen hätten sich bis in den Juli um die 150 angesammelt. Wenn die bezahlt würden, reiche das Geld für den Lohn nicht, habe es geheißen. Hinzu sei zur Jahresmitte noch beinahe der komplette Urlaub von mehr als 20 Tagen gekommen. Und es gehörte beinahe zur Normalität, nach zehn Arbeitstagen am Stück nur einen frei zu bekommen. Die Überstunden sollten abgebummelt werden, seien die Mitarbeiter hingehalten worden. Angesichts der immer größer werdenden Personalnot bei hoher Auslastung des Hotels sei das aber aussichtslos gewesen.


Besondere Situation – Nerven liegen blank


Die Situation hätte sich in den letzten Wochen noch zugespitzt. Mitunter habe zur Bedienung der 80 Hausgäste mit Halbpension, am Abend ein Zwei-Gänge-Menü, lediglich eine Servicekraft zur Verfügung gestanden. Wer als Kellner oder für die Rezeption eingestellt war, habe auch alles andere mitmachen müssen, selbst Zimmer putzen.

Der Hotelchef war von SVZ trotz mehrerer Anläufe nicht mehr erreichbar. Insolvenzverwalter Wilkens hält sich zurück, was die Vorwürfe der Mitarbeiter zum Umgangston betrifft. Ihm seien solche Dinge nicht bekannt. Allerdings könne er aus langjähriger Erfahrung in dem Metier eine aufgeheizte Stimmung nachvollziehen. Es sei für alle Beteiligten „eine besondere Situation, in der die Nerven blank liegen“. Der Hoteldirektor sei als Angestellter genauso von der Schließung des Hauses und Arbeitslosigkeit betroffen.

Wilkens geht davon aus, noch „Masse deckende Einnahmen“ zu erzielen und „Ende September/Anfang Oktober“ das Insolvenzverfahren für die Betreiber GmbH eröffnen zu können, jedoch „mit einer sehr geringen Quote“ für die Gläubiger. Über die Immobilie könne Eigentümer Dr. Jan Thomas Berg verfügen. Die will Heino Keller, der die Gaststätte „Domowoj“ im Sternberger Maikamp betreibt, kaufen. Mehr dazu in der nächsten Woche.

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