zur Navigation springen
Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

23. November 2017 | 16:11 Uhr

Mustin/Sternberg : Jubilar aus der Aufbau-Generation

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Alfred Schaumann hat großen Anteil an Sport- und Freizeitanlagen in Sternberg – am Montag wird er 90 Jahre alt und freut sich über weitere Entwicklung.

von
erstellt am 23.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Er hatte sich vor unserem Gespräch manches aufgeschrieben, um nichts zu vergessen. Denn Alfred Schaumann hat viel zu erzählen. Als es weit in sein Leben zurück geht, schaut er häufiger auf die Zettel, dann kaum noch. Bei jeder Frage denkt der 89-Jährige kurz nach, bevor er langsam antwortet.

Mit seinem Namen verbindet sich die Errichtung mehrerer Sport- und Freizeitstätten in Sternberg. Schaumann war rund 15 Jahre ehrenamtlich Ratsmitglied für Sport und Erholungswesen, bevor ihn der damalige Bürgermeister Hans Schwichtenberg für diesen Bereich ins Rathaus holte. 1990 wurde er krank und der Ruhestand klopfte an die Tür. „Sonst hätte ich ihn mit Sicherheit übernommen“, erinnert sich Jochen Quandt, ab dem 1. Juni neuer Bürgermeister.


Olympische Spiele zu Hause nachgemacht


Seine Begeisterung für den Sport hatte Schaumann aus seiner ersten Heimat mitgebracht, Hochfließ in Ostpreußen, das heute Kalininskoje heißt und wie Kaliningrad, das einstige Königsberg, zu Russland gehört. „Als 1936 die Olympischen Spiele in Berlin waren, haben wir alle Sportarten, die wir konnten, bei uns nachgemacht“, blickt Schaumann zurück, damals gerade mal zehn Jahre. Die Eltern hatten „ein schönes Bauerngehöft, nicht groß, aber fein“. Der Familie sei es gut gegangen. Sie habe das, was der Hof hergab, zumeist an Genossenschaften geliefert, nebenbei Trakehner halten und sich ein Auto leisten können.

„Im Oktober 1944 war alles vorbei.“ Die Eltern flüchteten mit vier Pferden und zwei Wagen, die sie wenig später einbüßten. Er sei Soldat gewesen, habe viele Kameraden neben sich sterben sehen und dem Tod selbst ins Auge geblickt, als der Krieg für ihn schon vorbei schien, nachdem sein Kommandeur alle aus der Truppe nach Hause geschickt hatte. Doch die Feldgendarmerie hielt sich an den Führerbefehl, jeden Soldaten hinter der Front zu ergreifen und aufzuhängen. Schaumann wurde mit anderen eingesperrt, am nächsten Morgen sollten sie sterben, doch nächtliche Luftangriffe der Roten Armee ließen die Feldgendarmerie türmen. Der 18-Jährige gelangte durch die Schorfheide und Müritzregion bis Heiligenhafen an der Ostsee, geriet dort in englische Kriegsgefangenschaft, wurde danach Knecht bei einem Bauern nahe Lüneburg. Von den Eltern wusste er nichts, bis ihn sein anderthalb Jahre älterer Bruder Weihnachten 1945 besuchte. Dann ging es mit dem Zug bis Blankenberg und von dort zu Fuß über Brüel bis Kobrow, wo die
Eltern nach Zwischenstation in Stralsund eine Siedlung erhielten. Die habe nicht nur ihre Familie, sondern auch Verwandte in Sachsen und Thüringen „am Leben erhalten“.

1952 kam Schaumann nach Sternberg und zum Fußball. Gespielt wurde auf einer Sandfläche zwischen der heutigen Tankstelle in Richtung Brüel und Motocrossbahn. Es wurde ein Sportplatz gebraucht. Den schufen Enthusiasten wie Schaumann am Sternberger See. Büsche mussten heraus, die Kuhlen, aus denen Ton für die Ziegelei gewonnen worden war, verfüllt und der Nussberg, auch Naetberg oder Nöetbarg genannt, soweit abgetragen werden, damit eine ebene Fläche zum Fußballspielen entstand, „zwei Jahre dauerte das, alles in Feierabendarbeit“, wie Schaumann betont.

Er hatte ein Fernstudium an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) in Rostock aufgenommen, wurde aber wegen staatsfeindlicher Äußerungen exmatrikuliert. Die hätten nur darin bestanden, die Kleinbauern gegenüber dem Lehrer für Gesellschaftskunde zu verteidigen, der gesagt habe, diese seien faul, würden zu wenig abliefern. Christina Djimdé, Schaumanns älteste Tochter, die seit 40 Jahren in Berlin lebt und nun zu Besuch ist, schüttelt verständnislos den Kopf.

Ohne Arbeit und Einkommen, gelangte Schaumann durch Fürsprache zur 1952 gegründeten Konsumgenossenschaft, studierte und stieg bis zum Vorstandsvorsitzenden auf. Er habe gelernt, „an sich zu arbeiten, Augen und Ohren aufzumachen und nicht hoch die Tassen“, sagt der 89-Jährige. Schön gefeiert worden sei natürlich auch mal. „Er hat sich selbst am Freitagnachmittag ins Auto gesetzt und Fleisch in eine Verkaufsstelle gebracht“, erzählt Christina Djimdé. Und häufig habe er
alle drei Töchter eingespannt. Die Versorgung zu gewährleisten, sei allerdings immer schwieriger geworden. „Ich konnte mich in Schwerin
beschweren, wie ich wollte, wurde eher klein gemacht.“ Die Grenzkreise müssten nun mal besser versorgt werden.

Da sei das Angebot, hauptamtlich als Ratsmitglied für Sport und Erholungswesen zu arbeiten, genau richtig gekommen. Um die Kreisspartakiade ausrichten zu können, wurde der Sportplatz ausgebaut, für die Aschenbahn Ziegelbruch zerkleinert, alles Material mit Loren auf Schienen bewegt.


Schießstand, Motocross, Strand und Campingplatz


Viele seien beteiligt gewesen „mit Aufbauwillen, Interesse am Sport, Kraft, Anstrengung und Organisationstalent“, so Schaumann. Er sagt fast nur „wir“, kaum „ich“. Solche große Bereitschaft, in der Freizeit anzupacken, gebe es heute nicht mehr. Ein zweiter Fußballplatz entstand, am Rande der Stadt der Schießstand für Kleinkaliber (KK), Pistole und Trap, unweit die Motocrossbahn, in der alten Mühle das GST-Ausbildungszentrum, am See der Badestrand mit Stegen und der Wanderweg bis zum Serrahnsbach, in die einst von Bauarbeitern genutzte Baracke am Sportplatz kamen zwei Kegelbahnen. Ganz stolz ist Schaumann auf den Campingplatz am Luckower See, „von der Ausstattung einer der Besten in der DDR“.

Dass nach der Wende vieles weiterentwickelt oder erneuert wurde, die Stadt ein schickes Stadion hat, das 2001 übergeben wurde, freut den Senior des Sports. Sternberg, seine zweite Heimat, sei „ein schönes Städtchen geworden, „eine Perle“, wie die älteste Tochter sagt. Am Montag wird Alfred Schaumann 90 Jahre – alles Gute!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen