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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

23. Oktober 2017 | 15:47 Uhr

Brüel : „Ich hege wirklich keine Rachegedanken“

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Michael Ehrich ist im August 1981 in den Westen geflohen. Seine Rückkehr nach Brüel ist auch eine Konfrontation mit der Vergangenheit.

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erstellt am 12.Aug.2017 | 07:25 Uhr

Seine Flucht aus der DDR wird Michael Ehrich nie vergessen - doch in diesem Monat kommen die Bilder besonders deutlich zurück. Da ist der 13. August - der historische Tag im Jahr 1961, als nach einem Befehl Walter Ulbrichts der Bau der Berliner Mauer beginnt. Und da ist der 7. August, jener Tag vor 36 Jahren, der das Leben des 28-Jährigen für immer verändern wird...

Der 64-Jährige wohnt längst wieder im Osten Deutschlands, ist mit seiner Familie in Brüel angekommen. Und doch, die Bilder bleiben im Kopf, „manchmal träume ich jetzt von der Flucht, vor allem, wie ich durch die Donau geschwommen bin. Und im Gegensatz zu damals habe ich heute - 32 Jahre danach - im Traum Angst“, schreibt Michael Ehrich 2013. In jenem Jahr hat er nur für seine Familie seine Flucht, die Vorgeschichte und wie sie nachwirkt, aufgeschrieben.

Nach einer Lehre zum Klempner leistet Michael Ehrich als 18-Jähriger einen dreijährigen Dienst bei der Volksmarine. In Schwerin arbeitet er dann als Betriebsklempner und Nähmaschinenmechaniker im VEB Kombinat Lederwaren. Er sei kein „überzeugter Sozialist oder Kommunist gewesen, aber ich fand nicht alles schlecht in der DDR und wollte mir mein Leben in diesem Staat aufbauen. Ich wollte Lehrmeister werden“. Er beginnt eine Meisterausbildung und bietet sich an, einen Jugendklub mit Diskothek zu eröffnen. Der Klub im Neubaugebiet Großer Dreesch läuft gut, sehr gut sogar. Dann gerät der 26-Jährige ins Visier der Staatssicherheit (Stasi) und findet sich schließlich für zehn Tage in einer Einzelzelle im Untersuchungsgefängnis am Schweriner Demmlerplatz wieder. „Mir waren Beihilfe zur Republikflucht und Verleumdung des Staates DDR vorgeworfen worden. Beides war völlig haltlos“, sagt er.

Wieder entlassen, liegt auch seine berufliche Zukunft in Scherben und „mein Vertrauen in ein für mich gutes Leben in der DDR war dahin“.

Michael Ehrich zieht nach Sternberg und arbeitet bei der Gebäudewirtschaft. Das Büro liegt in einem völlig heruntergewirtschafteten Haus in der Schweriner Straße in Brüel. Doch das Haus hat es ihm angetan, er will es kaufen und aufbauen. Erneut platzt der Traum.

Zu dieser Zeit habe er erstmals ernsthaft über eine Flucht aus der DDR nachgedacht, sagt er. Inzwischen in Güstrow arbeitend, „behielt ich das Haus in Brüel im Auge, ich übernachtete auch manchmal dort“. Michael Ehrich beginnt mit konkreten Fluchtvorbereitungen. Mit einem Rucksack macht er sich am 7. August 1981 auf eine lebensgefährliche Reise. Über Budapest geht es gemeinsam mit seinem bulgarischen Freund Peter, der in Schwerin lebt, bis ins rumänische Orsova. Dort trennen sich die beiden. „Peter hat seinen Hals für mich riskiert. Ich hoffe, dass er noch in Schwerin lebt und sich bei mir meldet“, wünscht sich der Brüeler.

Also steht er allein in Orsova an der Donau, „mit Rucksack, Schwimmflossen, einem aufgepumpten Schlauch und großer Entschlossenheit“. Eine Stunde lässt er sich im Wasser treiben, immer darauf bedacht, keinen Krach zu machen und keinem Boot in die Quere zu kommen. Es ist Mitternacht. „Langsam bekam ich Angst, ich könnte zu nah an das Eiserne Tor geraten. Dann wäre ich verloren gewesen. Das Eiserne Tor in der Nähe von Orsova ist eine Verengung der Donau durch zwei Felsen, so dass die Fließgeschwindigkeit extrem zunimmt in diesem Bereich. Ich musste also dringend anfangen, mit meinen Schwimmflossen zu paddeln, um ans andere Ufer zu gelangen.“ Völlig erschöpft gelingt es ihm, sich ans jugoslawische Ufer zu ziehen. Abseits der Straße schläft er sofort, um am nächsten Morgen festzustellen, dass er auf einem alten Friedhof zwischen umgestürzten Grabsteinen liegt. Über Kladovo, Belgrad und Zagreb erreicht er schließlich den Grenzort Koper. Michael Ehrich ist seinem Ziel so nahe - noch dieser eine Grenzübergang, dann ist er im sicheren Triest! Er sprintet los, wirft sich über den vielleicht zwei Meter breiten Bach und robbt zu einem Grenzstein mit italienischer Flagge. „Völlig ungläubig starrten die jugoslawischen Grenzer zu mir. Als ich aufstehen wollte, fühlte ich eine Pistole am Kopf. Die italienischen Grenzer hatten mich beobachtet und als ich loslief, lief auch einer der Carabinieri los...“ Doch das klärt sich auf, denn Personalausweis und Führerschein hat er in den Schuhen versteckt.

Immer wieder sei er während seiner 15 Tage andauernden Flucht auf hilfreiche Menschen gestoßen, eine Frau, die ihm einen ganzen Korb voller Weintrauben schenkt, den Fahrer eines Kleinbusses, der ihn mitnimmt, obwohl er nicht bezahlen kann, Österreicher, die ihm helfen, dass er im Zug in Jugoslawien nicht ohne gültige Papiere erwischt wird, einen Schweizerdeutsch sprechenden Ägypter, der ihn zum Generalkonsulat in Mailand bringt... „Auf meiner ganzen Flucht von Schwerin bis Mailand sind mir von allen Seiten nur Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Großzügigkeit und Verständnis entgegengebracht worden. Das war die großartigste Erfahrung dieser Tage.“

Bis zur Wende ist Lüneburg das neue Zuhause. Hier lernt er auch seine Frau kennen. Zufall oder Fügung - deren Familie kommt aus Brüel und war Eigentümer der Ziegelei, die hinter dem Haus stand, das er einmal kaufen wollte. Die Ziegelei gibt es nicht mehr, die Familie wurde enteignet und floh 1961 nach Lübeck.

„Obwohl es mir gut ging in Lüneburg, bekam ich immer größeres Heimweh. Ich fuhr oft an die Grenze und schaute hinüber“, sagt Michael Ehrich. Das Ehepaar schmiedet Pläne, nach Neuseeland auszuwandern, da wird das Unglaubliche wahr: Die Wende kommt. Das Anwesen in Brüel wird rückübertragen, Michael Ehrich zieht mit seiner Familie ein.

Seine Rückkehr nach Brüel ist aber auch eine Konfrontation mit der Vergangenheit. Nicht alle freuen sich, ihn zu sehen. Zumal er nicht nur keinem aus dem Weg geht, sondern manche Menschen auch aufsucht. „Ich hege wirklich keine Rachegedanken“, sagt der Brüeler. Aber es seien noch Gespräche offen, wie mit seinen Freunden, deren Decknamen „Joachim“, „Heinz Peters“ und „Maria“ er aus seiner Stasi-Akte kenne oder mit anderen, von denen er wisse, dass sie bei der Stasi gewesen seien und auch wüssten, dass er es wisse. Er habe auch Hoffnung, dass ehemalige Stasi-Leute aus Sternberg, die namentlich bekannt sind, „so viel Rückgrat besitzen und mir die von ihnen privat aus meiner Wohnung mitgenommenen Möbel und Antiquitäten wiedergeben, darunter einen alten Sekretär und ein Ölgemälde, das die Großmutter meiner Halbgeschwister darstellt“.

Und die Angst in den Träumen? „Im Moment beschäftigt mich die Flucht nicht mehr“, sagt der 64-Jährige. Dazu beigetragen habe sicherlich, dass er noch einmal die Strecke abgefahren sei, mit einem Wohnmobil gemeinsam mit seinem Freund Gerald Streit.

Michael Ehrich ist am Sonntag, 13. August, in der „Zeitreise“ um 19.30 Uhr im NDR-Nordmagazin zu sehen.

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