Neu Nantrow : „Hungrig funktioniert der Kopf besser“

Unikatmode von Damenmaßschneiderin Frauke Goldhammer aus Neu Nantrow.
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Unikatmode von Damenmaßschneiderin Frauke Goldhammer aus Neu Nantrow.

Damenmaßschneiderin Frauke Goldhammer aus Neu Nantrow steht jeden Morgen um 4 Uhr auf. Erstmals ist sie bei „KunstOffen“ dabei

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17. Mai 2018, 12:00 Uhr

Am Ortsschild von Neu Nantrow bei Neuburg geht die Asphaltstraße in einen staubigen Weg über. Straßennamen sucht man vergebens – braucht es aber auch nicht bei insgesamt 22 Einwohnern. „Ein Kaff“, verkündet die Gastgeberin, in dem sich aber oder gerade darum leben lässt. In Neu Nantrow wohnen etwa der Steinmetz und Bildhauer Benno Linke, Bildhauer Rainer Kessel, das Puppenspielerehepaar Uli und Doris Schlott sowie ein Schriftsteller, Regisseur – und eben seit Januar 2016 auch eine Damenmaßschneiderin: Frauke Goldhammer.

Sie und ihr Mann sind Hauptstadt-Füchtlinge. „Berlin ist nicht mehr lebbar, ein einziges Pronto-Protzo. Junge Leute um die 20 mögen es total hip finden. Aber für Menschen wie mich, ich bin Freiberuflerin seit 17 Jahren, geht gar nichts mehr. Die Mieten explodieren, im dem Jahr, als wir wegzogen, um 40 Prozent“, sagt Frauke Goldhammer.

Und nun Neu Nantrow. Mehr Kontrast geht nicht. „Buswendeschleife, Briefkasten – Punkt“, sagt die Frau, die andere Frauen im wahrsten Sinne des Wortes anzieht – mit Mode, die nicht von der Stange ist. 1963 in Schwerin geboren und in der Damenmaßschneiderei Am Markt gelernt, „dort, wo heute eine Kaffeerösterei ist“, verschlug es die Mecklenburgerin mit 19 Jahren nach Berlin Prenzlauer Berg. „Der heutige Prenzlauer Berg hat nichts mehr gemein mit dem alten Prenzelberg, den wir alle kannten, liebten“, verkündet sie. Deshalb fiel der Wegzug auch nicht so schwer.

Neu Nantrow wurde es, da es ihr nach „vielen gruseligen Besichtigungen von alten ewig gleichen grauen Häusern auf den Dörfern“ hier gleich „ein bisschen warm im Herzen wurde. Ein Haus mit Ständerwerk und Lehmwänden“. Und im Nebengelass, einem ehemaligen Stall, war Platz für ihre Schneiderwerkstatt.

Frauke Goldhammer, die durch ihre Oma „gezwungenermaßen“ plattdeutsch kann, ist zurück in Mecklenburg – inzwischen angekommen in Neu Nantrow. Jeden Morgen um vier Uhr steht sie auf, der Weg führt sogleich in die Werkstatt. „Der Kopf funktioniert hungrig besser“, ist ihre Erfahrung. Und außerdem könne sie morgens nichts essen. Frühstück ist darum erst gegen neun Uhr. Bis mittags wird gearbeitet, „dann eine Stunde Nickerchen, bevor es weitergeht“.

Vom Hut bis zu den Accessoires kleidet sie die Damenwelt an. Die Herrenwelt, außer ihren Gatten, lässt sie außen vor. Man verhungere bei Männern, „die kaufen sich alle 15 Jahre einen Pullover“. Bei ihrer Mode lege sie „Wert auf hochwertige Stoffe; auf klare Linie, klaren Schnitt. Keine Rüschen, Volants und den ganzen Tüddelkram“. Jacken aus gewalkter Wolle, wie die rotfarbige auf dem Foto, sind aktuell am meisten gefragt. Kostenpunkt in der Variante mit eingenähtem Rückenteil: 119 Euro. Das Sommerkleid daneben ist für 89 Euro zu haben.

Ihre Ware verkauft Frauke Goldmann vor allem von September bis Weihnachten auf speziellen Märkten, darunter neuerdings beim Klostermarkt in Zarrentin. Noch fährt sie recht häufig zu entsprechenden Berliner Märkten, wo sie einen Namen hat. Aber davon will sie sich nach und nach abnabeln und ihre Kundschaft an der Küste finden. Und spätestens seit einer Modenschau im Klanghaus Ilow weiß sie: „Auch Mecklenburger tun es“, kaufen sich bei ihr ein exklusives wie exquisites Stück.

Darauf hofft Frauke Goldhammer auch zu Pfingsten. Erstmals beteiligt sie sich an „KunstOffen“, verwandelt ihren großer Garten am Sonntag und Pfingstmontag jeweils von 10 bis 18 Uhr zu einem Modesteg mit Umkleidezelt inklusive. Mode zum Anfassen, anprobieren und bei Gefallen gleich mitnehmen. Männer übrigens sind bei „KunstOffen“ in Neu Nantrow auch gern gesehen. Als Begleiter, Berater ihrer Frau und zudem gibt es bei den Goldhammers – ihr Mann hat ab heute für die Vorbereitung Urlaub genommen – auch noch Speis und Trank.

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