Hundeattacke beim Kindergeburtstag

Gut erzogen wie dieser Altdeutsche Schäferhund gehorcht das Tier aufs Wort. Aber es kann Situationen geben, zum Beispiel in einem winzigen unbeobachteten Moment beim Spielen von Kindern, dass der sonst so nette  Hund doch auf einmal zuschnappt. rüdiger rump
Gut erzogen wie dieser Altdeutsche Schäferhund gehorcht das Tier aufs Wort. Aber es kann Situationen geben, zum Beispiel in einem winzigen unbeobachteten Moment beim Spielen von Kindern, dass der sonst so nette Hund doch auf einmal zuschnappt. rüdiger rump

von
15. Mai 2012, 06:45 Uhr

Kobrow | Seiner Tochter geht es den Umständen entsprechend wieder gut, sagt Markus Ehlert*. In der vorigen Woche konnte sie in den Kindergarten zurück. Die Fünfjährige habe sich auf die Kita gefreut, auf die anderen Kinder und ihre Freunde. Es müsse alles so weitergehen wie vorher.

Eine Woche hatte das Mädchen nach dem Biss eines Schäferhundes in der Kinderchirurgie des Schweriner Klinikums zugebracht mit vier Wunden nahe am Auge, an der Wange, im Mundraum und am Hals. Letztere war die gefährlichste Stelle, meint der besorgte Vater, der Anzeige erstattet hat. Dem Anschein nach habe der Hund einmal voll zugeschnappt. Die Kleine wurde operiert, mehrfach musste genäht werden. Sie blieb wegen der Keimgefahr durch den Biss auch noch zur Beobachtung im Krankenhaus, bevor die Eltern ihr Kind zu Hause mit Medikamenten gegen Keime weiter behandelten.

Passiert war das Unheil bei einem Kindergeburtstag in einem Nachbardorf, das zur Gemeinde Kobrow gehört. Ein Elternteil hatte die kleinen Gäste von auswärts mit dem Auto hingefahren. Zurückgebracht wurde das schwer verletzte Mädchen dann von den Gast gebern der Kinderfeier, allerdings ohne vorherige medizinische Versorgung durch einen Arzt. Darum kümmerten sich sofort die Eltern, fuhren mit der Kleinen auf schnellstem Weg ins Klinikum. "Es gibt Reißwunden, die besonders schlimm aussehen. Und es gibt Punktwunden wie bei unserer Tochter, und die gehen tief", weiß Markus Ehlert. "Wir können glücklich sein über die moderne Medizin. Unsere Tochter ist noch klein, da heilen solche schweren Wunden meist gut." Ob Narben im Gesicht bleiben, lasse sich schwer voraussagen. Er hoffe, nicht, angesichts heutiger ärztlicher Kunst.

Wie der Kobrower sagt, ist er selbst mit einem Hund aufgewachsen. Seit jeher laufe der bei den Eltern im Haus herum oder liege in der Küche, aber wenn Besuch komme, müsse der Hund in den Zwinger. "Das ist selbst jetzt so, wenn wir mit unseren Kindern dort sind. Denn jeder Hund kann beißen. Er kann nicht reden, er kann nur beißen", sagt Ehlert und mahnt inständig an, die Vorsicht lieber zu übertreiben, wenn ein Hund im Hause ist und dort Kinder zu Besuch kommen.

Der Hundehalterin und Mutter des Geburtstagskindes tue das Geschehene "unendlich leid", es habe sie stark "mitgenommen". Und leise fügt die Frau hinzu: "Ich habe seitdem viel geweint." Das Wesen des Schäferhundes, der sein Leben lang Kinder um sich hatte, habe nicht verlangt, ihn einzusperren. Er sei immer zutraulich und lieb gewesen. "Und die Aufsichtspflicht war jederzeit gewährleistet", beteuert die Gastgeberin. Auf der Geburtstagsfeier mit vier Kindern von fünf bis sechs Jahren seien ebenso viele Erwachsene gewesen. Und als die Gastgeberin sich im Haus um das Essen gekümmert habe, seien zwei Männer bei den spielenden Kindern

gewesen. Offenbar hinter ihrem Rücken müsse das fünfjährige Mädchen zu dem Hund gegangen sein. Was der Auslöser war, dass dieser zugebissen hat, "hat keiner gesehen", so die Halterin. Bei einer derartigen Feier müssten "grundsätzlich Hund und Kinder beaufsichtigt werden", betont Helga Kastirke aus Bolz, eine von der Tierärztekammer Schleswig-Holstein zertifizierte Hundeverhaltensberaterin/-trainerin.

Sie plädiert dafür, den Hund separat unterzubringen, wenn fremde Kinder dabei sind. Die Kleinen würden sich spontan bewegen, spielen und toben, manchmal auch mit Stöcken in den Händen. Das rufe bei einem Hund auf dem Grundstück, der vorher vielleicht teilnahmslos gewesen sei, einen Bewegungsreiz hervor. "Er will eingreifen und Teil des Spiels sein, es mitunter auch zu seinen Gunsten wenden. Doch der Hund hat keine Hände, um sich zu beteiligen, er hat nur sein Gebiss. So kann, was friedlich beginnt, böse enden, selbst wenn das Tier gut erzogen ist, immer nett war und noch niemandem etwas getan hat. Wovon ich im vorliegenden Fall ausgehe", sagt die Expertin. "Wir sprechen von einem netten Hund. Wenn der burschikos oder der Besitzer sich nicht sicher ist, was das Verhalten betrifft, wäre es sträflich, ihn im Beisein von fremden Kindern frei laufen zu lassen."

Das geschilderte Verhalten liege im Wesen des Hundes als Beutegreifer, wie es in der Fachsprache heiße. Je nach Rasse sei dieses Verhalten schwächer oder stärker ausgeprägt. Beim Schäferhund treffe Letzteres eher zu, was sich die Menschen zu Nutze machten, wie in der netten Form, dass er für behinderte Menschen etwas greife oder, anders gesagt, aufhebe. Für den Polizeidienst werde er ausgebildet, um Straftäter zu fassen. Ganz gleich wo, bei unmotivierten Bewegungen aktiviere gerade ein Schäferhund seinen Beutereflex.

Deshalb sei "Vorsicht die Mutter der Natur", wie es Helga Kastirke ausdrückt. "Wir hatten immer Hunde und wissen mit ihnen umzugehen." Doch wenn fremde Kinder gekommen seien, habe der Vierbeiner für diese Zeit stets einen abgetrennten Raum erhalten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen