Ruchow : Holzwurm in Altar – Orgel bedroht

Mit einem Pinsel entfernt Semesterpraktikant Richard Engel von der Fachhochschule Potsdam behutsam Fraßmehl und Spinnweben am Altar, bevor der Holzwurm umweltfreundlich mit Stickstoff bekämpft wird.
1 von 3
Mit einem Pinsel entfernt Semesterpraktikant Richard Engel von der Fachhochschule Potsdam behutsam Fraßmehl und Spinnweben am Altar, bevor der Holzwurm umweltfreundlich mit Stickstoff bekämpft wird.

Vor der Behandlung mit Stickstoff erfolgt derzeit eine gründliche Reinigung. Das Gestühl aus der Ruchower Kirche wird in Güstrow vom Schädling befreit.

von
31. August 2016, 05:00 Uhr

Die historischen Orgeln in der Ruchower Kirche wurden gerade aufwändig restauriert und haben wieder zahlreiche Besucher von Konzerten erfreut. Doch nun droht neue Gefahr: Der Holzwurm treibt sein Unwesen, Altar wie Gestühl sind hochgradig befallen. Und das neue Gehäuse der Instrumente sei „ein Leckerbissen“ für den Schädling, sagt Diplomrestauratorin (FH) Annette Voss. „Der Holzwurm ist ein Käfer, der umher fliegt und seine Eierablegt, wo er nur kann.“ Die winzigen Löcher, die so mancher von alten Möbeln kennt, seien die Ausfluglöcher des Käfers. Das zerstörerische Werk, das im Holz passiere, erledigten die Larven.

Zum Schutz des Richborn-Positivs von 1684, das älteste Barock-Positiv in Mecklenburg, das im Altarraum steht, und der Schmidt-Orgel aus dem Jahr 1796 auf der Empore, soll nun der Schädling in der gesamten Kirche bekämpft werden. Die Firma Holzrestaurierungen Breiholdt & Voss aus Schwerin hat begonnen, den Altar in filigraner Handarbeit zu reinigen. Dabei wird auch überprüft, ob die Farbe fest ist. Der Altar sei gefasst, wie es in der Fachsprache heißt, also bemalt. Nach der gründlichen Reinigung werde er „eingehaust“, mit luftdichter Folie eingehüllt, und Stickstoff hineingeblasen. Dieser gehe im Unterschied zu einem Anstrich in die Tiefe, töte somit Käfer, Larven und Eier ab, erklärt die Restauratorin. Vier bis sechs Wochen dauere die Einhüllung. Wenn die Blase geöffnet werde, könne die Kirche sofort genutzt werden; das Verfahren sei für den Menschen unbedenklich, zudem schone es das Kunstwerk, ist Voss davon überzeugt und zieht es chemischer Behandlung vor. Sie habe damit schon unter anderem im Märkischen Museum, dem heutigen Berliner Stadtmuseum, gearbeitet. Die Atemluft des Menschen bestehe schon zu 78 Prozent aus Stickstoff. „Beim Begasen gehen wir auf nahezu 100 Prozent“, so Voss. Mehr passiere nicht, Chemie bleibe außen vor.

Für Stefanie von Laer, die sich mit dem Förderverein „Historische Orgel zu Ruchow“ engagiert für die Restaurierung der beiden Instrument eingesetzt, beharrlich Fördergeld und Spenden eingeworben hat, ist die jetzige Aktion allerhöchste Zeit. Sie habe bereits vor zwei Jahren die Kirchenkreisverwaltung in Schwerin auf das Problem mit dem Holzschädling hingewiesen. „Die Orgeln waren ein Jahr weg. In der Zeit wäre es am einfachsten gewesen, in einem Zuge in der gesamten Kirche gegen den Holzwurm vorzugehen, aber nichts ist passiert“, ärgert Laer sich noch heute. Jetzt sei der Aufwand größer, um alles Holz von dem Schädling zu befreien. Die Bänke werden bei einer Firma in Güstrow in einem Container begast, Triumphkreuz und Türen ab- bzw. herausgenommen und mit dem Altar eingehüllt, Kanzel und Patronatsgestühl vor Ort gestrichen. Ob sich der Holzwurm auch in der 1995 erneuerten Empore schon eingenistet hat, werde geprüft. Sei das so, bestehe auch da Handlungsbedarf. „Jedes Fitzelchen Holz“ müsse gemacht werden, um nicht bald neuen Ärger zu haben, betont die Vorsitzende des Fördervereins.

15 000 Euro seien veranschlagt. Ob die reichen, lasse sich derzeit schwer abschätzen. Es sei vereinbart, dass der Kirchenkreis in Vorkasse gehe, die Endfinanzierung müsse noch geklärt werden.

Altarbild eine Kopie mit Besonderheit


Nach der Bekämpfung des Holzwurms wäre die Restaurierung des Altars der nächste Schritt. Der sei um 1700 entstanden und habe die Besonderheit, dass auf seinem Bild, eine Kopie nach Peter Paul
Rubens, nicht die Kreuzigung von Jesus dargestellt sei, sondern die Abnahme des Kreuzes. Das Originalbild hänge in Antwerpen, erklärt Laer.

Zwar habe es schon Tendenzen gegeben, diesen Altar herauszunehmen, „weil Hochbarock nicht alle mögen und er nicht richtig in diese Kirche passt“, doch vor diesem Altar sei über Generationen geheiratet, getauft und getrauert worden, „die Menschen hier hängen daran“, so Laer.

Am Sonnabend Konzert mit Musik von Karl May

Nun erstmal die Reinigung des Altars, die bis Sonnabend abgeschlossen sein soll. In der Ruchower Kirche erklingt am 3. September ab 17 Uhr Musik von Karl May, dem Abenteuer-Schriftsteller. Es singt das Collegium Canticum Dresden, ein Doppelquartett ehemaliger Kruzianer unter Leitung von Dr. Klaus Holzweißig, der auch Orgel spielt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen