Warin : Hilfe im Alltag und selbst Vormund

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Aus dem Runden Tisch zur Betreuung der ersten Asylbewerber in Warin-Waldeck ging ein Flüchtlingshilfeverein hervor.

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25. September 2015, 21:35 Uhr

Seit einer Woche leben elf junge Syrer in Stewo-Wohnungen in Sternberg. Drei weitere hat die Wohnungsbaugesellschaft in der Brüeler Feldstraße hergerichtet und dem Landkreis Ludwigslust-Parchim übergeben (wir berichteten). Nicht mehr und nicht weniger, betonte Bürgermeister Jürgen Goldberg auf der Sitzung der Stadtvertretung am Donnerstagabend und trat entschieden „wilden Gerüchten, die leider wieder kursieren“, entgegen. Wann und welche Flüchtlinge einziehen, lege der Landkreis fest.

In Warin wurden die ersten Asylbewerber, die auf dem Balkan zu Hause sind, Anfang März aufgenommen, als die Gemeinschaftsunterkunft in Wismar voll belegt war. Der Landkreis Nordwestmecklenburg brachte sie in privaten Wohnblocks unter, abseits in Waldeck. „Hier hat das anfangs keiner richtig mitbekommen. Erst im April, als zwei Schwarzafrikaner im Stadtbild auffielen“, blickt Arp Fittschen zurück.

Für IT-Ingenieur käme Blaue Karte in Frage

Daraufhin habe sich ein Runder Tisch mit engagierten Warinern gebildet, die das Leben für die Menschen im für sie völlig neuen Umfeld organisierten. Wolfgang Griese, bis 2014 lange Zeit Stadtvertreter, sei „der Initiator“ gewesen, so Fittschen. Als die mittlerweile 25 Asylbewerber ins Haus der Zukunft eingeladen wurden, seien alle gekommen.

Aus Vertretern am Runden Tisch hat sich auch ein Flüchtlingshilfeverein gegründet. Ihm gehören derzeit sieben Mitglieder an mit Arp Fittschen und Martin Grafenberger aus Warin sowie Barbara Reimer aus Bibow im Vorstand. „Es sind nicht alle vom Runden Tisch in den Verein eingetreten. Den haben wir gegründet, um vielleicht mal an Fördermittel heranzukommen“, erklärt Fittschen. „Sonst brauchten wir keinen Verein, sondern Menschen, die helfen wollen.“

Die Ehrenamtlichen kümmerten sich darum, was „anfangs nicht so klappte“, wie er es noch freundlich ausdrückt, nämlich Informationen über die Asylbewerber zu erhalten, wie Herkunft, Religion, Bildungsstand, Berufsausbildung oder Studium. Erst damit könnten zielgerichtet Angebote gemacht werden.

Er wünsche sich mehr Flexibilität von den Behörden, schon bei den Asylanträgen. Ein Albaner sei studierter IT-Ingenieur, aber mit einem „0815-Asylantrag“ gekommen. Mit der Qualifikation wäre hier was anzufangen. Er hätte eine Blue Card, eine, Blaue Karte, beantragen und bei Nachweis eines Arbeitsplatzes ein entsprechendes Visum bekommen können. Es gäbe sage und schreibe „80 Aufenthaltstitel“, doch wer kenne die schon. Einfach den Antrag auf Asyl zurückzuziehen und einen für die Blue Card zu stellen, funktioniere im Unterschied zu Schweden in Deutschland aber nicht. Derjenige müsste erst aus- und dann wieder neu einreisen.

Eine 16-Jährige habe gefragt, ob sie zur Schule gehen dürfe. Alle seien verblüfft gewesen, weil hier doch Schulpflicht bestehe. Erst jetzt habe sich herausgestellt, dass das Mädchen, seit drei Monaten in Deutschland, eine so genannte unbegleitete Jugendliche ist, wie Minderjährige im Amtsdeutsch heißen. Sie hätte demnach woanders untergebracht werden müssen, sei jedoch mit ihrem Lebenspartner in Warin. Die Eltern hätten das in einem Brief erlaubt. Niemand wollte die Beiden auseinander reißen. Aber die 16-Jährige brauchte einen rechtlichen Vertreter, um Anträge zu unterschreiben. „So bin ich ihr Vormund geworden“, erklärt der Wariner.

Mazedonische Familie wieder zurück

Derzeit leben 23 Albaner, drei Ghanaer und eine mazedonische Familie aus der türkischen Minderheit in Waldeck. Letztere kehre demnächst in die Heimat zurück, der Asylantrag sei abgelehnt worden. „Das Urteil liegt vor“, so Fittschen. Ein Flug komme nicht in Frage, weil der Vater herzkrank sei. Doch die Familie fahre freiwillig; wer zwangsweise abgeschoben werde, habe die nächsten fünf Jahre Einreiseverbot. Das wolle sie nicht riskieren, da die Tochter inzwischen gut Deutsch spreche und vielleicht Ambitionen auf ein späteres Studium in Deutschland habe.

Zuerst sei es viel um einfache Hilfe im Alltag und Freizeit gegangen. Inzwischen würden Verwaltungsprozesse rund 70 Prozent ausmachen. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwierig ist“, bekennt Fittschen. „Wir sind in einem ständigen Lernprozess.“ Er sei zwar Verwaltungsjurist, mit Ausländerrecht vorher aber überhaupt nicht in Berührung gekommen. Und ganz wichtig sei, Vertrauen aufzubauen, „zu den Flüchtlingen und genauso zu den Mitarbeitern, die sich im Landkreis damit befassen“. Diese hätten hohe Fallzahlen, aktuell einen Schlüssel von 1:10 pro Tag, das sei hauptamtlich nicht zu schaffen.

„Ehrenamt kann vieles, aber nicht alles“

Allerdings müsse sich die Politik Gedanken machen, wie sie Rahmenbedingungen für ein besseres Miteinander schafft. „Ehrenamt kann vieles, aber nicht alles.“ Verwaltungsvorgänge würden oft Stunden in Anspruch nehmen. Da viele Ehrenamtliche noch arbeiten, sei das nicht zumutbar. Sie könnten sich um Integration und Freizeit kümmern, Verwaltung müsse professionell erledigt werden. „Ehrenamt verbraucht sich auch“, warnt Fittschen.

Ein Schwerpunkt blieben Arztbesuche. Es werde versucht, dass bei schwierigen Terminen jemand dabei sei, wenngleich so gut wie keiner Balkansprachen verstehe. „Ich habe zum Glück eine hoch begabte Frau, die vier Sprachen beherrscht.“ Italienisch und Japanisch würden derzeit zwar nicht helfen, dafür Englisch und Französisch umso mehr.

Die Asylbewerber wollen gern Deutsch zu lernen. Einige machten beachtliche Fortschritte, hätten sich teils über Handys selbst beholfen. „Weil es öffentlich nicht hinzubekommen war, hat das Haus am Bibowsee Kurse angeboten und finanziert sie privat. Darüber sind wir sehr froh“, sagt Fittschen. Nun werde dort dienstags und donnerstags Deutsch gelernt. Genauso hilfreich sei der Deutsch-Gesprächskreis montagabends im Haus der Zukunft. Engagierte Bürger würden sich einbringen, es gäbe kleine Gesprächsgruppen. Wenn die Sprachbarriere falle, sei viel gewonnen. Hinzu komme der Effekt, dass die Flüchtlinge ins gesellschaftliche Leben eingebunden seien. „Denn wer immer auf engem Raum zusammenhockt, bekommt irgendwann einen Koller. Das ist nicht kulturabhängig, sondern würde uns genauso gehen“, meint Fittschen.

Erfreuliche Bereitschaft zu Sachspenden

Zudem gäbe es eine erfreuliche Bereitschaft zu Sachspenden. Anfangs sei der Bedarf an Fahrrädern groß gewesen, zumal Waldeck „nicht
gerade zentral“ liege. Jetzt hätten alle eins.

Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Eritrea blieben sicher lange in Deutschland, vermutet Fittschen. Deshalb sei rechtzeitig an Integration zu denken. Dabei würden hoffentlich, so der gebürtige Niedersachse, nicht die gleichen Fehler wie in den 1970er-Jahren bei den Gastarbeitern in der Bundesrepublik gemacht.

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