Sternberg : Hersteller von Biodiesel in Not

Betriebsbesuch der Bundestagsabgeordneten Eckhardt Rehberg (2.v.r.) und Karin Strenz gestern bei EcoMotion in Sternberg. Geschäftsführer Axel Becker (r.) und Robert Figgener (l.), Geschäftsführer im Werk Lühen, sowie Elmar Baumann, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie, informieren über die prekäre Situation im Sternberger Betrieb und hoffen auf Unterstützung.
Betriebsbesuch der Bundestagsabgeordneten Eckhardt Rehberg (2.v.r.) und Karin Strenz gestern bei EcoMotion in Sternberg. Geschäftsführer Axel Becker (r.) und Robert Figgener (l.), Geschäftsführer im Werk Lühen, sowie Elmar Baumann, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie, informieren über die prekäre Situation im Sternberger Betrieb und hoffen auf Unterstützung.

Krisentreffen bei EcoMotion in Sternberg: Die Branche fordert von der Politik Verlässlichkeit und die Aufhebung unsinniger Restriktionen.

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06. April 2017, 20:45 Uhr

Missstimmung bei den Produzenten von Biokraftstoffen: EcoMotion in Sternberg kann seine Umesterungsanlage, die aus Rapsöl
Biodiesel herstellt, nur noch zu 30 Prozent auslasten. Derzeit steht sie gar still. 600 Tonnen Biodiesel werden im April hergestellt, dafür ist der
Absatz gesichert; sonst sind es 8500 Tonnen im Monat, nennt Geschäftsführer Axel Becker wenige Fakten.

Die gesamte Branche, wegen niedrigerer Kohlendioxid- und Schadstoffbelastung vor gut einem Dutzend von Jahren noch gefeiert, sogar von der Mineralölsteuer befreit, kränkelt seit langem. In Sternberg war zeitweilig Kurzarbeit die Folge. Die Zahl der Biodieselanlagen in Deutschland hat sich von 49 auf 20 mehr als halbiert.

Der Grund sind massive Probleme beim Absatz. Über mehrere Schritte wird Bio- inzwischen wie Normaldiesel besteuert, müsste jedoch mindestens zehn Cent weniger kosten, damit er sich rechnet. Denn bei Biodiesel ist der Verbrauch höher, die Intervalle für den Ölwechsel halbieren sich. Spediteure, die ihre Lkw zum großen Teil auf Biodiesel umgestellt hatten, wollten nicht draufzahlen und rüsteten wieder um. Die umweltfreundlichen Kraftstoffe gingen seitdem zu Raffinerien wie in Schwedt, um beigemischt zu werden, oder in den Export, der letztlich Unternehmen wie EcoMotion rettete.

Doch der Druck auf die Mineralölindustrie, den Ausstoß von Treibhausgasen deutlich zu verringern, hat gerade die Situation in Sternberg verschärft. Hier wird ausschließlich Raps verarbeitet. Eine Tonne ergibt 400 Kilogramm Biodiesel sowie 600 Kilogramm Rapskuchen, hochwertiges, eiweißhaltiges Futter.

Auf dem Markt lässt sich nur noch Biodiesel mit einer Treibhausverringerung von mehr als 70 Prozent absetzen. Der hochwertige Rapsdiesel aus Sternberg bleibt mit 66 Prozent darunter. Dieser Wert lässt sich mit heutiger Technik nicht steigern, sagen die Fachleute. In die Berechnung der Quote fließen sämtliche Emissionen von der Aussaat über Ernte und Transport bis zur Verarbeitung.

So entstand die Idee, den Biodiesel aus Raps mit dem aus tierischen Fetten, wie er von EcoMotion in den Werken Malchin und Lühen bei Dortmund produziert wird, zu mischen. Der hat eine Treibhausquote von 90 Prozent, weil die ganze Kette der Rohstofferzeugung entfällt. Das aus Abfällen gewonnene Tierfett ist ohnehin vorhanden und wartet auf sinnvolle Verwertung. Beide Sorten von Biodiesel zu vermischen und damit auch in Sternberg locker über 70 Prozent zu kommen, wäre technisch kein Problem, sagt Robert Figgener, Eco-Motion-Geschäftsführer aus Lühen. „Doch die Gesetzeslage in Deutschland verbietet das.“ Er und der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) seien beim federführenden Bundesumweltministerium dagegen Sturm gelaufen – vergeblich.

Hier zu Lande darf Biodiesel aus Tierfetten produziert, aber nicht eingesetzt werden, geht daher komplett in den Export, vor allem in die Niederlande, wo er sogar besonders gefördert wird, und nach Italien. Als Argument für die Restriktion in Deutschland wird angeblicher Bedarf der Oleochemie zur Herstellung von Seifen, Waschpulver oder Shampoo angeführt. Die verwende tierische Fette, aber nicht diese von durch BSE oder andere Krankheiten verendeten Tiere oder aus Schlachtabfällen, betont Figgener. „Es sind maximal vier Prozent der Tierfette für technische Anwendung. Alles andere verwerten die Biodieselhersteller.“ Denn wer wolle sich schon die Hände mit Seife
waschen, für die Fett von einem BSE-Rind stamme?!

Auch er halte das Argument und die darauf fußende Gesetzgebung für „widersinnig“, sagt der Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg, der gestern mit CDU-Fraktionskollegin Karin Strenz das Werk in Sternberg auf Einladung besucht. Im Umweltministerium spiele viel Ideologie mit. Bis zur Bundestagswahl sehe er für Veränderungen „keine reelle Chance, das muss ich so ehrlich sagen“, räumt Rehberg ein. Danach komme es auf die politische Konstellation an. Er wolle EcoMotion unterstützen, dass Biodiesel aus Tierfetten in Deutschland genutzt werden könne. Doch erstmal bleibt es eine Hängepartie.

Kommentar: "Nischen-Wahlkampf?" - von Rüdiger Rump
Sie wurden gerufen und kamen – Eckhardt Rehberg und Karin Strenz. Wen wunderts, mag so mancher denken, in diesem Jahr wird der Bundestag neu gewählt. Andererseits sind bei einem Betriebsbesuch im kleinen Sternberg nicht so viele Stimmen zu sammeln wie bei großen öffentlichen Auftritten oder populäreren Themen. Dass die Politik gefragt ist, steht außer Frage. Sie hat die zunächst gefeierte, inzwischen aber arg gebeutelte Branche mit Schlingerkurs und sinnloser Restriktion in Schieflage gebracht. Nun muss sich zeigen, ob Bundestagsabgeordnete aus MV den Anstoß zu verlässlichen Regelungen geben oder dies Wahlkampf in der Nische war.
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