Witzin : Glocken zurück ins Mittelalter

Die Auflage für das Holzjoch passt, stellt Manfred Bethge, Obermonteur der beauftragten Fachfirma, zufrieden fest. Die alten Bronzeglocken in der Witziner Dorfkirche erhalten wieder eine Aufhängung wie einst im Mittelalter. Sie klingen dann viel schöner, ist der Handwerker überzeugt.
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Die Auflage für das Holzjoch passt, stellt Manfred Bethge, Obermonteur der beauftragten Fachfirma, zufrieden fest. Die alten Bronzeglocken in der Witziner Dorfkirche erhalten wieder eine Aufhängung wie einst im Mittelalter. Sie klingen dann viel schöner, ist der Handwerker überzeugt.

Das Geläut der Witziner Dorfkirche aus dem 15. und 16. Jahrhundert soll ab Sonntag anders klingen. Die Aufhängung wird durch eine Fachfirma erneuert.

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19. September 2017, 21:00 Uhr

Die Bronzeglocken in der Witziner Dorfkirche seien sehr wertvoll, habe ein Sachverständiger vor Jahren bei einer Analyse festgestellt, sagt Pastor Siegfried Rau. Sie wurden Inschriften und Gießerzeichen zufolge 1469 und 1553 gegossen, überstanden zum Glück beide Weltkriege, ohne für militärisches Gerät verwendet zu werden. Erstere kam 1949 im Zuge der Rückführung nicht eingeschmolzenen Geläuts vom Glockenfriedhof aus Hamburg zurück.

Aber die Aufhängung sei laut dem Sachverständigen in einem schlechten Zustand gewesen und werde deshalb erneuert, so Rau. Die Glocken würden noch immer von Hand geläutet. Das solle nun einfacher und ihr Klang schöner werden.


„Schreibtischtäterin“ im Praktikum


Mitarbeiter der Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock im westfälischen Gescher nahe der holländischen Grenze im Landkreis Borken arbeiten seit Montag daran. Die alten Klöppel, Läuteräder und Stelzenjoche kamen ab, die verkröpfte Aufhängung mit Kontergewichtsstelzen wird durch eine Konstruktion mit Holzjoch wie im Mittelalter ersetzt. „Die gesamten Lager waren kaputt“, sagt Manfred Bethge, Obermonteur der Fachfirma für Glocken- und Läutetechnik. Mit ihm vor Ort ist Ellen Hüesker. Sie sei eigentlich „Schreibtischtäterin“, arbeite im Vertrieb des Unternehmens und absolviere jetzt ein Praktikum, „um die Arbeit besser einschätzen zu können“, damit die Kalkulation genauer werde, erklärt Hüesker, „näher an der Wahrheit“.

Wie er erfahren habe, sagt Manfred Bethge, seien Anfang der 1950er-Jahre die Originale zur Aufnahme der Klöppel entfernt worden. Im Mittelalter seien die bei allen Glocken eingegossen gewesen. „Keine Ahnung“, warum das verändert wurde, „vielleicht war es zu der Zeit modern“. Fürs Läuten sei das jedenfalls schlecht, so dass „die Sünden“ aus den 1950-Jahren aufgehoben würden. Zumal in Witzin noch von Hand geläutet werde. „Ich finde es schön, wenn diese Tradition beibehalten wird.“ Doch häufig scheitere es daran, dass niemand mehr da sei, der das übernehme. Deshalb würden inzwischen die meisten Kirchenglocken elektrisch geläutet.

Gestern Vormittag kommt für die erste Glocke das Holzjoch an seinen Platz. Es ist vorher in der Werkstatt nach Maß angefertigt worden. Manfred Bethge erledigt vor Ort noch Feinheiten. Die Auflage für das Holzjoch muss genau passen, damit beim Läuten nichts wackelt. Die Glocke wiege „um die 500 Kilogramm“, schätzt er. Und beim Läuten entstehe eine zweieinhalb- bis dreifache Schubkraft, der die Aufhängung stand halten müsse.

Kleiner Vorteil bei den Arbeiten in der Witziner Kirche: Die Glocken konnten gleich daneben im Turm abgestellt werden. Woanders ließen die Gegebenheiten dies mitunter nicht zu, so dass das schwere Geläut vorübergehend ins Freie geschafft werden müsse, sagt Ellen Hüesker.

Wahrscheinlich bis zu diesem Donnerstag hätten sie zu tun, „wenn nicht noch größere Sachen dazu kommen“, rechnet Obermonteur Bethge. Das Einstellen am Ende werde noch mal „knifflig“. Der Zeitpunkt, bei dem der Klöppel an die Glocke schlägt, müsse genau getroffen werden. Was das Seil wiegt, sei zu beachten; und es könne vorkommen, dass der Klöppel nicht exakt in der Mitte hängt und dies mit einem Gewicht ausgeglichen werden müsse. Für Manfred Bethge wäre es nicht das erste Mal, und so ist er zuversichtlich, dass ihm das auch hier gelingt.

Am Sonntag sollten die Glocken wieder zu hören sein, sagt Bethge. Pastor Siegfried Rau ist schon ganz gespannt, ob die Witziner beim Klang einen Unterschied bemerken.

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