Sternberg : Gestern Klamotten, heute Karotten

.... wie ihr Großvater Hermann Voß auf dem Foto vor seinem Bekleidungsgeschäft in in den 30er-Jahren.
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.... wie ihr Großvater Hermann Voß auf dem Foto vor seinem Bekleidungsgeschäft in in den 30er-Jahren.

Familie Voß betreibt seit 1861 ein Ladengeschäft in Sternberg.

svz.de von
07. Februar 2018, 12:00 Uhr

Über 100 Jahre lang wurden die Sternberger und die Bewohner der Dörfer rund um die Ackerbürgerstadt in der Kleinen Kütiner Straße 4 eingekleidet. Denn hier hatte ab 1869 erst Martin Voß ein Bekleidungsgeschäft, dann übernahmen Sohn Hermann und nach dem Krieg die Enkel Karl und Walter Voß. Seit 1991 betreibt Urenkel Volker Voß in denselben Ladenräumen ein Bistro. „Das Bekleidungsgeschäft Hermann Voß kennen die Leute heute noch“, erzählte Urenkelin Elke Rödiger, geborene Voß, beim letzten Klönsnack den heutigen Sternbergern - wodurch die SVZ von der Familiengeschichte erfuhr. Der Beweis wurde sogleich angetreten, denn unter den Anwesenden wurden dann auch umgehend Anekdoten ausgetauscht. So wie die von dem Mann, der ein Nachthemd für seine Frau kaufen wollte. Er wurde von einer der drei Verkäuferinnen in dem 100 Quadratmeter großen Laden, der bis in das Haus Nummer 2 hinüber reichte, gefragt, wie es aussehen solle: „Passend zur Tapete“, war die lakonische Antwort. Gleich zwei Seniorinnen konnten sich daran erinnern, dass man bei Karl und Walter Voß zu DDR-Zeiten drei Hosen oder Hemden den Männern, die nicht zum Klamottenkauf in das Geschäft zu bewegen waren, mit nach Hause nehmen konnte, damit sie diese dort anprobieren. Die am besten passenden Stücke wurden behalten und bezahlt, die anderen zurück in den Laden gebracht.

Dietrich Steinberg lobte die damalige Fachkompetenz der Geschäftsinhaber, von deren Service sich Ladenbetreiber heute noch eine Scheibe abschneiden sollten. Er konnte sich noch daran erinnern, wie die Arme ausgemessen wurden, damit Hemd oder Jackett auch wirklich sitzen. Und die Kunden wurden beraten, welche Hose zu welchem Hemd und zu welchem Sakko passt.

„Unser Vater war Kaufmann mit Leib und Seele“, meint Elke Rödiger. „Der Kunde kam rein und wollte eigentlich nur ein Hemd. Rausgegangen ist er mit Hemd, Schlips und Anzug. Und zwar, ohne ihm was anzudrehen“, ergänzt ihr Bruder Volker Voß. „Wenn die Leute vom Land wie zum Beispiel aus Mustin in das Geschäft kamen, die ja dann auch meist eine Menge Geld dort ließen, wurden sie zuerst einmal zu Kaffee und Kuchen nach hinten gebeten.“ Diese Tradition hat der Urenkel des ersten Ladenbesitzers zu seiner Geschäftsidee gemacht. Er betreibt seit dem 10. März 1991 ein Café und Bistro in den Räumen des Hauses, das sogar schon seit 1861 im Besitz der Familie ist. In den ersten Jahren hatte Martin Voß seine Kürschnerei in dem Gebäude und baute nebenan ein weiteres Haus. „Ich bin kein Kaufmann geworden, weil mein Vater immer gesagt hat, dieser Beruf hat in der DDR keine Zukunft“, erklärt Volker Voß. Wenn sein Vater durch die harte Politik des Arbeiter- und Bauernstaates gegenüber Privatunternehmern nicht diese feste Überzeugung gewonnen hätte, wäre er sicher auch in die Kaufmannslehre gegangen und hätte die Familientradition fortgesetzt. „Zeitweise mussten die Privaten 90 Prozent Steuern zahlen“, sagt Volker Voß, der Stahlbauer wurde. „Und eine Zeit lang hatte unser Vater es sehr schwer, Waren zu bekommen, da stand der Laden kurz vor dem Ruin“, weiß auch Elke Rödiger noch. Doch dann habe die DDR bemerkt, dass sie ohne die privaten Läden und Handwerker gar nicht ihre Bevölkerung versorgen kann und es wurde einfacher. 1976 musste Walter Voß aus gesundheitlichen Gründen schließen, die HO führte das Bekleidungsgeschäft als Mieter bis zur Wende weiter. Volker Voß ist zufrieden damit, wie es mit seinem Café in den ehemaligen Ladenräumen seit mittlerweile fast 27 Jahren läuft. „Ich habe hier in Sternberg viele Gastwirte kommen und gehen sehen“, kann er sagen. Dann weiterhin viel Erfolg!

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