Groß Raden : Geschichte in Geschichten gepackt

Kurzfristig eingesprungen: Sven Müller aus Rostock (r.) führte die Besucher an Silvester übers Freigelände. Fotos: Roland Güttler
Kurzfristig eingesprungen: Sven Müller aus Rostock (r.) führte die Besucher an Silvester übers Freigelände. Fotos: Roland Güttler

Silvesterspaziergang übers Freigelände des Archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden / 30-jähriges Jubiläum im Mai 2017.

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01. Januar 2016, 16:52 Uhr

„Für Silvester ist es die Gelegenheit, mit ein bisschen Bildung das Jahr zu beenden“, meinte der Bützower Mediziner Joachim Schumann. Zusammen mit seiner Ehefrau Gudrun, ebenfalls Ärztin, war er zum traditionellen Silvesterspaziergang um 11 Uhr auf dem Freigelände des Archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden gekommen. Insgesamt fanden sich diesmal leider nur elf Interessierte ein, nach 42 vor Jahresfrist. Lag’s am eisigen Wind, der die gefühlte Temperatur einige Grad unter null drückte?

Sei’s drum. Die da waren – aus Sternberg, Hagenow, Bützow, Berlin und Hamburg – waren total begeistert. „Es war sehr interessant; vor allem auch, wie es rübergebracht wurde. Nach drei Stunden Herfahrt mit dem Rad hätte ich das bestimmt nicht mehr gekonnt“, meinte Petra Langpap.

Die Leiterin der Verbundenen Regionalen Schule und Gymnasium „David Franck“ in Sternberg sowie ihr Mann Frank hatten es der Museumsleiterin „seit Jahren versprochen, mal dabei zu sein“. Und jetzt war Heike Pilz, die die Führung übers Freigelände im Terminkalender stehen hatte, krank geworden. Also sprang Sven Müller ein. Der Lehrer aus Rostock-Warnemünde und seit zwei Jahren Mitglied im Groß-Radener Museumsverein wurde am 30. Dezember angerufen, ob er tags darauf die Vertretung übernehmen könnte. So kam Radfan Müller, für den die Slawen und Wikinger ein großes Hobby sind, die 52 Kilometer von der Waterkant nach Groß Raden angeradelt. Nach dreistündigem Abstrampelns gegen den Wind, kurzem Frischmachen am Waschbecken im Eingangsgebäude zum Freigelände und einem Becher heißen mittelalterlichen Würzwein ging’s los mit der Führung. Wobei Müller gekonnt die Geschichte der Slawen in Geschichten verpackte und so für reichlich Aha-Erlebnisse unter den elf „Aufrechten“ sorgte. Er begann mit einem schwedischen Zitat: „Der größte Schritt ist der erste nach draußen!“

Die durchaus kriegerischen Slawen lebten seit den 5. Jhd. in der Region und hätten bis zum 12. Jhd. „Hamburg allein achtmal eingenommen“. Und da es seinerzeit weit und breit kein Eisenerz gab, schmolzen die Slawen „Raseneisenerz in Brennöfen sowie auch Glasperlen und Keramik. Slawische Keramik war berühmt und wurde nachweislich bis nach Venedig gehandelt“, so Müller.

Die in Groß Raden bei den Ausgrabungen von Prof. Dr. Ewald Schuldt in den 1970er- und 80er-Jahren nachgewiesenen Flechtwandhäuser aus dem 9. Jahrhundert sowie die 300 Jahre jüngeren Blockhäuser stehen heute an den Originalstellen als Nachbauten. „Wobei man natürlich nicht wisse, woraus z.B. die Dächer bestanden. Anzunehmen ist, dass die Slawen sie mit Schindeln deckten, das geht schneller als mit Reet.“ Bei den Grabungen von Schuldt und seinen Helfern kam auch eine Kulturreliktpflanze zur Ausbreitung. „Das ganze Burggelände war plötzlich voller Rosenmalven. Deren Samen hatten also 1000 Jahre im Boden überdauert“, betont Müller.

Schuldt, der Ausgräber und Museumsgründer, verwirklichte sich einen Traum: den Einstieg für junge Menschen ins museale Leben durch erlebbare Geschichte und praktisches Nachmachen beim Töpfern, Flechten, Weben etc. Und so ist das Archäologische Freilichtmuseum heute eine anerkannte Bildungseinrichtung, finden viele Schulklassen den Weg nach Groß Raden.

Am 30. Dezember, einen Tag vor dem Silvesterspaziergang, waren es übrigens noch exakt 500 Tage bis zum 30-jährigen Museums-Jubiläum. Am 12. Mai 1987 eröffnete Prof. Ewald Schuldt sein Lebenswerk…

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