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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

21. Oktober 2017 | 14:23 Uhr

Kuhlen : Geschafft! Qualität hat aber gelitten

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Gut Kuhlen erreicht bei Weizen einen durchschnittlichen Ertrag – in der zweiten Erntehälfte jedoch keine Verwendung mehr als Brotgetreide.

von
erstellt am 30.Aug.2017 | 20:45 Uhr

Es war ein großer Stein, der ihnen vom Herzen fiel, als der letzte Weizen vom Feld war. Werner Strothmann kümmert sich im Gut Kuhlen um den Ackerbau, Ehefrau Friederike hauptsächlich um die Milchkühe samt Nachzucht. Doch beide haben gleichermaßen gebangt, als die Getreideernte wegen des häufigen Regens immer wieder ins Stocken geriet. Bestenfalls konnte tageweise gedroschen werden, zuweilen nur einen halben Tag oder für Stunden. Selbst bei den wenig sommerlichen Temperaturen seien sie „ganz schön ins Schwitzen gekommen“, sagt Friederike Strothmann. Der kleine Betrieb sei mit drei eigenen Mähdreschern zwar schlagkräftig, habe aber, „als es brenzlig wurde“, der Weizen dringend vom Halm musste, einen weiteren bei einem
Maschinenring in Niedersachsen geordert. „Die waren fertig, so dass das ganz kurzfristig ging“, erzählt Strothmann.


Ausufernde Bürokratie engt Landwirte ein


Weizen habe auf 340 Hektar gestanden und den weit größten Anteil der Ackerfläche ausgemacht. Die umfasse insgesamt um die 550 Hektar. Der Rest habe sich auf 30 Hektar Wintergerste , rund 70 Hektar Raps, „ein bisschen Sommergerste“, wie Werner Strothmann sagt, sowie Mais mit 63 Hektar verteilt. Letzterer vor allem für die eigenen Rinder, was übrig bleibe, werde an Biogasanlagen verkauft.

Was in welchem Umfang angebaut werde, variiere von Jahr zu Jahr. Allerdings würden ausufernde EU-Verordnungen das immer komplizierter machen, weil zum Beispiel nur nach den Ertragserwartungen gedüngt werden dürfe und dies alles vorher
anzugeben sei. Die Biologie, die Vegetation, die nach der Witterung jedes Jahr anders verlaufen könne, bleibe außen vor. Die Landwirte würden stark eingeengt, statt Gestaltungsspielraum zu erhalten. Kleinen Betrieben werde ihr Vorteil, schnell auf veränderte Situationen reagieren zu können, genommen, sie würden „kaputt gemacht“, ärgert sich der erfahrene Ackerbauer. Wer eigenen Boden bewirtschafte, hege und pflege den sorgsam, um noch in Jahren davon leben zu können. Viele Vorschriften seien daher überflüssig.

Er sei inzwischen so was wie ein Hobby-Landwirt, könnte längst Rente beziehen, sagt der 70-Jährige schmunzelnd, doch die Arbeit mache ihm noch viel Spaß. Schon die Vorfahren seien Bauern gewesen, bis
etwa 800 Jahre zurück, wie seine Ahnenforschung ergeben habe. „Bei der heutigen Bürokratie kann einem manchmal allerdings die Lust vergehen“, so Strothmann.

Etwa zwei Drittel des Weizens seien eingelagert, in der eigenen Halle oder bei einem Dienstleister, so Strothmann. Er rechne mit einem Ertrag von 78 und 82 Dezitonnen pro Hektar, „knapp am Jahresmittel“, das lasse sich schon verlässlich sagen. „Wir hatten mal über 100 Dezitonnen, aber das sind Rosinen.“ Und einen Ausrutscher mit nur 50 Dezitonnen vom Hektar habe es ebenfalls gegeben.

Mit dem Ertrag hadere er weniger, umso mehr mit der Qualität. Im ersten Drittel bis etwa zur Hälfte der Ernte sei die teilweise gut gewesen, „dann war es nur noch Futterweizen“. Dies sei schmerzhaft, denn bei dem liege der Preis um mindestens 20 Prozent niedriger als bei Brotweizen. Für dessen drei Kategorien A, B und E gebe es unumstößliche Kriterien. Angefangen bei der Sorte, nicht jede tauge als Brotweizen. Die Kornfeuchte dürfe maximal 14,5 Prozent betragen, der Eiweißgehalt müsse mindestens 12, 13 oder 14 Prozent erreichen, der Hektolitergehalt, die Dichte, ebenso stimmen. Dieser sei bei Gut Kuhlen ein Problem gewesen, auch der Anteil an Fusarien. Das sei ein Pilz, der verrotteten Pflanzenresten aus dem Vorjahr anhafte. Und dann sei da noch die Fallzahl als wichtiges Qualitätskriterium. Das ist die Zeit, die ein standardisierter Stab braucht, um durch eine Mischung aus Mehl und Wasser hindurchzufallen. 60 Sekunden Rührzeit eingerechnet, sind Backweizenwerte von 230 bis 280 Sekunden optimal. Hat Auswuchs die Stärke geschädigt, ist die Fallzahl zu niedrig. Auch darf der zulässige Anteil an Bruchkorn und Fremdgetreide nicht überschritten werden.

Mit der Weizenqualität hätten wegen des Regens und der daraus resultierenden langen Erntezeit mehr oder weniger alle Betriebe im Nordosten Probleme, heißt es aus Fachkreisen. Mit Einbußen müssten die Landwirte auch wegen des niedrigen Weizenpreises rechnen. Der sei im Keller, weil u. a. die Schwarzmeerregion bei Superwetter Spitzenwerte in Ertrag und Qualität erreicht habe. Weltweit sei die zweithöchste Menge aller Zeiten geerntet worden. Für Deutschland, das jährlich etwa 44 Millionen Getreide produziere und davon weniger als ein Viertel selbst verbrauche,wirke sich das spürbar aus.

Werner und Friederike Strothmann wissen, dass sie daran nichts ändern können, sich aber immer wieder solchen Situationen stellen müssen. Die Bestellarbeiten für die Ernte 2018 laufen. Raps sei teilweise im Boden. Die Anbaufläche werde diesmal kleiner, weil es schon spät sei und der Acker bei der Nässe gelitten habe. Und schon bald werde es Zeit, wieder Weizen zu drillen.

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