zur Navigation springen

Warin: Dankeschön statt Krisensitzung : Gemeinsam gegen die Wildschweine

vom

Landwirte werfen häufig Jägern vor, zu wenig Schwarzwild zu erlegen, das immer mehr Schaden anrichtet. Von den Jägern heißt es im Gegenzug, baut nicht so viel Mais an, der fördert die Ausbreitung der Wildschweine.

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2012 | 10:03 Uhr

Trams | Gegenseitige Schuldzuweisungen häufen sich vielerorts: Landwirte werfen Jägern vor, zu wenig Schwarzwild zu erlegen, so dass das immer mehr Schaden anrichtet. Von den Jägern heißt es im Gegenzug, ihr müsst nicht so viel Mais anbauen, der fördert doch die Ausbreitung der Wildschweine. Woanders sprechen beide Seiten gar nicht mehr miteinander, weiß Ingolf Schröder, Leiter des Hegerings Weiße Krug. Es geht auch anders. Die Wariner Pflanzenbau eG lud alle Jagdpächter in ihrem Bereich zu sich nach Trams ein - als Dankeschön für die Unterstützung statt Krisensitzung, gesellige Runde und Problemdiskussion in einem. Denn über Schäden durch Schwarzkittel ärgern sich natürlich auch die Wariner Landwirte.

"Was gesagt werden musste, wurde stets gesagt, wir sitzen regelmäßig an einem Tisch. Doch für ein Treffen in dieser Form verdient die Genossenschaft große Anerkennung. Das habe ich von woanders noch nicht gehört, obwohl ich viele Jäger kenne", sagt Manfred Blank, stellvertretender Obmann der Pächtergemeinschaft Warin. "Sowas sollte Schule machen", findet auch der Hegeringsleiter.

Den meisten Stress mit Wildschweinen gäbe es auf den Maisfeldern. Zwar verursache auch Rotwild zunehmend Schäden im Raps, doch die seien vergleichsweise gering. "Wenn eine Rotte eine Nacht im Mais gewirkt hat, sieht das schlimm aus", sagt Wolf-Dietmar Vetter, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer des Agrarbetriebs. 400 Hektar umfasst der Mais anbau, zwölf Prozent der Gesamtfläche, vor allem für Biogasanlagen. 21 Jagdpächter haben Maisflächen; hinzu kommen sechs Mitpächter, die bei vorhandenen oder drohenden Schäden, wie es im Gesellschaftervertrag der Pächtergemeinschaft heißt, ihre Waidgenossen unterstützen und ebenfalls dem Schwarzwild nachstellen. Zu Letzteren gehört Manfred Blank. Der älteste aktive Jäger, so sei es festgelegt, erhalte immer das am leichtesten zu bejagende Gebiet innerhalb der Pachtgemeinschaft, erklärt der 72-Jährige. So habe er seit dem 1. April "ein bisschen Wald, mehr Wiese" bei Waldheim, aber keinen Mais. "Ich helfe hier jedoch gern aus." Die PächtergemeinschaftWarin sei mit acht Mitgliedern die größte, mit denen der Pflanzenbaubetrieb in Berührung komme, insgesamt seien das sieben Pächtergemeinschaften und zwei Eigenjagden. Sie gehören dem Hegering Weiße Krug an, der knapp 100 Mitglieder umfasst, neben Pächtergemeinschaften auch Einzelpächter und Inhaber so genannter Begehungsscheine.

Feldwirtschaft und speziell Maisanbau funktioniere nur, wenn der Acker ausreichend bejagt wird, sagt Wolf-Dietmar Vetter. "Und da kann es noch so viele Verordnungen geben, entscheidend ist, was vor Ort gemeinsam gemacht wird, ein kurzer Draht zueinander." Der Agrar betrieb bespricht mit den Jägern jedes Frühjahr vor der Aussaat, wo und wann Mais bestellt wird. Die ersten beiden Wochen, bis der aufläuft, seien eine gefährliche Zeit. Wenn kein Einhalt geboten wird, holen die Wildschweine an die 90 Prozent der Saatkörner wieder aus dem Boden, überschlägt Vetter. Das sei richtig mühselig, denn nur alle knapp 20 Zentimeter liege ein Korn. "Doch für Wildschweine sind das Leckerbissen wie für Menschen etwa Schokolade", vergleicht Manfred Blank schmunzelnd. Die Schwarzkittel seien schlau und würden Reihe für Reihe durchgehen. "Sind sie mit einer fertig, machen sie kehrt und nehmen die nächste." Aber schon ein Abschuss könne die gesamte Rotte von dem Feld vertreiben. Die entwickle so etwas wie Sozialgefühl.

In dieser kurzen Zeit sei den Schwarzkitteln noch relativ leicht beizukommen, meint Vetter. Und sind die Pflanzen aus dem Boden, ist erst einmal Ruhe, bis der Mais seine Endhöhe bis zu drei Metern erreicht und Kolben gebildet hat. Dann, schon weit im August, hätten es die Jäger allerdings ungleich schwerer als im Frühjahr. Der Raps und das meiste Getreide sind abgeerntet, nur der Mais bietet dem Schwarzwild jetzt noch Deckung - und dazu reichlich Nahrung. Schneisen, über deren Breite es jedoch geteilte Meinungen gibt, sollen den Jägern helfen, die Maisfelder besser zu kontrollieren und die Wildschweine aufzuspüren. "Wir opfern gern mehrere Reihen, wenn das nützt", so der Agrarchef. Die Genossenschaft überlegt auch, künftig alle 24 Reihen ein Meter breite Gassen zu lassen, um größere Flächen zu unterbrechen und den Jägern entgegenzukommen. Dazu wäre eine neue Drillmaschine nötig. Unterstützung bei Einrichtungen für die Jagd, gegenseitige Information, sauberes Abernten der Felder oder Anbau von Winterzwischen früchten, einerseits zur Bodenverbesserung, aber auch als Äsungsflächen fürs Wild, nennt Vetter als weitere Punkte. Schneisen, um in die Bestände zu kommen, hält Hegeringsleiter Ingolf Schröder für wichtig. Er weiß auch von guten Erfahrungen mit menschlichem Haar, in regelmäßigen Abständen ausgelegt, um das Wild zu vergrämen. Auf keinen Fall sollten Elektrozäune eingeführt werden wie in manchen Regionen. "Das darf uns nicht passieren", sagt der Waidmann bestimmt. Die Jäger des Hegerings würden jährlich um die 500 Wildschweine schießen. Das spreche für relativ konstante Bestände.

Seit sechs Jahren habe die Genossenschaft keinen Wildschaden gemeldet, erklärt Wolf-Dietmar Vetter. "Wir haben gut Mais geerntet, voriges Jahr im Durchschnitt 48,5 Tonnen pro Hektar, jetzt 42." Doch die Spannbreite zwischen den Feldern sei groß, reiche von 55 Tonnen über 34 bis runter auf 20 Tonnen, obwohl der Mais überall hoch gewesen sei. "Doch auf den Stücken war nichts drin. Mit dem grünen Zeug, das übrig blieb, lässt sich nichts anfangen, weder beim Silieren noch für die Bio gasanlage." Allein bei vier Feldern sei ein Gesamtschaden von 12 500 Euro entstanden, so Vetter. Gegen Null sei nicht möglich, doch eine Minimierung.

Aus der Runde kommt auch die Frage, warum es so viel Mais sein muss und dann noch zur Energiegewinnung. Zwölf Prozent der Gesamtfläche hält der Agrarchef nicht für zuviel. Zudem werde Mais auf Sandböden angebaut, auf denen es "wenig Alternativen" gäbe. Bei einem Ertrag von 42 Tonnen erwirtschafte der Betrieb mit Mais 1200 Euro pro Hektar. Für die gleiche Summe müssten 70 Dezitonnen Roggen geerntet werden. "Einfach unmöglich.

Außerdem gehört Mais in die Fruchtfolge. In Maßen ist er ein Standbein des Betriebes", erklärt Vetter und vergleicht, wieviel Abraum in der Lausitz bewegt und Braunkohle gefördert werden müsse, um die gleiche Menge Energie zu erzeugen, die eine Biogasanlage aus einem Hektar Mais herausholt.

Es gibt noch eine Reihe weiterer Überlegungen. Zum abendlichen Essen kommt übrigens kein Wild auf den Tisch, sondern Lamm aus eigener Produktion, köstlich zubereitet von einem Koch aus Bad Kleinen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen