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Diakonie in Sternberg hilft Suchtkranken : Gemeinsam gegen die Alkoholsucht

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"Wenn ich die Tagesstätte nicht hätte, wäre ich nicht schon so lange trocken", sagt Martina Franke. Seit 16 Monaten rührt sie keinen Alkohol mehr an. Bereits seit drei Jahren gibt es die Tagesstätte in Sternberg.

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erstellt am 25.Feb.2013 | 08:51 Uhr

Sternberg | "Wenn ich die Tagesstätte nicht hätte, wäre ich nicht schon so lange trocken", sagt Martina Franke. Seit 16 Monaten rührt die Frau, die in Langzeitarbeitslosigkeit und mit privaten Problemen süchtig wurde, keinen Alkohol mehr an. In der Tagesstätte der Diakonie für Suchtkranke in Sternberg helfe man ihr auch bei Behördengängen, berichtet die Crivitzerin.

Andreas Goldenbaum, der ebenfalls hier betreut wird, berichtet von dem geregelten Tagesablauf. Es gibt u.a. Sport und Arbeitsbeschäftigungen. "Wir kochen, machen Frühstück, backen und essen gemeinsam", sagt er. Wer gegen Regeln verstößt, zahlt 50 Cent in die Gemeinschaftskasse.

Seit drei Jahren gibt es die Tagesstätte in Sternberg, seitdem wurden 29 Betroffene behandelt. Sie kommen für ein paar Wochen oder auch maximal für drei Jahre, sagt die Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin der Tagesstätte Claudia Körner. Zur Zeit seien auch Klienten aus dem Raum Warin, Neukloster, Crivitz, Mestlin, Herzberg, Lübz, Plau, Karow und Goldberg in der Einrichtung, die Montag bis Freitag von 8 bis 14.30 Uhr geöffnet ist. Ein kostenloser Fahrdienst bringt die Menschen aus dem Umfeld jeden Tag nach Sternberg und am Nachmittag wieder nach Hause.

Die Tagesstätte soll Menschen mit einer Suchterkrankung Halt und Stabilität geben, so Körner. Hier würden die Betroffenen lernen, wieder ihren Alltag ohne Alkohol zu gestalten. Viele der Süchtigen kämen anfangs mit dem Klischee in die Einrichtung, es reiche, hier den Tag zu verbringen. Das stimmt nicht. Und es sei zudem wichtig, sich nicht ausschließlich auf eine abstinente Lebensweise zu konzentrieren. "Der Kampf gegen die Sucht bedeutet immer auch Veränderungen in fast allen Lebensbereichen", sagt Körner. Viele leben alleine, hatten im Trinkermilieu oft ihre einzigen sozialen Kontakte. Um einen Rückfall zu verhindern, sei es oft unabdingbar, sich von alten Bekannten fern zu halten. Die Tagesstätte bemüht sich auch, mögliche neue Kontakte zu vermitteln - beispielsweise zu Vereinen oder zur Behindertenwerkstatt.

Es sei notwendig, alte Verhaltensmuster aufzubrechen und Strategien zu entwickeln, anders mit Konfliktsituationen umzugehen, so Körner weiter. Dabei verweist sie ausdrücklich auch auf Achtsamkeitsübungen, Entspannungsmethoden und geführte Meditationen. Zum Hintergrund erklärt die Therapeutin: Es gehe darum, sich weniger auf das zu konzentrieren, was man in der Vergangenheit gemacht hat, stattdessen mehr auf den heutigen Tag. Es gehe darum, die kleinen Dinge schätzen zu lernen.

Neben Gesprächen in Einzel- und Gruppentherapie sollen vor allem ergo- und arbeitstherapeutische Angebote Besuchern der Tagesstätte helfen, verloren gegangene Fertig- und Fähigkeiten wiederzuerlangen. Dadurch biete die Tagesstätte eine Hilfe zur Reintegration in die Gesellschaft, meint Bianca Roß, Ergotherapeutin der Einrichtung.

Nach vielen Jahren Alkoholkrankheit gebe es Folgeschäden bei den Betroffenen. Die Nerven sind angegriffen, so Körner. Manche würden sogar im Rollstuhl sitzen. Dass ein solcher ihrer Klienten im Laufe der Therapie wieder gehen gelernt hat, war ein großer Erfolg, so Claudia Körner. Ob die Besucher abstinent bleiben, kann sie nicht sagen. Aber sie sieht, wie sich deren Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln.

Oftmals würden die Besucher der Tagesstätte nach Jahren erstmals erleben, dass Feierlichkeiten ohne Alkohol ebenso fröhlich und ausgelassen sein können. Seit drei Jahren feiert die Tagesstätte daher u.a. Fasching. Die Besucher fertigen ihre Kostüme selbst, gestalten und planen die Feierlichkeiten, angefangen vom Ablauf des Tages über die Dekoration bis hin zur Essen- und Getränkeversorgung. Nach Partyspielen und Tanz werden gern alkoholfreie Cocktails angeboten. In diesem Jahr überraschte Bianca Roß mit ihrem selbst gemachten Eierlikör ohne Promille.

Dass die Alkoholsucht eine Krankheit ist, sei mittlerweile in der Gesellschaft anerkannt, so Ergotherapeut Holger Nolde. Probleme mit anderen Drogen würden dagegen immer noch unter den Teppich gekehrt.

Während bei Älteren der Alkohol verbreitet ist, gebe es bei Jüngeren oft eine Kombination der Sucht, beispielsweise nach Alkohol und Ecstasy. Er sei erschrocken, wie viele Drogensüchtige es beispielsweise in der Kreisstadt Parchim gibt, so Nolde.

"Auch in Sternberg", sagt Olaf Appel, der nach einem Rückfall derzeit erneut wegen seiner Alkoholsucht Hilfe in der Tagesstätte findet. Er weiß das, weil er im Laufe seiner Therapien mit vielen Süchtigen in Kontakt gekommen ist. Und weil sein Verstand heute nicht mehr vernebelt sondern klar ist, wenn er durch Sternberg geht.

Mittag naht. Die ersten beginnen, die große gemeinsame Tafel zu decken. Martina Franke drängelt, denn es gibt noch einiges zu tun bei der Vorbereitung des Essens: "Jetzt muss ich aber wieder in die Küche."

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