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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

24. August 2017 | 09:01 Uhr

Sternberg/Parchim : Gefährlicher Griff zur Pille

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Immer mehr Medikamentensüchtige in der Region: Suchthilfezentrum der Diakonie in Parchim unterhält auch eine Außenstelle in Sternberg.

„Ich glaube, dass zu unkritisch Medikamente konsumiert werden“, meint Jutta Scharf, Leiterin des Suchthilfezentrums der Diakonie in Parchim. Um vier Männer und 15 Frauen im Altkreis Parchim, die durch Schlaf- und Beruhigungsmittel (Sedativa und Hypnotika) krank geworden sind, haben sich die Suchtberater in Parchim und den Außenstellen in Lübz, Sternberg, Plau und Crivitz im Vorjahr gekümmert.

Diese Zahl von insgesamt 19 sei aber nicht aussagefähig, so Jutta Scharf gegenüber unserer Zeitung. Es gebe weit mehr Menschen, die von Medikamenten abhängig sind. Die Betroffenen kommen aber erst zu den Beratern, wenn sie unter den Folgen des Pillenkonsums leiden. Angst- und Schlafstörungen treten dann beispielsweise auf.

Jutta Scharf schildert einen typischen Fall, wie jemand in die Abhängigkeit geraten kann. Bei den Klienten handelt es sich beispielsweise oft um sehr engagierte Frauen, die in der Krankenpflege oder im öffentlichen Dienst arbeiten. Die Gefährdeten sind meist selbstlos, gehen über ihre eigenen Grenzen. Schließlich können sie nicht mehr schlafen. Sie wenden sich an einen Arzt, der ihnen zur kurzzeitigen Einnahme ein Beruhigungsmittel verordnet.

Die Medikamente helfen. Doch dann hat der Alltag die Frauen wieder. Es gibt neue Probleme – ob in der Arbeit, im privaten Bereich, bei der Pflege der Mutter oder mit den Kindern. Und damit auch die Erinnerung an das Medikament, das ihnen gut getan hat. Sie besorgen es sich wieder und wieder.

Doch die Dauereinnahme schlägt sich früher oder später ins Gegenteil um. Die Menschen bekommen Atemnot, Angstzustände, fühlen sich getrieben. Und sie schlucken weiter Pillen, weil sie ihrem Medikament vertrauen.

Weil sie erschöpft sind, landen die betroffenen Frauen dann irgendwann mit einer sekundären Erkrankung beim Arzt.

Aber nicht nur Überbelastung im Beruf kann als Auslöser für die Sucht fungieren. Betroffen sind auch Menschen, die unzufrieden im Beruf sind, weil sie wenig mitbestimmen können, wie Jutta Scharf und ihr Beraterkollege Marcus Müller wissen. Es gebe Beispiele, dass mit einem neuen Leiter im Betrieb plötzlich der Rat eines erfahrenen Kollegen nicht mehr gefragt ist. Der Chef sagt dem Mann, er soll nur noch seine Arbeit machen. Chronische Unzufriedenheit im Beruf könne letztlich Schmerzen auslösen und zum Griff zu Medikamenten führen. „Manchmal ist der Leitungsstil katastrophal“, meint Jutta Scharf.

Die Entgiftung dauert bei Medikamenten-Süchtigen oft eine recht lange Zeit, bei einem Klienten der Parchimer Beratungsstelle zieht sie sich schon über ein Jahr hin. Der Prozess, bei dem das Suchtmittel abgesetzt wird, wird ärztlich begleitet, sagt Jutta Scharf.

Die Suchtgefahr durch Medikamente wird nach Ansicht der Parchimer Experten völlig unterschätzt. Zum einen, weil die Betroffenen nicht mit dem Gedanken spielen müssen, vielleicht etwas Verbotenes zu tun. Und weil sie ständig unter dem Druck stehen, wie Marcus Müller aus Gesprächen weiß: „Bleib leistungsfähig, bleib funktionstüchtig!“


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