Nisbill : „Für die Kinder war es die Freiheit auf dem Dorf“

Generationenhaus: Helga und Schwiegertochter Gundula Gluth leben mit der Familie in einem ehemaligen Siedlerhaus.
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Generationenhaus: Helga und Schwiegertochter Gundula Gluth leben mit der Familie in einem ehemaligen Siedlerhaus.

Dorfgeschichten: Mit der SVZ unterwegs heute in Nisbill.

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29. März 2014, 08:00 Uhr

Im Jahr 1171 fand Nisbill, heute zur Gemeinde Bibow gehörend, erstmals urkundliche Erwähnung. 1577 wurden lediglich fünf Bauern und ein Kossat vermerkt. Das Gutshaus steht heute noch, ist aber von der Denkmalliste gestrichen, bietet einen verwitterten Anblick und ist in Privatbesitz.


An Brahma-Hühnern vergreift sich kein Fuchs


„Der letzte Domänen-Besitzer Koelbeck hatte bekannt geben lassen, das von der Schusswaffe Gebrauch gemacht wird, sollten Kartoffeldiebe auf dem Acker erwischt werden“, erzählt Bürgermeister Dettlef Lukat. Er ist gerade dabei, seine Brahma-Hühner auf den Hof zu lotsen. Die große Rasse hält er, weil Fuchs und Raubvögel nicht an diese Hühner herangehen.

Einige alte Siedlerhäuser gibt es noch in Nisbill. In einem wohnt der 56-Jährige. Er zog nach seiner Armeezeit 1979 nach Nisbill und ist seit zehn Jahren Bürgermeister der Gemeinde Bibow.

Zwei Häuser weiter wohnt Elna Wiechmann. Sie ist 2013 mit ihrem Partner aus Wismar in das Siedlerhaus gezogen, das früher die Milchannahmestelle und später den Konsum beherbergte. „Wir waren auf der Suche nach einem Haus und haben den Ort auf der Durchfahrt entdeckt. Es ist ruhig hier. Sogar ruhiger als in Timmendorfer Strand auf der Insel Poel, wo ich aufgewachsen bin“, so die 45-Jährige. Dann nimmt sie ihre Cockerspanielhündin Aleke und setzt ihren Rundgang fort.

Insgesamt hat der an der L 031 gelegene Ort etwa 80 Einwohner. Eine davon ist Johanna Gluth, die gerade an der Bushaltestelle aus dem Schulbus aussteigt. „Ich bin in Nisbill aufgewachsen. Etwa sechs Jugendliche haben wir im Ort. Die treffen sich manchmal draußen zum Erzählen oder vor dem Computer. Ich fahre sonst nach Warin zur Freundin oder verbringe meine Freizeit mit der Familie. Jetzt allerdings bereite ich mich auf die Abiturprüfungen vor“, sagt die 17-Jährige und macht sich auf den Heimweg.

Gegenüber wohnen ihre Oma, Tante und Onkel. In dem ehemaligen Siedlerhaus leben drei Gluth-Generationen unter einem Dach. Helga Gluth, die aus dem Netzekreis in Hinterpommern stammt, lebt seit 1947 in Nisbill. „Als mein Vater aus der Gefangenschaft kam, ist er nach Tarzow gegangen, weil dort Nachbarn aus unserer früheren Heimat wohnten. Meine Mutter und wir drei Kinder mussten 1946 unsere Heimat verlassen. 1947 fand mein Vater uns im Vogtland und holte uns hierher, da er in Nisbill eine Bauernstelle zugewiesen bekommen hatte. Früher waren wir über 100 Einwohner in Nisbill. Ich besuchte die Berufsschule in Warin und lernte Hauswirtschaft. Dann half ich auf der Bauernstelle meiner Eltern, bis ich heiratete“, erzählt die heute 82-Jährige und berichtet weiter: „In unserem Haus richtete ich 1962 die Poststelle ein und betreute diese auch, als sie 1973 ins Schloss nach Hasenwinkel umgesetzt wurde. Später habe ich meine Eltern versorgt und meine drei Jungs hier aufgezogen. Für die Kinder war es die Freiheit auf dem Dorf, die sie hier hatten. Sie brauchten nicht in den Kindergarten“, so Helga Gluth.


Besuch der beliebten Knobelnachmittage


Heute lebt sie mit Sohn Reinhard, Schwiegertochter und zwei Enkeln im Haus – versorgt ihre Hühner und Kaninchen. Hund Micki gehört dazu. Um ihn und die Familie kümmert sich Schwiegertochter Gundula Gluth. Diese stammt aus dem Nachbarort Neuhof.

Bis zur 4. Klasse besuchte sie die Zwergenschule in Neuhof, dann ging’s nach Ventschow in die alte Schule. „Meine Schwestern leben auch hier, haben Männer aus Nisbill geheiratet“, sagt Gundula lächelnd. Nach der Lehre in der BHG Ventschow arbeitete sie bis zum Ruhestand bei der Volks- und Raiffeisenbank. Jetzt verwöhnt die 62-Jährige ihre Familie, besucht mit ihrer Schwiegermutter Knobelnachmittage, trifft sich oft mit den ehemaligen Kollegen.

Mit kleinen Schritten kommt Wilhelm Schoel (85) daher. Er kam 1948 von Ostpreußen mit der Familie ins Mecklenburgische. In der LPG „Vereinte Kraft“ in Nisbill war er Vorsitzender. „Der Stützpunkt befand sich neben dem Gutshaus. Jetzt ist alles weg, nur noch ein leerer Platz.“ Er lebt noch mit seiner Frau hier und hat den Nachbarn gerade Post rübergebracht.

Hier auf dem Hof montieren zwei junge Männer an einem ausgeschlachteten Pkw herum. „Wir nehmen es zur Ersatzteilgewinnung. Mein Kumpel Max Riemer aus Warin hilft mir dabei “, sagt Matthias Hetze. Der Mechatroniker lebt seit sechs Jahren mit seinen Eltern in Nisbill.

„Wir sind von Bibow hergezogen, haben früher im Eisenbahnerhaus gewohnt. Hier ist es jetzt ruhiger. In der Freizeit beschäftige ich mich auch mit Autos“ erzählt der 20-Jährige, der als Nächstes seinen Meisterabschluss in Angriff nehmen will.

















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