Witzin: 120 Jahre alte Nadelbäume fallen : Fichten machen Platz für Laubwald

Der Harvester vereint  eine Reihe von Forstarbeiten, die sonst mühevoll mit der Hand zu bewältigen wären. Doch wenn der Stamm über 60 Zentimeter  dick ist oder sich der Baum Richtung Bundesstraße neigt, müssen die Waldarbeiter hier mit der Motorsäge ran.
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Der Harvester vereint eine Reihe von Forstarbeiten, die sonst mühevoll mit der Hand zu bewältigen wären. Doch wenn der Stamm über 60 Zentimeter dick ist oder sich der Baum Richtung Bundesstraße neigt, müssen die Waldarbeiter hier mit der Motorsäge ran.

Bevor der nächste Baum zu kippen beginnt, zeigt die Behelfsampel auf der Bundesstraße 104 Rot an. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, falls einer der über 30 Meter hohen Kerle doch die falsche Richtung nimmt.

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09. Oktober 2013, 07:08 Uhr

Witzin | Bevor der nächste Baum zu kippen beginnt, zeigt die Behelfsampel auf der Bundesstraße 104 Rot an. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, falls einer der über 30 Meter hohen Kerle doch die falsche Richtung nimmt und Geäst auf die Fahrbahn kracht. In wenigen Tagen, rechnet Revierförster Torsten Doer, könne auf die Ampel verzichtet werden. Dann sollte sich der Anfang des Monats begonnene Holzeinschlag weit genug in den Wald verlagert haben, so dass er die viel befahrene Straße nicht mehr berührt.
Es geht um etwa zweieinhalb Hektar entlang der B 104 zwischen Witzin und Abfahrt Mustin. Der 120-jährige Misch bestand aus Fichten und Kiefern ist hiebreif, wie die Fachleute sagen. Stehen

Nadelbäume über ihre Zeit hinaus, kann die Qualität des Holzes leiden. Das Alter spiele dabei eine Rolle, entscheidend sei aber der so genannte Zieldurchmesser der Stämme. Der liege bei Nadelholz um die 60 Zentimeter, damit habe es die von der Industrie gewünschte optimale Verarbeitungsstärke, erklärt der Rosenower Revierförster. Bei Laubbäumen dagegen, dem Wertholz, das zu Furnier verarbeitet wird, könnten die Stämme gar nicht dick genug sein, fügt er schmunzelnd hinzu.

Zu seinem Revier gehören 1076 Hektar Landeswald sowie ca. 300 Hektar private oder kommunale Flächen. Unter den sieben des Forstamtes Schlemmin eine durchschnittliche Größe, überschlägt Doer. Es reicht bis Loiz und Groß Raden im Sternberger Seenland, bis Tieplitz im Landkreis Rostock auf der anderen Seite. Das Forstamt Schlemmin umfasst eine Waldfläche von insgesamt 14 000 Hektar.

Schirm aus Altbäumen schützt den Nachwuchs

Vom jetzigen Einschlag erwartet der Revierförster um die 500 Kubikmeter Holz. Gemessen an seiner Jahresmenge von 7000 Kubikmetern ein eher kleiner Posten. Das Forstamt verkauft im Jahr rund 46 000 Kubikmeter, ergänzt Sachbearbeiter André Köppen. Eine Datenbank listet wie ein Inventarverzeichnis jedes Jahr neu den Holzvorrat jeder Fläche auf. Die habe es schon zu DDR-Zeiten gegeben; sie sei fortgeschrieben worden und mit der heutigen Computertechnik "natürlich bedeutend komfortabler", so Doer. Und alle zehn Jahre würden Kollegen aus dem Bereich Forsteinrichtung mit modernen Lasergeräten in die Wälder ziehen, um anhand von Stichproben den Holzbestand auszumessen. Hintergrund sei, "die Flächen nicht zu übernutzen", erläutert der Mann aus dem Forstamt. Das Prinzip der Nachhaltigkeit verlange, weniger Holz einzuschlagen als nachwächst. "Daran sind wir wie alle Forst betriebe gebunden", sagt Köppen.

Aus der Datenbank geht auch hervor, dass der Bestand, der jetzt gefällt wird, eine mittlere Höhe von 33,8 Metern hat. Auf einem Streifen entlang der Bundesstraße, genau eine Baumlänge breit, komme zur Verkehrssicherheit alles herunter. Dahinter bleiben Altbäume einzeln stehen, unter denen aufgeforstet wird. Dieser Schirm schützt vor Frost und übermäßiger Sonne, bietet Wind ruhe sowie Greifvögeln ihren Sitz, damit sie Mäusen den Garaus machen, die sich sonst die zarten Pflänzchen schmecken ließen. Wenn hier bei heftigem Sturm Altbäume umstürzen, passiere nichts, nahe der Straße dagegen könnten die Folgen schwerwiegend sein. Einzelne Bäume seien "extrem windanfällig", so Doer. "Die kennen das nicht, weil sie immer im festen Gefüge standen."

Das Holz geht an drei Vertragspartner in Wismar. Aus den Langholzabschnitten werden dort Balken, Kanthölzer und Bohlen geschnitten, alles weitere wird für Spanplatten oder als Energieholz, vor allem Heizpellets, genutzt. Kleine Äste wie Nadeln bleiben zur Humusbildung liegen. Die Verwertung des Holzes gehe sehr weit, die Fläche dürfe nach dem Einschlag aber nicht wie leer gefegt sein. "Wir betreiben keine Ganzbaumnutzung", so Köppen. Die sei mit "naturnaher Wald bewirtschaftung" unvereinbar.

Den Zuschlag für die Fläche an der B 104 erhielt eine Firma aus Nordwestmecklenburg. Es gehe nach dem wirtschaftlichsten Angebot, nicht nach dem billigsten. Das Unternehmen müsse nachweisen, dass es alle Standards für die Zertifizierung einhalte, auch die Zahlung von Mindestlohn an die Mitarbeiter.

Etwa ab Frühjahr 2015 werde die Fläche standortgerecht mit Buche und Eiche aufgeforstet. "Wir gehen von der natürlichen Bewaldung nach der letzten Eiszeit aus. Da gab es im heutigen Mecklenburg fast komplett Laubwald", erklärt Revierförster Doer. "Fichten gehören überhaupt nicht hierher, sondern ins Gebirge." Und Kiefern seien armen, schlechten Böden vorbehalten, etwa in der Griesen Gegend. Der Waldumbau von Nadel- auf Laubholz sei ein weit gestecktes Ziel, ein langwieriger Prozess, der sich bis zu 100 Jahre hinziehe.

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