Groß Raden : Erstochen und Erschlagen

Anthropologin Dr. Ute Brinker vom Landesamt für Bodendenkmalpflege Wiligrad sowie Dr. Jochen von Fircks (l.) , Fördervereinsvorsitzender des Archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden, und der Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen,
Anthropologin Dr. Ute Brinker vom Landesamt für Bodendenkmalpflege Wiligrad sowie Dr. Jochen von Fircks (l.) , Fördervereinsvorsitzender des Archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden, und der Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen,

„Im Angesicht des Todes“ – so lautete der spektakuläre Titel des Vortrages am Mittwochabend in Groß Raden.

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05. Dezember 2013, 17:28 Uhr

Mit einer Keule rennt ein Mann auf einen anderen zu und schlägt ihn hinterrücks auf den Kopf. Ein anderer sinkt zu Boden, von einer Pfeilspitze tödlich getroffen…

„Im Angesicht des Todes“ – so der spektakuläre Titel des Vortrages am Mittwochabend im Vortragsraum des Archäologischen Freilichtmuseums in Groß Raden. Dazu hatten der Förderverein des Freilichtmuseums und das Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege eingeladen. In dieser gut besuchten Veranstaltung von Referentin Dr. Ute Brinker ging es um menschliche Skelettreste: Bronzezeitliche Funde aus dem Tollensetal und um zwei Söldner aus im Dreißigjährigen Krieg, die 2010 in einem Laufgraben in der Frankenvorstadt der Hansestadt Stralsund bei Ausgrabungsarbeiten gefunden wurden.

Vor 3200 Jahren fanden Menschen einen gewaltsamen Tod im Tollensetal, nördlich von Neubrandenburg. Unverheilte Verletzung am Schulterblatt durch scharfe Gewalteinwirkung, ein Pfeilschuss, nachzuweisen durch Kerben am Rippenbogen, hintere Schädelverletzungen durch einen Keulenschlag – das sind nur einige Fakten, die bei den gefundenen menschlichen Skelettresten analysiert wurden. Oft lagen mehrere Individuen in einem Fundgrab, manchmal vermischt mit Tierknochen und Holzresten.

Was mag sich auf dem Schlachtfeld, wenn es eins war, abgespielt haben? Wer waren die Menschen, wo kamen sie her? Das sind Fragen, die wohl nicht mehr konkret beantwortet werden können. Aber einiges geben die Funde doch her: Nämlich, wie sie gestorben sind. 50 Prozent weisen scharfe Verletzungen auf, zehn Prozent stumpfe Verletzungen. „Es wurde eine 3,6 Zentimeter lange Pfeilspitze gefunden die 2,6 Zentimeter tief in einem Oberarmknochen recht fest saß“, so Dr. Brinker, die dazu Fotos zeigte. Die 46-Jährige Wismarerin arbeitet in Wiligrad beim Landesamt für Bodendenkmalpflege und untersucht dort Skelettfunde. Sie fand neben unverheilten Verletzungen, die auf einen gewaltsamen Konflikt im Tollensetal hinweisen, auch länger verheilte Traumata als Vorbelastung der Toten durch Unfälle oder Gewalt. 14 Fundstellen gibt es bisher im Tollensetal. Über 12 000 Knochen, davon 9000 von Menschen, wurden bisher freigelegt. Waren es 1996 18 Prozent an Knochen, die gefunden wurden, stiegen dies 2012 auf 37 Prozent an. 85 Prozent der Funde sind Oberschenkelknochen, weniger Hand- und Fußknochen von überwiegend 20 bis 40 Jahre alten Menschen.

2008 begannen die Forschungen, seit 2010 finden hier Untersuchungen statt. Bereits in den 1970er-Jahren wurden Skelette geborgen, so die Archäologin und Anthropologin Dr. Brinker. Aufmerksam wurde man aber erst, als in einem Kugelgelenk eines Oberarmknochens eine Flintpfeilspitze entdeckt wurde. Diese Skelettreste fand 1996 der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Ronald Borgwardt bei einer Bootstour. Zwischen den Menschen- und Tierknochen finden sich auch Hölzer sowie Flint- und Bronzezeitpfeilspitzen – datiert auf einen Zeitraum von 1250 bis 3000 v. Chr.. Eventuell sind aber auch Funde dabei, die noch älter sind.


Einzige bronzezeitliche Stelle nördlich der Alpen


„Es ist wie eine Detektivarbeit. Bisher wurden 229 Individuen nachgewiesen, dazu Funde aus dem Fluss. Es ist bisher die einzige bronzezeitliche Fundstelle nördlich der Alpen in diesem Ausmaß. Vielleicht ist es das älteste Schlachtfeld Mitteleuropas mit den Funden von Skelettresten, die teilweise markante Verletzungsspuren aufweisen, Holzwaffen, Flint- und Bronzepfeilspitzen“, sagte Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen.

Bei den Stralsunder Funden 2010, handelt es sich offenbar um zwei Söldner aus der Zeit der Belagerung Stralsunds von Mai bis August 1628 durch kaiserliche Truppen. Diese Skelette sowie zahlreiche Waffen und Schanzwerkzeuge zeigen eine Momentaufnahme des Drießigjährigen Krieges. Der Laufgraben war etwa 7,5 Meter lang, zwei Meter breit und 80 Zentimeter tief. Das östlich gefundene Skelett wurde auf ein Alter von 18 bis 22 Jahre mit einer Größe von 1,82 Metern datiert. Es wies unterschiedliche Stichverletzungen auf, zugefügt von hinterrücks unten, wie eine Rückenmarksverletzung beweist. Das westlich gefundene Skelett wurde auf ein Alter von 45 bis 50 Jahre datiert mit einer Größe von 1,66 Meter. Es wies eine unverheilte Verletzung am linken Oberarmknochen durch stumpfe Gewalteinwirkung auf, an der rechten Oberhand eine unverheilte Hiebverletzung – „wie bei einer Abwehrhaltung“, so die Referentin. Beide Skelette wiesen erhebliche Zahnfehlstellungen auf, Zahnstein und Zahnerkrankungen, sowie poröse Veränderungen der Augenhöhlendächer, die auf Fehlernährung hinwiesen, etwa durch einen Vitamin-B12- Mangel im Kindesalter.




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