Warin : Erst überredet – doch voller Einsatz

Anhand von Bildern erinnert sich Gerda Weiler gern an die vielen Veranstaltungen, die sie gemeinsam mit dem Vorstand der Volkssolidarität in Warin organisiert hat.
Anhand von Bildern erinnert sich Gerda Weiler gern an die vielen Veranstaltungen, die sie gemeinsam mit dem Vorstand der Volkssolidarität in Warin organisiert hat.

Gerda Weiler ist 20 Jahre Vorsitzende der Ortsgruppe der Volkssolidarität in Warin. Mit fast 92 soll am Jahresende aber Schluss sein.

svz.de von
07. September 2015, 21:15 Uhr

Wenn man sie so sieht, die alte Dame, klein, schlank, agil und fit, immer noch eine aktive Vorsitzende der Ortsgruppe der Volkssolidarität (VS) in Warin, dann schaut man sofort ungläubig, wenn sie ihr Alter verrät: „Ich bin fast 92 Jahre alt – fast!“ Genau 20 davon leitet sie die VS-Ortsgruppe. Doch am Jahresende soll damit Schluss sein, jemand jüngeres die Nachfolge antreten.

Am 9. Februar 1924 wurde Gerda Weiler in Burg bei Magdeburg als Tochter eines Schumachers und einer Fabrikarbeiterin geboren. Ein Nesthäkchen nach vier Geschwistern und von allen verwöhnt, wie sie selbst zugibt. Trotzdem stand sie als junge Erwachsene sofort mit beiden Beinen fest im Leben – musste sie ja auch, in diesen Zeiten im und gleich nach dem Krieg.


Neben dem Beruf für Kinder engagiert


Nach der Schule machte sie ihr Pflichtjahr, ein halbes Jahr bei einem Bäcker, ein halbes Jahr in einem Lebensmittelgeschäft. Anschließend absolvierte die Jugendliche eine kaufmännische Lehre, die sie sogar als einzige aller Lehrlinge ein Vierteljahr früher abschließen durfte. Sie wurde Buchhalterin in einem großen Betrieb, der Flugzeugdüsen herstellte.

Schluss war, als 1945 die Rote Armee in Burg und in der Fabrik einmarschierte. „Danach hieß es erst einmal, für die russische Armee Uniformen nähen“, erinnerte sich Gerda Weiler. Doch schon im Dezember 1945 suchte der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) eine Sekretärin. In dieser Zeit lernte sie ihren späteren Mann kennen, der in der russischen Kommandantur als Dolmetscher tätig war. Als er in Halle bei der Firma Deutrans als Betriebsleiter anfing, folgte sie ihm. 1949 wurde geheiratet. Später kamen eine Tochter und ein Sohn zur Welt. Arbeitsmäßig wurde sie vom Landesverband des FDGB in Halle als Sachbearbeiterin übernommen.


Dem Betrieb 38 Jahre treu geblieben


Nach einer Babypause bewarb sie sich aber auf die Anzeige eines Entwurfbüros für Industriebau als Stenotypistin. „Dort wurde ich als

48. Mitarbeiterin angestellt“, weiß sie noch. Der Betrieb mauserte sich im Laufe der Jahre auf 1100 Mitarbeiter. Neben ihrer Arbeit engagierte sich Gerda Weiler ehrenamtlich in der sogenannten Kommission „Arbeit unter den Kindern“. Hier organisierte die junge Frau Kindertag, Ferienlager, Weihnachtsfeiern etc. für die Kinder der Betriebsangehörigen. „Das hat mir Spaß gemacht. Ich habe früher schon meiner Mutter viel geholfen. Sie hatte in der Volkssolidarität, die im Oktober 1945 gegründet wurde, Kleider genäht und Feste, wie Weihnachtsfeiern organisiert.“

Gerda Weiler blieb dieser Firma 38 Jahre treu. „Zum Schluss hätte ich schon fünf Jahre Rentnerin sein können. Wenn ich nicht 1989 zu meiner Tochter nach Warin gezogen wäre, ich wäre wohl heute noch in diesem Betrieb“, sagt sie lachend. Ihr Mann war bereits 1979 verstorben.

Solange ihr Enkel noch klein war, betreute Weiler ihn. „Das war eine schöne Zeit, mit ihm und seinen Freunden zu spielen.“ Parallel dazu hatte sie sich aber schon 1990 der Wariner Ortsgruppe der Volkssolidarität angeschlossen. 1995 wurde sie überredet, den Vorsitz der Ortsgruppe zu übernehmen. Somit ist sie in diesem Jahr bereits 20 Jahre als Vorsitzende dabei. „Ich wollte immer schon mal zwischendurch aufhören, aber es fand sich niemand, der das Amt übernehmen wollte. Ich wohne aber einfach zu weit weg von der Innenstadt und vom Fritz-Reuter-Platz, in dessen Nähe die meisten der aktiven Mitglieder wohnen und wo wir uns immer treffen. Noch bin ich gut zu Fuß, aber man wird ja nicht jünger… Deswegen steht für mich definitiv fest, am Jahresende höre ich auf!“, sagt die fast 92-Jährige bestimmt. 20 Jahre lang habe sie alle Veranstaltungen organisiert. Nun müsse sich eine Jüngere finden.


Ein lachendes und ein weinenden Auge


Diesen Schnitt macht Gerda Weiler allerdings mit einem lachenden und einen weinenden Auge. Sie brauche die Gesellschaft, wohne aber „Am Glammsee“ zu weit weg von den anderen. Als Vorsitzende musste sie immer loslaufen, aber danach… ? Solange es geht, wird sie der VS-Ortsgruppe treu bleiben, was ihr hoffentlich noch lange vergönnt sein wird. Und im nächsten Jahr geht die Tochter in den Ruhestand. Dann ist sie zu Hause auch nicht mehr so viel allein.


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