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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

22. November 2017 | 00:27 Uhr

Friedensandacht Sternberg : Erinnern an einen Wendepunkt

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Interreligiöse Friedensandacht im Sternberger Rathaus. Gedenkstelle und Ausstellungsprojekt in der Stadtkirche vorgestellt

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2017 | 21:00 Uhr

525 Jahre sind vergangen, doch die Ereignisse des Jahres 1492 wirken noch heute nach und sind es wert, in Erinnerung gerufen zu werden. Dass dies nicht nur die folgenreiche Seereise des Christoph Columbus mit der „Entdeckung“ Amerikas betrifft, das wurde heute in Sternberg deutlich.

Denn auch das kleine Mecklenburger Städtchen schrieb seinerzeit Geschichte, wenn auch ein Kapitel zum Schämen, wie es der evangelische Bischof Dr. Andreas v. Maltzahn ausdrückte während einer Interreligiösen Friedensandacht. Gemeinsam erinnerten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Schwerin, der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinden sowie der Stadt Sternberg im Rathaus an das Pogrom an den Sternberger Juden vor 525 Jahren.

Am 24. Oktober 1492 wurden im Zuge eines Justizmords 27 jüdische Männer und Frauen aus Sternberg auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In der Folge sind alle übrigen Juden  für 200 Jahre aus Mecklenburg vertrieben worden, nachdem man sie enteignet hatte. „An diese Verbrechen wollen wir erinnern, uns unserer Verantwortung heute vergewissern und gemeinsam in die Zukunft blicken“, sagten Rabbiner Yuriy Kadnykov und Bischof Dr. v. Maltzahn.

„Wo immer sich heute militante Feindschaft gegen Anders-Denkende und Anders-Glaubende breitmacht – lassen Sie uns solchem Ungeist widerstehen!“, rief Bischof v. Maltzahn den Versammelten zu und forderte sie auf: „Wo immer das Recht infrage gestellt wird, seinen Glauben selbstbestimmt und öffentlich zu leben – treten wir miteinander für Religionsfreiheit ein!“

Zeitgeschichte - das Jahr 1492

Seinerzeit hatten sich Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón,  Erben der beiden Europaweit einflussreichen christlichen Königreiche auf der Iberischen Halbinsel, miteinander verheiratet und  als vereinte Streitmacht die seit 781 Jahren im Süden herrschenden arabischen Mauren militärisch vernichtend geschlagen. In der Folge wurden sämtliche Menschen islamischen Glaubens (knapp 400 000) aus dem nun vereinigten Spanien vertrieben und die Juden (ca. 200 000) gleich mit.

Zufällig beauftragte jene Königin Isabella zur selben Zeit den italienischen Abenteurer Columbus mit seiner Seereise gen Westen.

 Wie inzwischen unbestritten brachte jene „Eroberung des Paradieses“  unter dem Vorwand des Glaubens den Europäern einerseits beträchtliche Vorteile, den damals über Jahrtausende selbstständig entwickelten Ureinwohnern der „Neuen Welt“ dagegen millionenfachen Tod und den Untergang ihrer Hochkulturen und vielen Afrikanern die Sklaverei in Amerika.

Im Anschluss an die Interreligiöse Friedensandacht wurde in der Sternberger Stadtkirche ein Gedenkstein mit dem Wortlaut des 5. Gebots der Bibel bzw. der 6. Weisung aus der Thora sowohl in lateinischer und hebräischer Schrift als auch in der deutschen Übersetzung Martin Luthers der Öffentlichkeit übergeben.

Nach einer Schweigeminute informierte Dr. Kristin Skottki von der Universität Bayreuth kurz, warum es nach Überzeugung der beteiligten Wissenschaftler, Studierenden und der Kirchengemeinde Sternberg vor Ort dringend einer aufklärenden Neubewertung bedarf. 

Dabei führte die Juniorprofessorin für Mittelalterliche Geschichte vor allem Verständnisschwierigkeiten zeitgenössischer Quellen zu den historischen Ereignissen und ihren vermeintlichen Zeugnissen ins Feld. Es sei höchste Zeit, Gerechtigkeit erfahren zu lassen.

Spätestens im Frühjahr 2019 solle es in der Stadtkirche eine Ausstellung geben, welche an den sogenannten Sternberger Hostienfrevelprozess und die nachfolgende Heilig-Blut-Wallfahrt erinnert, darüber aufklärt und zur Wachsamkeit gegenüber gesellschaftlichen, juristischen und religiösen Fehlentwicklungen mahnt.

Anschließend gab der Chor „Masl-Tow“ noch ein anrührendes Konzert.

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