Warin : Endlich loskommen von der Angst

Ergotherapeutin Katja Meißner (M.) ist in der Wariner Tagesstätte „Zur Mühle“ so genannte Bezugsbetreuerin für Martina Krause (l.) und Ilona Flick. Hier erhalten Menschen mit psychischen Problemen Hilfe.
Ergotherapeutin Katja Meißner (M.) ist in der Wariner Tagesstätte „Zur Mühle“ so genannte Bezugsbetreuerin für Martina Krause (l.) und Ilona Flick. Hier erhalten Menschen mit psychischen Problemen Hilfe.

Die Tagesstätte „Zur Mühle“ in Warin betreut Menschen mit psychischen Problemen. Der Clubnachmittag einmal im Monat ist für alle offen.

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03. April 2015, 16:56 Uhr

Der Knackpunkt war, als die Kinder erwachsen wurden und aus dem Haus gingen. Sie großzuziehen, war für Ilona Flick das Wichtigste im Leben. Das fiel nun weg und sie damit „in ein Loch“. Einer der drei Söhne wohne noch bei ihr, doch er habe wie die beiden anderen und die Tochter „toi, toi, toi!“ Arbeit, sei tagsüber nicht da. „Ich war auf einmal viel allein und fing an zu grübeln, konnte nachts nicht schlafen, weil das Gehirn ständig arbeitete“, erzählt die 60-Jährige. „Das kommt nach und nach.“ Sie habe den Fernseher eingeschaltet, ohne mitzubekommen, was lief. Hauptsache, es waren Stimmen zu hören. Weinkrämpfe und Depressionen stellten sich ein. Zum Glück hätten „die beiden Großen“ das bemerkt und ihr den Anstoß gegeben, zum Arzt zu gehen. So kam Ilona Flick in die Tagesstätte „Zur Mühle“ in Warin, die Menschen mit psychischen Problemen betreut. Die Einrichtung wurde vor gut einem Jahr vom Verein „Das Boot“ Wismar eröffnet.


Erste Fortschritte nach dem halben Jahr


Ilona Flick wohnt in Wismar und hätte dort fachgerechte Betreuung gefunden. Doch nach jeweils einem Probetag stand Warin für sie fest. Das Haus sei kleiner, jeder gleich auf sie zugegangen. Dadurch sei ihr viel von der Zurückhaltung genommen worden, die sie ständig beherrscht. „Ich fühlte mich sofort wohl“, sagt die 60-Jährige. Der Fahrdienst des Vereins bringt sie morgens nach Warin und am Nachmittag wieder nach Hause.

Martina Krause, 52 Jahre, zog vor vier Jahren von Lübeck nach Warin. Sie hatte schon früher seelische Probleme, war längere Zeit in einer Tagesstätte. „Danach ging vier Jahre alles gut. Bis der Rückfall kam.“ Nicht zu erklären, auf einmal war er da mit Angstzuständen und Depressionen. „Ich kann nicht Bus fahren oder dort sein, wo viele Menschen sind“, so die Warinerin. Sie habe sich auch nicht getraut, Fachärzte aufzusuchen. Ein Psychologe hätte mal zu ihr gesagt, sie solle die Angst im Flur stehen lassen, bevor sie ins Sprechzimmer komme. „Das kann ich nicht, die Angst ist mein Begleiter“, habe sie entgegnet.

Das etwa halbe Jahr in der Tagesstätte habe bei beiden erste Fortschritte gebracht.
Ergotherapeutin Katja Meißner ist ihre so genannte Bezugsbetreuerin, wie es fachlich heißt. Sie half Martina Krause bei den ersten Wegen zum Arzt. Und zum ersten Mal im Leben war diese im Wismarer „Wonnemar“. Ilona Flick beginnt, sich wie früher für alte Bauten zu interessieren, ob Kirchen oder andere sehenswerte Gemäuer. „Wir gehen gemeinsam dorthin und sprechen darüber, das gefällt mir.“

Das Sozialamt entscheidet, wer in einer Tagesstätte betreut wird, ebenso über die Dauer, erklärt Meißner. Minimum sei ein Jahr. Danach gäbe es „ein Hilfeplangespräch“ beim Gesundheitsamt, das mit dem Sozialamt zusammenarbeite, wie es weiter gehen soll. Bei jüngeren Menschen werde angestrebt, sie in Ausbildung oder Arbeit zu bekommen, wenn sie inzwischen dazu in der Lage sind. Oder die Betreuung in der Tagesstätte werde verlängert. Deren Ziel sei es, „Stabilität in den Alltag zu bringen“, so Meißner. In Warin stehen mit Susann Schmutzler eine weitere Ergotherapeutin und Christel Kochnow für das Sozialtraining Fachkräfte zur Verfügung. Max-Julian Koitzsch, der sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert, komplettiert das Stammteam.

Der Tagesablauf beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück. Es folgen Arbeitsangebote, die über die Zuverdienstregelung auch vergütet werden. Martina Krause und Ilona Flick sind gern in dem Laden mit Bekleidung aus zweiter Hand, erledigen dort alles, was anfällt: Die gespendeten Sachen annehmen, gegebenenfalls waschen, ausbessern, bügeln und nach Größe sortieren sowie kassieren. Einkaufen könne in dem Laden jeder, auch ohne Nachweis von Hartz-IV.

Ein Nutzer und ein Betreuer kochen gemeinsam das Mittagessen. Donnerstags wird der Essenplan für die nächste Woche besprochen. Zu den Lieblingsgerichten von Ilona Flick gehört Königsberger Klops. „Die Broiler waren auch gut“, sagt Martina Krause, die den Begriff vorher in Lübeck gar nicht kannte.

Die beiden Frauen sind froh, nicht allein zu sein und mit Menschen sprechen zu können, die sie verstehen. Sie wollen, dass ihnen geholfen wird, um bald wieder ein völlig normales Leben führen zu können. Und deshalb ermuntern sie auch, dass mehr Interessenten den Clubnachmittag an jedem ersten Mittwoch im Monat nutzen. Denn der steht jedem offen.

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