Medizinische Blutegel: Jahrtausende alte Therapie : Ekel-Viecher helfen bei der Heilung

<strong>Den zweiten Blutegel,</strong> der zunächst nicht saugte, setzt Ursula Schönfeld (r.) mit Hilfe einer abgeschnittenen Spritze an. So kann sie ihn genauer fixieren.Bärbel Fanslau aus Demen  hofft, mit dieser Therapie ihre Schmerzen loszuwerden. <fotos>rüdiger rump</fotos>
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Den zweiten Blutegel, der zunächst nicht saugte, setzt Ursula Schönfeld (r.) mit Hilfe einer abgeschnittenen Spritze an. So kann sie ihn genauer fixieren.Bärbel Fanslau aus Demen hofft, mit dieser Therapie ihre Schmerzen loszuwerden. rüdiger rump

Blutegel – fast jeder ekelt sich davor. Doch Heilpraktikerin Ursula Schönfeld aus Weberin nutzt sie für eine Jahrtausende alte Therapie. Schon einst in der Pharaonenzeit oder im Mittelalter sollten sie Heilung bringen.

svz.de von
08. März 2013, 05:56 Uhr

Weberin | Die Schmerzen nehmen tagsüber zu, werden bei jeder Bewegung unerträglich, von der rechten Hand hinauf in den Unterarm. Doch Bärbel Fanslau möchte nicht ständig Schmerztabletten einnehmen. Von einer Operation rät die Hausärztin ab, von der Überlegung, zu Heilpraktikerin Ursula Schönfeld zu gehen, dagegen nicht. Eine Therapie mit Blutegeln, die für viele Menschen einfach nur Ekel-Viecher sind, soll Heilung bringen, wie einst in der Pharaonenzeit oder im Mittelalter. Davon hatte die Rentnerin aus Demen, gerade 70 geworden, in der Fernsehsendung "Visite" erfahren. Sie habe zwar eine Phobie vor Schlangen und derartigem Getier, esse deshalb nicht einmal Aal, doch das zähle jetzt nicht, Haupt sache, diese Winzlinge helfen ihr.

Schönfeld lokalisiert die Schmerzen und setzt den ersten Blutegel an. Der lässt sich nicht lange bitten, beginnt gleich zu saugen. "Das ziept ganz schön", stellt die Patientin fest. Manche empfinden das so, als hätten sie Brennnessel berührt, sagt Schönfeld. Beim zweiten Tierchen dauert es länger. Es will nicht, liegt im wahrsten Sinne des Wortes faul auf der Haut. Die Fachfrau steckt den Blutegel in eine abgeschnittene Plastikspritze. Damit kann sie die Stelle genauer fixieren. Und siehe da, nach wenigen Sekunden hat sich auch dieser Wurm festgesaugt; zwei werden noch folgen. Es sind medizinische Blutegel, etwas grünlich, teils schwach orange schimmernd, die als Fertigarzneimittel eingestuft sind und den gleichen Anforderungen unterliegen wie alle zulassungspflichtigen Medikamente. Ein Lieferant aus dem hessischen Biebertal hält und züchtet sie in 40 naturnahen Teichen. Einfach mal Blutegel für eine Therapie aus einem nahen Gewässer holen, sei nicht erlaubt. Wenngleich deren Vorkommen ein Zeichen für sauberes Wasser sei. "Beim Baden muss ich die allerdings nicht haben", räumt selbst die Naturfrau ein. Wer von den Saugern gebissen werde, brauche sich indes keine Sorgen zu machen. Im Gegenteil, Tiere würden sogar ins Wasser getrieben, damit sie von Blutegeln gebissen würden, eine völlig natürliche Therapie eben.

"Ist der schon größer geworden?", fragt Bärbel Fanslau mit Blick auf den zuerst angesetzten Egel. Nein, ganz so schnell gehe das nicht, entgegnet Ursula Schönfeld. Zwischen 30 und 60 Minuten liege die normale Saugzeit, die Blutmenge in der Zeit bei zehn Millilitern pro Egel, weitere 40 bis 50 ml seien es beim Nachbluten, das durch den Wirkstoff Calin länger als einen halben Tag anhalten kann. Ein gewünschter Effekt, diese so genannte Entstauung; früher wurde die heilende Wirkung allein auf diesen Aderlass zurückgeführt. Heute sei bekannt, dass die Blutegel sezernieren, kurz bevor sie abfallen, ein Sekret in die Bissstelle absondern. Es enthalte um die 60 heilende Substanzen, die sich einander ergänzen. Was die Medizin heute möglich mache, sei ein Segen, findet die Heilpraktikerin. Doch Wirkstoffe so konzentriert und ohne Nebenwirkungen wie in Blutegeln bekomme die Pharma industrie nicht hin, ist sie überzeugt. Hirudin, einer davon, sei ein weltweit anerkanntes Arzneimittel bei Blutgerinnungsstörungen, wie bei Herzinfarkt. Und die Blutegel-Therapie werde bei weit mehr Krankheiten erfolgreich angewendet, so Schönfeld.

Nach knapp einer halben Stunde fällt der erste Blutegel ab. Voll gesaugt hat er jetzt etwa die doppelte Größe. "Das ging ziemlich schnell und ist ein Zeichen für reines Blut", meint Schönfeld. Ihre Patientin liefert eine mögliche Erklärung: Sie habe vor zwei Tagen ihre Schmerztabletten abgesetzt. Das sei vor so einer Therapie genau richtig, die Blutegel seien dann aktiver. Zudem habe der richtige Zeitpunkt geholfen, fügt Schönfeld an. "Ich gehöre nicht zu den Mondanbetern. Doch es hat sich über Jahrhunderte erwiesen, dass die Tage vor Neumond am günstigsten sind."

Die Blutegel müssen von allein abfallen, dürfen nicht "brachial" abgenommen oder gar abgerissen werden. Dann wäre die Wirkung des Sezernierens verloren. Im Notfall werde Salz auf die Tierchen gestreut, dann ließen sie los, erklärt Ursula Schönfeld. Dazu habe sie aber noch nie greifen müssen. Auch Bärbel Fanslau fühlt sich gut. Und so ekelig seien die kleinen Sauger doch gar nicht. Auf die Bissstellen kommt wegen des Nachblutens ein lockerer, saugfähiger Verband. Etwa eine Woche, wenn sie heilen, könne es dort jucken.

Es ist eine Behandlung vorgesehen, die gegebenenfalls nach Monaten wiederholt wird. Wer möchte, nimmt die Egel dafür in einem Glas mit nach Hause; diese können von dem aufgenommenen Blut bis zu zwei Jahre leben. Etwa die Hälfte der Patienten macht davon Gebrauch, so Schönfeld. Andernfalls sei sie verpflichtet, die verwendeten Blutegel einzuschläfern, mit hochprozentigem Alkohol oder 24 Stunden in der Tiefkühltruhe.

Ursula Schönfeld, Diplom-Biologin, war 25 Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gesundheitswesen sowie am Robert-Koch-Institut, kehrte 1995 ins Elternhaus in Weberin zurück. Die Ausbildung zur Heilpraktikerin samt Amtsarztprüfung hatte sie zuvor in Berlin absolviert. Die jüngste Tochter Dörte trat in ihre Fußstapfen und betreibt eine Praxis in Hamburg. Doch auch mit ihren 67 Jahren denkt Schönfeld längst nicht ans Aufhören. Blutegel ansetzen könne sie noch mit 80, sagt die lebensfrohe Frau, deren Herz den Wildkräutern gehört.

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