Wirtschaft : Einzelstücke für Elbphilharmonie

Das D3-Programm HiCad eignet sich am besten für den Stahlbau. Konstruktionsingenieur Torsten Gottwald hat den Rettungsweg für ein Bürogebäude auf dem Bildschirm.
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Das D3-Programm HiCad eignet sich am besten für den Stahlbau. Konstruktionsingenieur Torsten Gottwald hat den Rettungsweg für ein Bürogebäude auf dem Bildschirm.

Sternberger Stahl- und Metallbau fertigt Geländer und Handläufe in Hamburgs Mammutprojekt

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20. Juli 2015, 12:00 Uhr

Treppengeländer sind für Stahlbauer oder Schlosser die einfachste Sache der Welt. Normalerweise, aber nicht bei der Elbphilharmonie in Hamburg. Die Beschäftigten der Sternberger Stahl- und Metallbau GmbH können ein Lied davon singen. Das Unternehmen arbeitet seit einem Jahr dort, fertigt die Handläufe und Geländer für die Foyers.

20 großzügige Treppen sollen sich über mehrere Etagen um den Konzertsaal winden. Außen werden Handläufe
angebracht, innen Staketengeländer. Für deren Konsolen musste es besonderer Stahl sein, der hier aber nirgends zu
beschaffen war und deshalb aus Dortmund kam. Noch problematischer wurde es, den Farbton für die Handläufe zu treffen, den die künstlerische Oberbauleitung (KOL) nach den Farbkonzepten der Architekten vorgegeben hat. Da wurde experimentiert, beraten und verworfen, bis dann Andreas Franke, gemeinsam mit Lebensgefährtin Anja Krull Geschäftsführer des Sternberger Unternehmens, sich mit einem Maler aus der Region verständigte und die Lösung fand. „Wir haben jetzt als Erste eine Farbbestätigung“, so Franke.

Know How für Planung langsam erarbeitet

Krull gehört das traditionsreiche Unternehmen seit April 2013. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs von sechs, dem Tiefpunkt, über den jahrelangen Stand zuvor schon hinaus und liegt heute bei 20. „Wir haben zwei Konstruktionsingenieure eingestellt und damit diese
Abteilung fit gemacht“, sagt Krull. Damit sei das Unternehmen höchst flexibel, wenn der Auftraggeber die Planung verändert habe wolle. Den Konstrukteuren stehe mit HiCad ein D3-Programm zur Verfügung, das am besten auf den Stahlbau angepasst sei. „Was es auf diesem Gebiet gibt, ist hinterlegt. Danach kann ich
individuell planen“, sagt Torsten Gottwald, der seit Mai in Sternberg arbeitet. Er ist von Wittenberge in das kleine Dorf Tieplitz zwischen Sternberg und Güstrow umgezogen.

„Wir machen bei den Aufträgen die Werk- und Montageplanung selbst, bis zu jedem Teil und jedem Bohrloch. Das Know How haben wir uns langsam erarbeitet“, erklärt Krull. Andere Firmen würden diese Arbeit weggeben. Doch der Trend gehe in die andere Richtung, denn ausgelagerte Planung werde am Ende teurer, gerade bei Veränderungen.

Mit dem Auftrag für die Elbphilharmonie, der das Dreifache eines normalen Jahresumsatzes ausmacht, will der Sternberger Betrieb sich im höherwertigen Stahlbau profilieren und sich von anderen Firmen abheben, um bei großen Unternehmen den Fuß in die Tür zu bekommen. „Das ist eine Wahnsinnsherausforderung, eine hohe Belastung für die Mitarbeiter, gerade für die Meister und Ingenieure vor Ort“, räumt Andreas Franke ein. „Doch wir sehen darin große Chancen. Hamburg ist ein riesiger Markt, dort besteht ein ganz anderes Netzwerk.“ Von den zwei bauleitenden
Ingenieuren, die ebenfalls neu im Unternehmen seien, habe einer ständig dort zu tun.

Jeweils 200 Meter Geländer und Handläufe sind noch anzubringen, 90 Meter bislang fertig. „Jedes Stück ist Einzelfertigung, jede Biegung anders, ein Riesenaufwand. Das hat uns vorher keiner gesagt“, sagt Franke. Häufig müssten spezielle Lösungen erdacht werden, etwa für das Treppenauge. Zunächst sei ein Muster angefertigt worden, weil das so keine Biegemaschine könne. Hamburger Firmen hätten geworben, jeden Stahl zu biegen. „Als wir gezeigt haben, wie wir das brauchen, haben sie abgewinkt“, so Franke. Mit einer Firma in Boizenburg, die auf Biegen spezialisiert sei, habe sich ein verlässlicher Partner gefunden.

Planungskosten würden bei einem Auftrag etwa zehn Prozent ausmachen, bei der Elbphilharmonie, dem achtteuersten Bauwerk der Welt, wie er unlängst im „Spiegel“ gelesen habe, seien es für den Sternberger Stahl- und Metallbau 30 Prozent. „Mit dem heutigen Wissen hätten wir wohl dreimal überlegt, ob wir den Auftrag übernehmen. Das Risiko ist hoch“, räumt Franke ein. Der erhoffte Effekt, über diesen Weg weitere größere
Arbeiten an Land zu ziehen, sei jedoch schon einmal eingetreten: Der an der Börse notierte Baukonzern Hochtief habe
einen Auftrag erteilt beim Korrosionsschutz für die Ladeluken des alten Speichers, denen das aggressive Elbwasser stark zusetzt.

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