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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

24. November 2017 | 10:37 Uhr

Brüel/Sternberg : Ein ungeduldiger Bürgermeister

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Armin Taubenheim, Stadtoberhaupt und Leitender Verwaltungsbeamter in Sternberg, saß im Mecklenburger Hof auf dem Roten Sofa von Gabriele Schumacher-Poschmann.

von
erstellt am 08.Mär.2017 | 20:55 Uhr

Die beiden Kinder, Tochter (34) und Sohn (27), seien wegen der Arbeit weggezogen, Norderstedt und Kiel „zum Glück“ für ihn und seine Frau allerdings nicht allzu weit entfernt. Aber in der eigenen Familie zeige sich ein großes Problem für die Region – zu wenig Arbeitsplätze. Armin Taubenheim, hauptamtlicher Bürgermeister und Leitender Verwaltungsbeamter in Sternberg, redet Klartext, als er am Dienstagabend beim 9. Wirtschaftsstammtisch im Mecklenburger Hof in Brüel bei dessen Inhaberin Gabriele Schumacher-Poschmann auf dem Roten Sofa sitzt.

Für die ältere Generation sei schon viel geschaffen worden, in Sternberg und Dabel, Pläne gebe es ebenso in Brüel und Witzin. Er finde das anerkennenswert und wichtig, so Taubenheim. Aber ebenso müsse an die jungen Familien gedacht, ihnen eine wirtschaftliche Perspektive geboten werden, um sie und später ihre Kinder in der Region zu halten. In Sternberg sei ein Drittel der Einwohner über 60. Und die Gesellschaft altere nicht nur, sie schrumpfe auch. Sternberg verliere jährlich 15 Einwohner...


Schule-Wirtschaft soll neu aufleben


Er wolle, sagt der Bürgermeister, das Netzwerk Schule-Wirtschaft wieder beleben, Unternehmer sowie Vertreter aus Betrieben und Einrichtungen ins Rathaus einladen, Praktikumsplätze in einer Broschüre erfassen und diese in die Schulen bringen, „aber keinen Druck oder gar Zwang aufbauen“. Das Netzwerk sollte „sich selbst tragen, ein Angebot für Firmen und Schüler sein“. Und wenn Interesse auf beiden Seiten bestehe, sollten sie „selbst zueinander finden“.

Der Brüeler Stadtvertreter Torsten Lange meint, es wäre besser, wenn auch Sternberg einen ehren- statt hauptamtlichen Bürgermeister hätte und nicht in einer Person mit dem Leitenden Verwaltungsbeamten für das Amt. Denn bei der jetzigen Konstellation liege eine Bevorzugung Sternbergs nahe. Das Hemd sei sicher näher als die Hose, räumt Taubenheim ein, doch er versuche, den Interessen aller Kommunen gleichberechtigt nachzukommen. Auf die Frage der Gastgeberin, welche Rolle Brüel im Amt spiele, sagt der Verwaltungschef, „eine besondere“. Als zweite Stadt und selbst einmal Amt habe Brüel mit Sternberg und Dabel „große Bedeutung“. Das Leitbildgesetz verlange nun bis Jahresende eine Selbsteinschätzung von jeder Kommune, ob sie voll lebensfähig und das gesellschaftliche Leben intakt sei sowie „als Knackpunkt“, ob sie finanziell wie wirtschaftlich selbstständig sei. Anderenfalls stelle das Land Hochzeitsprämien in Aussicht. Taubenheim sieht die kritisch: „Wenn zwei Arme heiraten, werden sie dadurch nicht reich.“

Ob er als Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes auf Entwicklungen in Brüel Einfluss nehmen könne, will die Hausherrin wissen. „Ein klares Nein! Ich kann Ideen äußern und die mit dem Bürgermeister besprechen, aber was wie gemacht wird, entscheidet die Stadtvertretung.“ Brüel sei wie jede andere Gemeinde autark. Und wenn es eine schlechte Entscheidung sei?, hakt Schumacher-Poschmann nach. Dann müsse er auch mit der leben, so der Chef aus dem Sternberger Rathaus. Befehl und Gehorsam wie beim Militär seien kein Thema, fügt er in Anspielung auf seine vorherige berufliche Laufbahn an.

Die habe 1978 bei der NVA begonnen, nach der Offiziersschule bis zum Hauptmann. Mit der anstehenden Beförderung zum Major sei es nichts mehr geworden. In die Zeit sei sein zweites Studium an der Hochschule für Verkehrswesen gefallen. Das Sprungbrett, um von der Bundeswehr übernommen zu werden, wie Taubenheim glaubt. Letztere sei doch eher eine Freizeitarmee, provoziert die Gastgeberin. Das wolle er nicht so stehen lassen. Als gravierenden Unterschied sehe er aber, dass es bei der NVA mehr nach Befehl und Gehorsam gegangen sei, in der Bundeswehr eher „nach Auftragstaktik“, die dem Untergebenen mehr Spielraum gebe. Deren Soldaten könnten sich auch freier bewegen als die seinerzeit bei der NVA.

Ob der militärische Befehlston ihn geprägt habe, fragt die Gastgeberin weiter. Taubenheim will sich nicht aufs Glatteis führen lassen, dazu sollten die Mitarbeiter und seine Frau gefragt werden. Karin Taubenheim, die im Publikum sitzt, schmunzelt. Ein Befehlston sei ihr nicht aufgefallen, eher „die stramme Haltung auf Fotos“.


Mühlen der Verwaltung „mahlen langsam“


Die Mühlen in der zivilen Verwaltung „mahlen langsam“, greift der Gefragte den Faden doch noch einmal auf. „Genau“, erntet er aus dem
Publikum. „Deshalb bin ich oft ungeduldig, auch ungnädig. Hier muss ich noch lernen.“

Ob sein jetziges Amt Beruf oder Berufung sei, müsse sich erst zeigen. Es sei anstrengend, mache aber viel Spaß. Dann geht es ausgiebig um Schulpolitik, Radwege an den Bundesstraßen, Sanierung der Sternberger Altstadt, Breitbandausbau, aber auch um Wertstoffhöfe in der Region, die alte Kaufhalle in der Schweriner Straße, die ein Schandfleck in Brüel sei, in einer Rückblende auf die Bundeswehrzeit um den gefährlichen Einsatz im Kosovo, von dem 1999 alle Soldaten seiner Kompanie gesund zurückgekehrt seien. Auf manche dieser Themen wird SVZ gesondert eingehen.

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