Ein Leben auf dem Rummelplatz

Mit Leib und Seele Schausteller:  Der 33-jährige Sebastian Lorenz  betreibt das Riesenrad am Pfaffenteich.reinhard Klawitter
Mit Leib und Seele Schausteller: Der 33-jährige Sebastian Lorenz betreibt das Riesenrad am Pfaffenteich.reinhard Klawitter

von
28. Dezember 2009, 08:12 Uhr

Altstadt | Noch zwei Tage, dann kann auch für Sebastian Lorenz die besinnliche und schönste Zeit des Jahres beginnen. Heute sitzt der 33-Jährige noch im Kassenhäuschen an seinem mit 90 000 LED-Lämpchen bunt beleuchteten Riesenrad am Pfaffenteich. Und sehnt sich nach seiner Familie und seinem kleinen Sohn, der vor vier Wochen in Berlin geboren wurde. Dort hat Familie Lorenz ihr Zuhause, das sie eigentlich nur in der Winterzeit richtig nutzt. Von Ostern bis Weihnachten ist die Familie mit ihrem Fahrgeschäft auf Tour. Seit 1995 ist das Riesenrad aus dem Hause Lorenz Stammgast auf dem Schweriner Weihnachtsmarkt. "Und immer in der Adventszeit werde ich Vater", sagt Sebastian Lorenz lächelnd. Seine Tochter Sophia wurde am 12. Dezember 2002 geboren, sein Sohn Mark kam in diesem Jahr am 28. November zur Welt. Da hatte der Schweriner Weihnachtsmarkt gerade begonnen. Ein paar Tage ließ sich Sebastian Lorenz von seinem Vater Jürgen vertreten, um seinen Stammhalter einmal kräftig zu knuddeln, dann ging es zurück in die Landeshauptstadt. Das Bild vom schlummernden Mark hat er immer dabei.

Sebastian Lorenz ist Schausteller in der sechsten Generation. Seine Großeltern sind mit Losbuden durch die DDR gezogen, seine Eltern kauften sich Anfang der 80er-Jahre ihr eigenes, kleines Riesenrad. Nach der Wende setzten sie alles auf eine Karte und ließen sich in Holland für 1,8 Millionen Mark ein 40 Meter hohes Großriesenrad mit 26 Gondeln bauen. Heute betreibt Sohn Sebastian das zweite Riesenrad in der Familie.

"Natürlich wäre es schön, wenn mein Sohn eines Tages das Geschäft übernimmt", sagt Sebastian Lorenz. "Aber Mark soll einmal das tun, was er möchte." Denn das Leben auf Märkten und Rummelplätzen hat seinen Preis. Gerade im Dezember. "Vor ein paar Tagen ist uns das Öl in den Schläuchen festgefroren", sagt Sebastian Lorenz. "In solchen Momenten wünscht man sich woanders hin." Und wenn andere im Familienkreis die Adventskerzen anzünden, verkauft der 33-Jährige Fahrkarten.

Sebastian Lorenz kennt kein geregeltes Leben an einem einzigen Ort. Als Kind hat er hauptsächlich im Wohnwagen gelebt und viele verschiedene Schulen besucht, je nachdem, wo seine Eltern gerade Station gemacht haben. "Wir waren jedes Jahr wieder an denselben Orten, wie Ueckermünde, Greifswald oder Stralsund. In der DDR gab es überall die gleichen Lehrpläne und die Märkte dauerten länger. Da war es kein Problem, immer woanders in die Schule zu gehen." Bei seiner eigenen Tochter ist das leider anders. Sie besucht eine Schule in Berlin und lebt dort bei einer anderen Familie, während die Eltern unterwegs sind. Die Standzeiten für das Riesenrad betragen heute meist nur ein paar Tage. Zu wenig für einen vernünftigen Schulbesuch.

Sebastian Lorenz liebt dieses ungewöhnliche Leben. Und seine Frau tut das auch. Sie ist ebenfalls in einer Schaustellerfamilie groß geworden. Spezialgebiet: Achterbahnen. "Meine Frau hält es daheim kaum aus", sagt Sebastian Lorenz lächelnd. Er für seinen Teil freut sich auf Zuhause. Wenn am Mittwoch der Weihnachtsmarkt schließt, dann beginnen für ihn die Ferien. "Einen Großteil der Wartungsarbeiten habe ich schon im Herbst erledigt, als wir die neue LED-Lichtanlage installiert haben", sagt er. Eine optische Attraktion und eine echte Energiesparmaßnahme. "Rund 1000 Euro weniger musste ich für Strom diesmal in Schwerin bezahlen", sagt Lorenz.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen