Müsselmow : Ein Jahrhundert auf Reetdächern

Eine Reetdachdeckerfamilie: Vater Heinz Stapelfeldt mit den Kindern Andreas (l.), Michael und Anna Maria sowie den Enkeln Arne und Frieda.
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Eine Reetdachdeckerfamilie: Vater Heinz Stapelfeldt mit den Kindern Andreas (l.), Michael und Anna Maria sowie den Enkeln Arne und Frieda.

Heinz Stapelfeldt ist die dritte Generation in der Familientradition dieses speziellen Handwerks. Seine Söhne lernten es wiederum von ihm.

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21. Juni 2017, 12:01 Uhr

An die 150 Häuser habe er bestimmt schon komplett gedeckt, hinzu kommen noch zig Teilarbeiten, Reparatur eben – sagt Heinz Stapelfeldt aus Golchen. Hier hat er seit 2002 seine Rohrdachdeckerfirma. Oder Reetdachdecker, wenn es man eher mit dem Plattdeutschen hält.

Am Sonnabend feierte Heinz Stapelfeldt mit der Familie sowie Freunden, Bekannten und Kunden in Müsselmow „100 Jahre Rohrdachdeckerfamilie Lund-Stapelfeldt“. In Müsselmow darum, weil das Vereinshaus des Sportvereins Platz für all die Gäste bot und zudem hier das Familienhaus von Sohn Andreas (40) steht. Natürlich mit Reetdach! Und zudem mit einer besonderen Geschichte…

In Müsselmow befindet sich der Nachbau jenes Gebäudes mitten in Lassahn, von dem Tante Luise Blohm in den 50ern von der DDR-Regierenden nach Golchen zwangsumgesiedelt worden war. Das Gebäude am Schaalsee gibt es längst nicht mehr, dafür die Stein gewordene Erinnerung im Sternberger Seenland. „Mit Feldsteinen in der Frontwand, weißen Fugen und darin Kieselsteinchen. Nur die Gauben sind ein Tribut an heute, wegen des Ausbaus der oberen Etage“, betont Heinz Stapelfeldt. Auch die den Hof einfassende Friesenmauer erinnert an die alte Heimat. „Solch eine Mauer gibt’s hier in der Gegend sonst nicht.“

2010 brannte das reetgedeckte Haus bis auf die Mauern ab. „Funkenflug aus dem Schornstein war die Ursache“, so Andreas. Ein volles Jahr brauchten die Stapelfeldts, um das Gebäude in seiner Pracht neu erstehen zu lassen. Laut Vater Heinz sind „5500 Bunde Rohr auf dem Dach verbaut“.

Schilf zu verarbeiten liegt den Stapelfeldts im Blut. Los ging es 1917 in Lassahn mit Karl Lund, das Rohr kam vom Schaalsee. Dem folgte Heinz Stapelfeldts Vater Paul, der andere Nachname rühre daher, „da Papa vorehelich geboren wurde“, so der 65-jährige Heinz Stapelfeldt. Paul Stapelfeldt verkaufte aber nur Rohr und flickte Dächer aus. „Reetdachdecker war kein Handwerksberuf, das machten früher die Bauern“, sagt Heinz Stapelfeldt. Er lernte denn auch 1967 erst Agrotechniker in der Landwirtschaft „und parallel bei Dachdeckermeister Schröder in Zarrentin“.


Auch das Haus gedeckt von Angelika Domröse


Und so wurde er Reetdecker, arbeitete u.a. bei der Denkmalpflege und der Firma Casper in Plate, bevor er sich dann 2002 selbstständig machte. Seine Söhne Andreas (40) und Michael (36) haben das Handwerk bei ihm erlernt. So arbeitete Andreas zehn Jahre beim Vater, ist aber heute in Basthorst in der Haustechnik tätig. Und auch der jüngere Sohn, in Zapel wohnend, verdient aktuell seine Brötchen nicht auf den Dächern. Für Heinz Stapelfeldt ist das alles kein Problem: „Es ist nicht wichtig, ob man den Beruf ausübt, sondern, dass er beherrscht wird!“, verkündet er. Irgendwann werden die Söhne vielleicht doch noch wieder Reetdecker, kommt Zeit; so wie bei ihm einst auch. Zudem schielt er auch schon auf Enkel Arne. Der ist freilich erst Fünf…

Und überhaupt arbeitet Heinz Stapelfeldt am liebsten ganz allein auf den (Reet-)Dächern zwischen Bremen und Berlin. „Vor sechs Jahren habe ich auch das Haus von Schauspielerin Angelika Domröse (Die „Paula“ im Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“– d. Red.) bei Berlin komplett gedeckt“, erzählt Heinz Stapelfeldt von dieser besonderen Visitenkarte. Aktuell arbeite er in Gallin direkt an der Grenze zu Schleswig-Holstein. „Ich bin viel nach wie vor in der Gegend dort.“  

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