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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

17. November 2017 | 20:38 Uhr

Witzin : Dorfbote fährt erste Runde

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Witzin lässt mit einer originellen Idee ein Stück Vergangenheit aufleben: Albrecht Grimm war das erste Mal als Dorfbote in Aktion.

von
erstellt am 01.Mai.2015 | 22:29 Uhr

Gut eine Stunde hat die Tour gedauert. Albrecht Grimm wirkt geschafft. Die Kehle ist trocken, scheint wie ausgebrannt. „Es war viel zu viel Text. Fürs nächste Mal muss ich mir das anders überlegen.“ Gleichsam huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

Der Witziner war das erste Mal als Dorfbote in Aktion. Er hatte sich recht spontan für dieses eher ungewöhnliche Ehrenamt bereit erklärt und auf der Sitzung der Gemeindevertretung die Handglocke dafür in Empfang genommen. Sie soll auf den Dorfboten aufmerksam machen, wenn er die nächsten Veranstaltungen in Witzin kundtut. Davon gibt es dank rühriger Vereine reichlich. Laut Bürgermeister Hans Hüller haben sich mit Baldur Beyer und Willfried Thomä auch zwei Stellvertreter gefunden, die einspringen, wenn Albrecht Grimm einmal verhindert sein sollte.

Vom ersten Sonnabend auf Mittwoch vorverlegt
Die Idee war bei der Weihnachtsfeier der freiwilligen Feuerwehr entstanden. „Wir haben an unserem Tisch auch über alte Zeiten gesprochen und sind ins Schwärmen geraten, wie früher Dorffeste gefeiert wurden und vorher jemand mit der Glocke umher ging, um alles anzukündigen“, erzählt der Bürgermeister. Nach nur wenigen Monaten von der Idee an lassen die Witziner dieses Stück Vergangenheit aufleben. „Wir wollen einfach mal testen, ob und wie das von den Bürgern angenommen wird“, so Hüller. „Vielleicht wird daraus auch eine Attraktion für Touristen, die sich sagen, das
sehen wir uns mal an. Denn wo gibt es einen Dorfboten?!“

Angedacht war, dass dieser am ersten und dritten Sonnabend eines Monat ab 10 Uhr an sieben markanten Punkten des Dorfes Nachrichten mündlich verbreitet. Doch schon zum Auftakt holte die Wirklichkeit ihn ein. Der Auftakt sollte Anfang Mai sein. Wenn er nun tatsächlich an diesem Sonnabend zum ersten Mal seine Runde drehen würde, wären zwei wichtige Termine verloren, hat sich Grimm überlegt und den Start kurzerhand auf Mittwoch am späten Nachmittag vorverlegt. „Ich habe da freie Hand, sagte mir der Bürgermeister.“ Der erste zu verkündende Termin war schon Donnerstagabend. Die freiwillige Feuerwehr wollte den Maibaum aufstellen und gern mit zahlreichen Witzinern begießen.

Klöppel der Glocke fällt auf die Straße

Erste Station für den Dorfboten ist um 17 Uhr gegenüber der Kirche. Hier bekommt er noch einmal die besten Wünsche des Bürgermeisters mit auf den Weg. Grimm hat sein dreirädriges Töfftöff mit Birkengrün und Deutschlandfahnen geschmückt, das erste Malheur aber schon hinter sich. „Ich war kaum vom Hof, da flog mir zwei Mal der Klöppel der Glocke weg. Die habe ich kräftig geschwungen, wie sich das gehört.“ Das Teil habe er zum Glück auf der Straße gefunden und wieder eingesetzt. Das wiederholt sich, als Grimm in den Schmiedebrink tuckert. Von einer Terrasse schaut jemand herüber, die Frau kommt hinzu, bevor beide im Haus verschwinden. Nun geht es auf die andere Seite der Bundesstraße in den Neukruger Weg. Hier weht dem Dorfboten seine Mütze auf die Straße. „Ich habe keine Zeit, bin im Dienst“, brummelt er mehr in sich hinein. Aber
der Klöppel hält jetzt. Auch hier halten sich Zaungäste in respektvoller Entfernung.

Der nächste Termin nach dem Aufstellen des Maibaums ist schon der morgige Sonntag. Um 8 Uhr begrüßt der Angelverein Mitglieder und Zaungäste zum Anangeln im Mühlensee. Das Mecklenburger Alphorn-Orchester lädt am 6. Mai an der Skaterbahn zu einer öffentlichen Probe ein. Und am 11. Mai findet von 18 bis 21 Uhr im Gemeindezentrum Schule der Landentwicklung statt mit Prof. Henning Bombeck von der Universität Rostock sowie Regionalplanerin und Landschaftsarchitektin Dr. Ute Fischer-Gäde. Es geht um Überlegungen für eine aktive Gemeinde, und dazu sind zahlreiche Einwohner gern gesehen.

Vor die Haustüren, aber nicht näher heran

Hinter dem Stewo-Block scheint eine Frau im Garten genau hinzuhören. Ob bei ihr alles angekommen sei, fragen wir eingedenk der Geräusche, die das Töfftoff macht. „Es war alles gut zu verstehen“, sagt Manuela Scheefe. Der 11. Mai würde sie besonders interessieren. Unterwegs grüßen Witziner fröhlich von ihren Grundstücken und Grimm erwidert ebenso. In der Neuen Welt kommen einige vor die Haustüren, näher heran allerdings nicht. Erst beim letzten Halt im Gartensteig ändert sich das. „Sieht aus wie Himmelfahrt“, sagt Careen Möller mit Blick auf das Birkengrün an Grimms Gefährt. „Aber ich finde das mit dem Dorfboten gut, eine prima Idee. Vielleicht braucht er eine Sprechtüte. Ich war hinten im Garten und konnte erst was verstehen, als ich herankam.“ Paul Charborski, der seit zweieinhalb Jahren mit seiner Familie, zu der inzwischen zwei kleine Kinder gehören, in Witzin wohnt, findet das „total originell“. Und auch wie Grimm das mache, mit viel Courage, lustig und unterhaltsam. Das sei eine Bereicherung für das Dorf. „Wer das gehört hat, erzählt es weiter. So wird das Interesse bestimmt größer“, meint der Neu-Witziner in unverkennbarem Schweizer Deutsch. Seine Frau stamme aber „aus Meck-Pomm“.

Albrecht Grimm sinniert noch einen Moment, ob dies der richtige Zeitpunkt für den Dorfboten ist. Dann legt er den Gang ein und tuckert nach Hause.

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