Sternberg : Dörfer werden in Korsett gezwängt

Warins Bürgermeister Michael Ankermann wollte nicht das ganze Raumentwicklungsprogramm schlecht reden, doch die Faktoren für die ländlichen Gestaltungsräume seien „sehr weich“.
Warins Bürgermeister Michael Ankermann wollte nicht das ganze Raumentwicklungsprogramm schlecht reden, doch die Faktoren für die ländlichen Gestaltungsräume seien „sehr weich“.

Der zweite Entwurf des Landesraumentwicklungsprogramms wurde in Sternberg diskutiert. Es gab erneut Kritik von Kommunalpolitikern.

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20. September 2015, 20:47 Uhr

Die Siedlungsfläche in MV ist von sechs Prozent im Jahre 1990 auf aktuell 8,1 Prozent angewachsen. Im gleichen Zeitraum ging die
Bevölkerungszahl um 290 000 auf ca. 1,6 Millionen zurück. Im Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung schrillen die Alarmglocken. Der weiteren Zersiedelung des Landes müsse dringend Einhalt geboten werden.

Dies ist ein Schwerpunkt im Landesraumentwicklungsprogramm (LEP), das für die nächsten zehn bis zwölf Jahre fortgeschrieben wird. Die Öffentlichkeit soll beteiligt werden. Nach Überarbeitung des ersten Entwurfs läuft gegenwärtig die zweite Stufe. Bis 30. September können weitere Anregungen und Kritiken eingesandt werden. Die letzte der regionalen Informations- und Diskussionsveranstaltungen, zu denen die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Schwerin eingeladen hatte, fand vorige Woche in Sternberg statt. Der Schwerpunkt: Ländliche Gestaltungsräume.


Zweiter Entwurf: Sack ist noch nicht zu


In der ersten Etappe seien rund 2000 Anregungen, Einwände oder Kritiken gekommen, so Lothar Säwert, Abteilungsleiter Landesentwicklung im Schweriner Ministerium. Darüber sei im Vorjahr diskutiert worden und vieles eingeflossen, zum Beispiel im Offshore-Bereich auf Besorgnis im Tourismus reagiert und das Ziel für erneuerbare Energien herunter gesetzt worden. Am zweiten Entwurf, der ganz anders aussehe, werde „nicht mehr gern viel geändert“, räumte Säwert ein. „Aber der Sack ist noch nicht zu, wir sind weiter offen für Anregungen und Veränderungen.“

Es gäbe „wunderbare Orte und schöne Landschaften“, so Säwert. MV sei aber mehr als Natur und Tourismus, auch Wirtschaftsstandort mit der Küste als Vorteil. Vollbeschäftigte hätten im Landesdurchschnitt ein Jahreseinkommen von 25 000 Euro, in der Energiebranche seien es 35 000.

Als brisantes Problem sieht auch Säwert die Lücken beim Breitband in den ländlichen Gebieten. Über 50 Mbit/s oder mehr verfüge erst die Hälfte des Landes, in Städten seien es 89,5 Prozent, „halbstädtisch“ 52,1 und im ländlichen Bereich nur 14,8 Prozent. MV habe das leider „verpennt“, müsste nun aber „dranbleiben“.


Bei Breitband dickes Brett zu bohren


Darauf hatte eingangs auch IHK-Geschäftsführer Siegbert Eisenach abgezielt. Bei umfassender Versorgung mit Breitband sei „die ganze Welt ein Dorf“. Auf MV kämen jedoch Investitionen von 2,3 Milliarden Euro zu. Bei einem Jahreshaushalt um sieben Milliarden Euro „ein ganz schön dickes Brett“. Das werde nicht in einem Jahr zu bohren sein.


Kannibalismus künftig nicht mehr möglich


Beim eigentlichen Schwerpunktthema des Abends schieden sich die Geister. Die Siedlungsentwicklung müsse sich auf zentrale Orte konzentrieren. Und: „Kannibalismus, den wir uns in der Vergangenheit geleistet haben, ist künftig nicht möglich“, sagte Säwert und meinte gegenseitiges Abwerben von Einwohnern zwischen Städten und Dörfern.

Er wolle das LEP „nicht schlecht reden“, sagte als weiterer Referent Michael Ankermann, Bürgermeister in Warin, einem Grundzentrum. Als Kommunalpolitiker habe er „aber eine besondere Sicht“. Ländliche Gestaltungsräume sei ein neuer Name und klinge freundlicher, doch die Kommunalpolitiker brauchten konkrete Lösungsansätze und dürften nicht ausgeschlossen werden. Die aufgeführten Faktoren seien „sehr weich“ und kaum was mit ihnen anzufangen. Den Blick auf den ländlichen Raum, der 90 Prozent der Landesfläche ausmache, zu richten sowie auf den schonenden Verbrauch von Ressourcen, halte er für richtig, doch bei Wohngebieten oder Einzelhandel dürften Kommunalpolitiker „nicht entmündigt“ werden. Das sei „ein Eingriff in die kommunale Selbstverwaltung“. Vielleicht könnte über Förderung an der Stellschraube gedreht werden.

Alles solle in die zentralen Orte fließen, aber was sei mit den Ortsteilen, von denen Crivitz acht habe, fragte Bürgermeisterin Britta Brusch-Gamm. Das Schlosshotel in Basthorst entwickle sich sehr positiv und beschäftige junge Mitarbeiter. Manche wollten auch gern in dem Ortsteil wohnen, doch nach dem LEP wäre dort kein Eigenheimbau möglich. Hermann Brinkmann, Referatsleiter im Ministerium: Schwerpunkt sind die zentralen Orte. Das heißt nicht, dass in den kleineren nichts passiert. „In gewissem Maße ist auch dort Weiterentwicklung möglich.“ Dabei sei Feingefühl gefragt. Doch Abteilungsleiter Säwert wurde deutlicher: Was sei schon dabei, wenn jemand, der in Basthorst arbeitet, in Crivitz wohnt und jeden Tag fährt!

Kommentar: Keine Reglementierung!

Deutlich weniger Einwohner, aber mehr Siedlungsfläche – das verlangt gegenzusteuern. Wie, das  sollte noch einmal gründlich überlegt werden. Am besten wäre, die Ortszentren so attraktiv zu machen, dass gar keine Begehrlichkeiten aufkommen, auf der grünen Wiese bauen zu wollen. Bei der Sanierung in  der Sternberger Altstadt sind die Wohnungen eher vergeben als fertig. Doch wer lieber an den Stadtrand oder in einen Ortsteil ziehen möchte, sollte die Möglichkeit  erhalten. Über Förderung Einfluss zu nehmen bei der Stärkung der Zentralorte, wie vom  Wariner Bürgermeister angeregt,  klingt

ganz anders als Gemeinden ein Korsett zu verpassen, worauf das LEP hinausläuft. Reglementierung von oben kann nicht der richtige Weg sein. Das sorgt bei Kommunalpolitikern, die überwiegend ehrenamtlich tätig sind, und Bürgern gleichermaßen für Verdruss. 

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