Erwachsenwerden : Die verkürzte Kindheit

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16. November 2013, 03:08 Uhr

SCHWERIN | Die Mädchen sehen sich an und lachen laut los. Pferd spielen? Prinzessin? Puppen? Lina Wöhlk und Malina Stein sind elf Jahre alt, aber "sowas spiele ich seit der ersten Klasse nicht mehr", sagt Lina kichernd. Dabei sind die Schülerinnen alles andere als frühreife Girlies. Dennoch stehen sie für einen Trend: Kinder werden heute schneller erwachsen. Spielten sie einst noch mit zwölf Jahren Cowboy und Indianer, gehen heute schon Grundschüler gemeinsam Klamotten shoppen, schauen Vorabendserien und schwärmen für Popstars.

"Kinder sind nur noch bis elf, zwölf Kinder - das hat sich nach unten korrigiert. Spielen wird früher uncool, Kinder üben früher erwachsenes Verhalten ein", sagt Prof. Dr. Andrea Kleeberg-Niepage, Entwicklungspsychologin. "Es gibt eine Beschleunigung. Kinder nehmen immer früher jugendliches Verhalten an", bestätigt Ingo Barlovic. Er ist Geschäftsführer des Instituts "iconkids & youth", das jedes Jahr in der groß angelegten Untersuchung "Trend Tracking Kids" Kinder zu ihren Vorlieben befragt. Dabei bestätigt sich seit Jahren, dass die klassische Kindheit kürzer wird - und die Jugend an Raum gewinnt. "Etwa seit zehn Jahren hat sich das gewandelt. Alles wurde jugendlicher."

Die Verkürzung der Kindheit zeigt sich nicht nur daran, dass der Computer rasch das Playmobil als Lieblingsspielzeug ablöst. Schon für Achtjährige sind Popstars wie Lady Gaga und Justin Bieber Vorbilder, und im Fernsehen schlägt die Soap "Hannah Montana" um ein junge Sängerin die Sesamstraße oder Biene Maja aus dem Feld. Die beliebteste Sendung Zehn- bis Zwölfjähriger ist aktuell Dieter Bohlens Castingshow "Deutschland sucht den Superstar", gefolgt von den anarchischen "Simpsons" und der Lügen- und Intrigen-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten".

Auch die Ästhetik hat sich verändert: Kinder verlieren rasch das Interesse an süßen Disney-Kulleraugen à la Cinderella und wünschen sich stattdessen schaurige Monster-High-Puppen zu Weihnachten. Mittlerweile interessieren sich schon Kindergartenkinder für schräge Zeichentrickfiguren wie Spongebob oder die Simpsons - "früher begann das erst mit neun, zehn Jahren", weiß Ingo Barlovic. Und auch die rosa Welt kleiner Mädchen ist akut einsturzgefährdet: Hielt sie einst bis sieben, acht Jahren, ist Prinzessin Lillifee heute mitunter schon mit der Einschulung abgeschrieben: "Die Lilaphase kommt früher", sagt Barlovic. Ebenfalls gewandelt haben sich die Mode, das Interesse an Kinderliedern oder am guten alten Schulranzen: Hielt er früher noch die Grundschule hindurch, schultern ihn Kinder heute "höchstens bis zur zweiten Klasse". Ein Tornister mit Pferden oder Autos drauf? "Wäre ab der dritten Klasse total peinlich. Das ist was für Kleine", weiß auch Lina.

Marketingexperten haben einen Namen für das Phänomen: "The kids are getting older younger" - die Kinder altern früher. Sie gehen davon aus, dass Kinder heute besser informiert und vernetzt sind und mehr Geld haben - als Zielgruppe für Werber also an Bedeutung gewinnen. Allerdings schrumpft mit der Kindheit auch der Kindermarkt. Oder, anders gesagt: Das Zeitfenster für Fruchtzwerge wird kleiner.

Was Marktforscher aus Statistiken kennen, erleben die Lehrerinnen Evelyn Wolff (53) und Elisabeth Wiedermann-Maatz (60) täglich bei der Arbeit. "Vor zehn Jahren spielten die Kinder auf dem Pausenhof noch Pferd, heute geht es relativ schnell los, dass sie flanieren. Sie trauen sich nicht zuzugeben, dass Kinderspiele noch Spaß bringen könnten", beobachtet Evelyn Wolff, die seit 25 Jahren unterrichtet. "Ich habe den Eindruck, dass die Kinder schnell groß sein wollen und die Kindheit als Belastung sehen."

Auch Lina und Malina glauben, dass es ihren Klassenkameraden peinlich ist zuzugeben, wenn sie noch mit Lego oder Treckern spielen - was ohnehin die Ausnahme ist. "Sie spielen eher auf I-Pods oder sind auf Facebook", sagen die Sechstklässlerinnen. Und sonst? "Viele Mädchen gucken Gute Zeiten schlechte Zeiten, gehen shoppen und legen sehr viel Wert auf ihre Klamotten." Insbesondere die Betonung der Weiblichkeit ist es, die auch den Lehrerinnen auffällt. "Früher kamen aus der Grundschule noch Kinder. Heute hat man immer einige Mädchen dazwischen, die körperlich weiter sind und ihre weiblichen Reize einsetzen", erzählt Elisabeth Wiedermann-Maatz, die seit 37 Jahren Lehrerin ist. Schnell drängen Jungen und Mädchen heute in die sexualisierte Erwachsenenwelt - was auch mit der Pubertät zu tun hat: Untersuchungen zeigen, dass diese seit Jahrzehnten immer früher einsetzt: Bekamen Mädchen ihre erste Regel im 19. Jahrhundert noch zwischen dem 15. und 17. Lebensjahr, verringerte sich das Durchschnittsalter auf 14,6 (1920) und 12,5 (1980).

Als Gründe vermuten Wissenschaftler ein Konglomerat von Ursachen wie die Ernährung, Übergewicht, Stress in der Schwangerschaft der Mutter, Lärm und Licht, soziale und psychische Einflüsse, aber auch Umweltgifte. Die körperlichen Veränderungen aber beeinflussen nicht nur, wie Pubertierende wahrgenommen werden, sondern auch ihr Verhalten - schließlich strukturiert sich das Gehirn in dieser Zeit komplett um. Dennoch erklärt diese langfristige Entwicklung allein nicht die rasche Reife Heranwachsender.

Ingo Barlovic und Andrea Kleeberg-Niepage sehen auch die dominante Medienwelt als Grund für den Trend. 64 Prozent der Acht- bis 13-Jährigen haben ein eigenes Handy, 83 Prozent surfen im Internet und verlassen auf diese Weise schnell und mühelos den kindlichen, geschützten Raum um Bauernhoftiere, Barbiepuppen und Benjamin Blümchen. Soziale Netzwerke, Videos, Klatsch und Tratsch - "mit den Medien haben die Kinder auch Zugang zu erwachsenen Inhalten", sagt Kleeberg-Niepage.

Aber es sind nicht nur Medien - sondern auch die Erwachsenen. "Der Jugendwahn der Eltern macht vor ihren Kindern nicht halt", sagt Ingo Barlovic. Kleidung, Musik, Hobbys: Zwischen Eltern und ihren Sprösslingen gebe es immer weniger Unterschiede, glaubt auch Andrea Kleeberg-Niepage. "Kinder lernen am Modell. Sie sehen, wie jugendlich sich ihre Eltern kleiden und wollen es auch. Die klassische Kinderkleidung gibt es eigentlich gar nicht mehr. Kinderklamotten von H&M sehen doch aus wie unsere auch."

Nicht nur bei der Kleidung verwischen Erwachsene bewusst Grenzen zur jungen Generation. "Eltern wollen ihren Kindern auf Augenhöhe begegnen. Vieles wird von ihnen nicht reglementiert, denn Regeln haben einen muffigen Charakter", sagt Evelyn Wolff. Macht die Lehrerin eine Mutter darauf aufmerksam, dass das Kind seine Hausaufgaben nicht hat, heißt es häufig nicht "Ich kümmere mich darum", sondern: "Da mische ich mich nicht ein."

An anderer Stelle wiederum schade zu viel Einmischung, moniert Andrea Kleeberg-Niepage. "Dass Kinder das kindliche Spiel früh verlernen, daran sind auch die Eltern Schuld. Wir organisieren für unsere Kinder sehr viel Freizeit. Damit nehmen wir ihnen aber den Raum, frei zu spielen. So lernen Kinder früh, dass das Zeitverschwendung ist. Aber Kinder müssen auch mal abhängen."

Die Kindheit schwindet. Sind die Schulen also voll frühreifer Jungen und Mädchen, die das Spielen verlernt haben und sich nur noch in erwachsenen Posen üben? Nein, sagen die Experten. Tatsächlich hat sich bei den Themen Liebe, erster Kuss oder erstes Mal laut Studie nichts geändert. "Zehnjährige schalten beim Thema Erotik ab", sagt Barlovic. Zurzeit sei, was die Interessen betrifft, sogar ein kleiner Rückschritt hin zu kindlicheren Inhalten zu beobachten. "Es fehlt an jugendlichen Hypes, die die Kinder gut finden." Die Folge: Pädagogiksendungen sind im Aufwind. So landet auf Platz 1 der beliebtesten Serien Sechs- bis Neunjähriger ein Kinderklassiker: Die Sendung mit der Maus.

"Man muss unterscheiden, wie sie sich geben und was sie tun", sagt Barlovic. Auch Elisabeth Wiedermann-Maatz beobachtet eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und wahrem Kern. "Sie geben sich erwachsen, ziehen sich erwachsen an, sprechen erwachsen, wollen erwachsen wirken. Aber wenn man mit ihnen redet, sind sie doch die kleinen Mädchen und Jungen, die mal in den Arm genommen werden wollen."

Auch Malina und Lina fühlen sich als Kinder - mit jugendlichen Interessen. Malina mag Horrorpunk-Musik, Markenklamotten und geht gern mit ihren Freundinnen shoppen. Aber sie spielt auch mit "Schleich"-Tieren und klettert auf Bäume. Und Lina findet den Casting-"Superstar" Luca Hänni und die Musik der Bravo-Hits genauso toll wie mit Treckern zu spielen. "Ich finde die Kindheit ganz schön", sagt sie. Malina nickt. "Da kann man Dinge machen, die man später nicht mehr machen kann." Was für Dinge? "Naja … Dinge, die nur für Kinder sind."

Einmal spielten ihre Schülerinnen im Schwimmunterricht Top-Model, erinnert sich Elisabeth Wiedermann-Maatz. Das Ein-Meter-Brett war der Laufsteg, über den die Fünftklässlerinnen in Bikinis stolzierten - weiblich, diszipliniert, sexy. Doch kaum hatten sie am Ende des Bretts ihre Pose gezeigt, sprangen sie johlend ins Wasser. Kinder eben.

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