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Serie „Sternberger Kuchen“ – Teil 20 : Die seidentragende Muschel

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Kleine Schmuckstücke waren bei den Eliten beliebt.

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 05:00 Uhr

In Bezug auf die Artenvielfalt ist nach den Schnecken (Gastropoden) die Klasse der Muscheln (Bivalven) mit etwa 70 Arten die zweithäufigste Gruppe aus dem Stamm der Weichtiere (Mollusken), deren Gehäuse bzw. Schalen im Sternberger Gestein gefunden werden.

Während diverse Muschelarten zahlreich und oftmals massenhaft in Schilllagen angereichert auftreten, sind andere mit wenigen Fundexemplaren eher selten. Zu ihnen zählt die in der Abbildung gezeigte „Atrina aff. pectinata“, einzige Art aus der Familie der Steckmuscheln (Pinnidae) im Sternberger Gestein.

Das gezeigte, präparierte Handstück wurde in der Kiesgrube Kobrow gefunden.
Die mineralischen, gleichklappigen Schalen dieser Muscheln werden aufgrund ihrer dünnen, zerbrechlichen Beschaffenheit in der Regel nur als Relikte gefunden, deutlich am abgebildeten Exemplar zu beobachten, bei dem mit vier Zentimetern nur das untere Ende (Wirbelbereich) erhalten blieb.

Die seit dem Karbon (vor rund 350 Mio. Jahren) auftretende Familie der Steckmuscheln ist heute mit ca. 55 Arten in gemäßigten, tropischen und subtropischen Meeren vertreten. Ihre Schalen – denen die Muscheln auch ihre umgangssprachlichen Namen Schinken- oder Holstermuscheln (Pistolenholster!) zu verdanken haben – besitzen einen fächerförmigen, dreieckigen oder paddelförmigen Umriss.

Die meisten Arten kommen im Schelfbereich in Wassertiefen bis etwa 100 Meter vor, wo die relativ flachen Schalen mit ihrem spitzen Ende ihr Leben lang aufrecht im Sediment (Schlamm- oder Sandboden) stecken. Um einen festen Halt im Sediment zu gewährleisten und nicht von der Strömung abgetrieben zu werden, verankern sich die Muscheln im Sediment oder an Steinen mit Haftfäden (Byssusfäden), die aus Sekreten mehrerer Drüsen im Fuß der Muschel gebildet werden und im Meerwasser erhärten.

Mit einer Gehäuselänge bis zu einem Meter ist die im Mittelmeer in Seegraswiesen lebende Edle Steckmuschel (Pinna nobilis) die größte europäische Muschel und gehört auch weltweit zu den größten Muschelarten. Die kleinere Abbildung zeigt ein 23 Zentimeter langes Exemplar dieser Muschel.

Seit dem Altertum wird sie nicht nur als Nahrungsgrundlage, sondern besonders aufgrund ihrer bis 20 Zentimeter langen Byssusfäden intensiv befischt.

Die Edle Steckmuschel (Pinna nobilis) ist heutzutage die größte europäische Muschel.
Die Edle Steckmuschel (Pinna nobilis) ist heutzutage die größte europäische Muschel. Foto: Karina Thiede
 

Könige und Päpste schmückten sich damit

Aristoteles nannte sie die „seidentragende Muschel“, denn die aus den Byssusfäden hergestellte Muschel-, Meer- oder Seeseide galt bereits im Altertum als kostbarstes natürliches Textilmaterial der Welt. Für ein Kilogramm dieser Seide benötigte man zirka 4000 Muscheln!

Reiche Römer kleideten sich in Togen aus Muschelseide, Könige, Päpste, Adlige und Kurtisanen schmückten sich mit Gewändern, Strümpfen und Handschuhen aus diesem Material und das einfache Volk staunte, denn für sie war diese goldglänzende Seide unerschwinglich.

Der Handel mit Muschelseide, der besonders im Mittelalter in Italien florierte, kam erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig zum Erliegen.

Aufgrund des Raubbaues an den Muschelpopulationen und der ständig zunehmenden Meeresverschmutzung ist die Edle Steckmuschel vom Aussterben bedroht und steht deshalb aktuell in den meisten europäischen Mittelmeer-Anrainerstaaten unter Naturschutz.

Beide gezeigten Exponate stammen aus der Sammlung der Parchimer Dipl.-Geologin Karina Thiede und ihres Ehemannes Niels.

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