Serie: Raritäten des „Sternberger Kuchens“, Teil 26 : Die schönen Winzlinge

Bei diesem in der Kiesgrube Kobrow gefundene Handstück seiht man mittig ein ca. zwei Zentimeter großes Exemplar einer Moostierchen-Kolonie.
1 von 3
Bei diesem in der Kiesgrube Kobrow gefundene Handstück seiht man mittig ein ca. zwei Zentimeter großes Exemplar einer Moostierchen-Kolonie.

In der aktuellen Folge geht es um Moostierchen, die mit bloßem Auge häufig übersehen werden.

von
23. September 2017, 05:38 Uhr

Mit bloßem Auge werden sie häufig übersehen, doch bei genauem Hinsehen und unter Zuhilfenahme einer Lupe kann man im Sternberger Gestein bisweilen kleine, wenige Zentimeter große, netz- bzw. wabenförmige Strukturen erkennen. Es sind die kalkigen, fossil erhaltungsfähigen Überreste der Außenskelette (Zooecien) von Moostierchenkolonien (Bryozoen), einer sehr großen, formenreichen Tiergruppe (ca. 16 000 fossile Arten), deren Entwicklung bereits im Erdaltertum, im Ordovizium vor 480 Millionen Jahren begann.

Heute sind ca. 4000 Arten bekannt, die oft als dominierende Faunenelemente in allen Klimazonen vorkommen und überwiegend küstennahe Bereiche unserer Weltmeere in Tiefen von 20 bis 80 Metern kolonisieren. Die größtenteils darin lebenden Moostierchen bilden vornehmlich festsitzende, wabenförmige Kolonien mit bis zu einer Million winziger Einzeltiere (Zooiden). Sie besiedeln bevorzugt Fels- und Hartböden, Muschel- und Schneckenschalen, Krebspanzer oder pflanzliche Substrate (Tang, Seegräser und Algen), untergeordnet einige Arten aber auch Weichböden. Die äußere Gestalt der Kolonien kann rinden-, blatt- oder strauchförmig sein. Viele bäumchenförmige Bryozoen erinnern in der Form und Größe an Moosästchen (daher auch der deutsche Name Moostierchen).

Das einzelne, winzige, unter einem Millimeter große Zooid setzt sich aus einem mit einer Öffnung ausgestatteten, krug-, röhren- oder kastenförmigen, häufig skulptierten, festen, chitinig-kalkigen Gehäuse (Zooecium) und dem darin befindlichen Weichkörper zusammen. Dieser Weichkörper besteht aus einem freibeweglichen, aus der Öffnung des Gehäuses herausragenden, mit einem Tentakelkranz (Fangarmen) ausgestatteten Vorderkörper und dem im Gehäuse sitzenden Hinterkörper, in den der Vorderkörper mittels Rückziehmuskeln bei Gefahr komplett eingezogen werden kann.

Wie kaum eine andere Tiergattung sind die Moostierchen bei der Gestaltung ihrer Gehäuse äußerst kreativ und entwickeln eine enorme Vielfalt von Formen, deren Schönheit jedoch erst bei stärkerer Vergrößerung zu erkennen ist.

Das in meiner Büchersammlung befindliche, 1904 erschienene Buch „Kunstformen der Natur“ des deutschen Zoologen Ernst Haeckel, enthält unter anderem eine Lithographie, die neben zwei kompletten Kolonien in der Bildmitte (Cupularia stellata und Flustra gayii), den Formenreichtum der zierlichen Moostierchen-Gehäuse stark vergrößert wiedergibt.

Im Sternberger Gestein konnten bisher drei Bryozoenarten nachgewiesen werden. Die Abbildung zeigt in der Bildmitte unterhalb der Muschelschale ein ca. zwei Zentimeter großes Exemplar einer Kolonie (vermutlich das Moostierchen Cellaria hexagona) auf einem in der Kiesgrube Kobrow gefundenen Handstück, das sich jetzt in der Sammlung Thiede, Parchim befindet.  














zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen