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Archäologen in Warin : Die Geschichte Warins wird neu geschrieben

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Teilweise sensationelle Funde reichen bis 11 000 Jahre zurück.

von
erstellt am 19.Dez.2014 | 10:30 Uhr

„Auf die  2015  weiter gehenden  Ausgrabungen im Schweriner Schloss haben sich alle Medien gestürzt. Es liegt ja auch auf dem Präsentierteller. In Warin hingegen war das gänzlich anders“, so der Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen. Dem vierköpfigen Team   um Grabungsleiter Dr. Frank Wietrzichowski gelangen in Warin  teils sensationelle Funde, die zurück datieren bis etwa 9000 Jahre vor der Zeitrechnung.

Alarmiert wurden die Landes-Archäologen durch einen SVZ-Artikel vom 29. Juli (siehe Faksimile). Beim  Hunde-Spaziergang fand ein Wariner auf der Baustelle des neuen Wohngebiets am Großen Wariner See zuerst einen Schädel, dann menschliche Knochen. Das rief die Altertumsforscher auf den Plan. „Bereits in den 60ern fanden zu DDR-Zeiten ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Keramikreste auf den Gelände des alten Matratzenwerks. Dass es  Funde aus Slawenzeit und Mittelalter gibt, war bekannt“, so   Wietrzichowski.

Schädel und Knochenteile kamen beim Bau der Planstraße A an die Oberfläche. Eile war geboten, die Planstraße teilte das später freigelegte Gräberfeld (200 x 150 m). Und das verblüffte selbst die staatlichen Ausgräber. „Wir waren so was überrascht von der Dichte der Fundmasse und deren Befunde. Auch Archäologen können eben nicht in die Erde gucken“, sagt der Grabungschef. Für den hatte dies  noch eine persönliche Note – seine Jugend verbrachte der heute 53-Jährige in Warin!

Dr. Wietrzichowski und sein Team fanden gleich sechs Siedlungshorizonte – der älteste datiert, wie gesagt, von vor 11 000 Jahren. „In der letzten großen Eiszeit gab es eine kleine Warmperiode von wenigen Jahrhunderten. Damals herrschte hier eine tundrenartige Steppe wie heutzutage im nördlichen Sibirien. Gefunden haben wir Feuersteingeräte der Rentierjäger wie Pfeilspitzen, Kratzer und Stichel. Im MV gibt es nur fünf  bis sechs  solcher Fundplätze.“

Darüberliegend  kam die  1. Ackerbauer-Jungsteinzeit (etwa 2400 v.d.Z.), die u.a. Keramikscherben der so genannten Einzelgrabkultur enthielt, zum Vorschein. „Für die Steinzeit ist das hier ein ganz herausragender Platz“, betont der Archäologe. Gefunden wurde ferner Keramik  aus der Germanen-Zeit (100 u. Z.). „Für die lokale Geschichte können wir damit eine Siedlungslücke  für Germanen schließen. Bisher gab es nur Einzelfunde“, so der heute in Wessin bei Crivitz Wohnende. Weiter geht es  mit der  Slawenzeit im 10. Jahrhundert. „Darüber befindet sich ein frühdeutscher Friedhof, der sich  zwischen 1180 und 1240/ 50  genauer bestimmen ließ. Insgesamt 214 frühdeutsche Gräber haben wir bergen können, darunter sehr viele Kindergräber“, so der Wessiner, der ergänzt:  „Drei Gräber waren besonders interessant. In einem fanden wir in der linken Hand einen so genannten Obolus-Pfennig. Dabei handelt es sich um ein ganz frühes Stierkopf-Brakteat. Es ist eine der ältesten Münzprägungen in Mecklenburg etwa von 1230 bis 1250.“ Im zweiten Grab fand man ein kleines Bleikreuz auf Brusthöhe. Und im dritten  zwei Pilgermuscheln, die beweisen: Derjenige war einst auf Pilgerreise zum spanischen Santiago de Compostela. Die letzte Fundschicht datiert aus dem hohen Mittelalter Ende 13./Anfang 14. Jhd. „Dann wurde der Friedhof  aufgegeben und auf den Kirchplatz an der  heutigen  Kirche verlegt. „Die Stadt Warin hatte also einen Vorgänger“, so das Fazit von Dr. Wietrzichowski. „Die Stadtgründung vor dem Warin von heute, finde ich, ist sehr, sehr spannend“, bekennt auch Dr. Jantzen.

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