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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

23. November 2017 | 08:46 Uhr

Witzin : Der Wessi, der im Osten regiert

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Hans Hüller, der neu gewählte Bürgermeister von Witzin, im Portrait zum morgigen Tag der Deutschen Einheit.

svz.de von
erstellt am 01.Okt.2014 | 16:43 Uhr

Eigentlich wollte Hans Hüller nie in die Politik. „Bis vor zwei Jahren hatte ich noch gar keine Bezugspunkte dazu“, gibt er zu. Und doch wurde er im Mai zum Bürgermeister von Witzin gewählt. Fast schon eine Sensation, wenn man bedenkt, dass Hüller durch und durch Wessi ist und nun ein Gebiet im Osten vertreten soll.

Geboren wurde der 48-Jährige in Lahr im Schwarzwald. Dort lebte er aber nur etwa bis zu seinem zweiten Lebensjahr. Nach dem Unfalltod seines Vaters zog es ihn und seine Mutter nach Hechthausen in Niedersachsen. Doch wie kam er nun dazu, nach Mecklenburg zu ziehen und dort zu bleiben?


Erste Begegnungen mit dem Osten


Seine erste wirkliche Berührung mit der DDR hatte Hüller kurz nachdem die Mauer fiel. Zu dieser Zeit war er bei der Bundeswehr. Schnell sprach sich herum, dass die Grenzen offen seien und ihn packte die Neugier. Doch schnell wurde ihm klar, wie wenig er eigentlich über dieses Land wusste. Eine Anekdote, an die er sich gern erinnert, trug sich an eben diesem Tag zu. Mit großem Hunger besuchte er eine typische Mitropa-Gaststätte hinter der Grenze. Das Wort „Broiler“ hatte er schon mal gehört und dachte sich „ist eben so’n halber Gockel“. Also bestellte er sich gleich zwei Broiler, um satt zu werden. Die großen Augen der Kassiererin konnte er nicht verstehen, bis er die zwei kompletten Hähnchen vor sich auf dem Teller hatte. Beim Bezahlen seiner Mahlzeit (inklusive Getränke) tappte er dann gleich ins nächste Fettnäpfchen. „Als die Kassiererin mir den Preis von etwa 3,60 Mark nannte, fragte ich sie ,Ja für das Bier, oder?’ und sie antwortete ,Nein für alles zusammen.’ Da dachte ich mir nur, wie kann man sich so nackig machen?“ Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten im Umgang mit den Ossis lernte er 1996 seine (ostdeutsche) Frau Andrea in Henstedt-Ulzburg bei Hamburg kennen. Beide arbeiteten zu der Zeit für eine Schuhhandelskette. Sie betreute einen Verkaufsladen, er war Bezirksleiter. Schon knapp ein Jahr später waren die beiden verheiratet. Paare waren innerhalb der selben Firma allerdings nicht so gern gesehen, wie Hüller berichtet. So hat er seine Stelle aufgegeben und sich später als Programmierer selbstständig gemacht. 2001 sind dann beide nach Witzin gezogen, den Heimatort von Andrea. „Ich war überwältigt von der Natur hier“ (Anm. d. Red.: speziell das Warnowtal), berichtet Hüller.

Die Ost-West Teilung war für ihn und seine Frau nie ein Thema, jedoch sei die „Teilung in den Köpfen mancher Leute noch äußerst aktuell“, wie er betont. Am deutlichsten werde das wohl durch das noch immer vorherrschende Lohngefälle, das sich aber irgendwann ausgleichen werde, wie Hans Hüller vermutet. Auch ist er der Meinung, dass das Thema Teilung in den nächsten Generationen aus den Köpfen der Menschen verschwinden wird. „Schon meine Kinder wissen nicht mehr, was es mit Ost und West auf sich hat.“


Der Witziner erinnert sich


Zum morgigen Tag der Deutschen Einheit hat sich der 48-Jährige für SVZ noch einmal zurück besinnt.

Sein liebstes West-Produkt war damals mit großem Abstand sein Motorrad. Eine XL600 Enduro von Honda. Damit konnte er, wie er sagt, in seiner Jugend seine Freiheit ausleben und viel erleben. Auch ein liebstes Ost-Produkt kann er benennen, obwohl er selbst im Westen aufgewachsen ist: Seine Frau.

Was die gängigen Vorurteile zwischen Ost und West angeht, sieht er sich eher als neutral. „Die berühmtberüchtigte Banane wird doch auch nur hin und her geschmissen“, sagt er. Und im Osten war auch nicht alles schlechter, wie er zu bedenken gibt. „Wer im Osten gelebt hat ist kreativer“, denn da nicht immer alles zur Verfügung stand, musste man eigene Ideen entwickeln, um sein Ziel zu erreichen. Diese Kreativität bewundert er noch immer, auch in seiner Witziner Gemeinde. Wenn er sich heute noch einmal zwischen Ost oder West entscheiden dürfte, würde er (wieder) den Osten wählen. „Hier gehe ich nicht mehr weg!“ lacht er.

Natürlich ist Hans Hüller als neuer Bürgermeister und vielleicht auch gerade weil er aus dem Westen kommt, nicht ganz unumstritten. Doch der 48-Jährige sieht es gelassen. Er ist sich darüber im Klaren, dass er keine Geschichte im Osten hat, man ihn also noch nicht kennt. So werde er sich das Vertrauen der Bürger nach und nach erarbeiten müssen. Alle könne er sowieso nie überzeugen und das sei auch gut so. Es müsse immer eine Opposition geben. Trotzdem ist er stets bemüht, „den kleinsten gemeinsamen Kompromiss zu finden“, um die Wogen nach den großen Streitigkeiten um die Legehennen-Anlage weiter zu glätten. Erste Anzeichen der Besserung seien ihm im Dorf auch schon aufgefallen.

In seiner bisherigen Amtszeit hat Hüller bereits einiges an Basisarbeit geleistet, mit Projekten, die erst nach und nach Gestalt annehmen werden. „Politik dauert eben immer länger“, erklärt er.

Und obwohl er sich nach wie vor als Wessi bezeichnet, hat er sich als Dienstfahrzeug eine Ossi MZ gekauft, auf der er „durchs Dorf knattert.“ Vielleicht kann er so die letzten Zweifler überzeugen und Erinnerungen an die DDR wecken.
 

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