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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

18. November 2017 | 05:51 Uhr

Warin : Den Mai 1945 in Warin beleuchtet

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Ortschronist Christoph von Fircks hat Erinnerungen von 30 Zeitzeugen zusammengetragen. Der Vortrag im Café Lubitz fand großes Interesse.

von
erstellt am 29.Mai.2015 | 20:18 Uhr

Es war eine äußerst schwierige Aufgabe, die sich Christoph von Fircks selbst gestellt hatte. Und mit gewohnter Akribie hat sich der Ortschronist daran gemacht, Erinnerungen von Fahrradhändler Wulf aus Wismar und von fast 30 Zeitzeugen, die er befragt hat, zusammengefügt. Es geht um den Mai 1945 in Warin. Sein Vortrag darüber fand großes Interesse, im Café Lubitz blieb kein Stuhl frei. „Ich bin gerührt, dass so viele gekommen sind“, schickte von Fircks voraus.

Selbst Jahrgang 1943, sei er bei den Ereignissen, um die es ging, keine zwei gewesen und außerdem erst 1949 mit der Familie nach Warin gekommen. Die befragten Zeitzeugen waren vor 70 Jahren Jugendliche und Kinder. Ihre Aussagen seien „naturgemäß sehr unterschiedlich“ ausgefallen, „breit gefächert ganz wie die Erlebnisse“. Er wolle versuchen, ein Bild zu vermitteln, wie die Menschen mit dem brachialen Zeitenwandel umgingen.

Warin sei „zeittypisch braun“ gewesen. Schon im November 1930, fast drei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis in Berlin, wählten die Wariner in die Stadtverordnetenversammlung eine nationalsozialistische Mehrheit, die mit dem Lehrer Adolf Heidtmann den Vorsteher stellte. „Es war nicht so weit her mit dem ,Roten Warin‘, wie es uns ehrenvolle Parteiveteranen wieder und wieder sagten“, so von Fircks. Im April 1938 stimmten gar 97,7 Prozent für Hitler.

Die Pro-Nazi-Stimmung sei im Verlaufe des grausamen Krieges gebröckelt, sein absehbares Ende herbei gesehnt worden, doch die Angst vor dem Kommenden habe überwogen. Im Frühjahr 1945 war Warin überfüllt. Die Abwanderung gen Westen, vor allem von aktiven Nazis, sei durch Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten mehr als ausgeglichen worden, die Einwohnerzahl habe sich auf mehr als 5000 verdoppelt. Und heute werde über 27 Asylbewerber diskutiert, flocht von Fircks ein. Das Haus in der Friedensstraße 34, wo heute zwei Personen leben, sei damals mit 18 belegt gewesen. Es habe in Warin auch Kriegsgefangene gegeben, Polen, Russen, Franzosen, die schwer arbeiten mussten. Ein 1945 getauftes Baby habe im Kirchenbuch den Vermerk „Franzosenkind“ erhalten.

Die von den Staatschefs der Alliierten bereits im Februar 1945 festgelegte Demarkationslinie sah Warin als letzte Stadt für die Rote Armee im Westen vor. „Das sollte seine Bedeutung bekommen“, so von Fircks. Eine Verteidigung war aufgegeben, der Bunker am Zwingberg, in dem Waffen und Munition lagerten, gesprengt worden. Deutsche Soldaten flohen durch die Stadt. Einen Tag vor der Roten Armee kamen die Engländer. „Ihr Jeep fuhr aber nur bis ,Zur Linde‘. Weiter durften sie nicht. Demarkationslinie.“ Es hieß, die Engländer seien durch die Straßen gegangen, hätten zur Ruhe aufgerufen und „den Frauen zu entstellender Verkleidung, zu verschmutzten Gesichtern“ geraten, denn der gefürchtete Russe stehe schon vor der Tür.

Fast gleichzeitig strandete ein Lazarettzug in Warin, „Er brachte das Elend des Krieges sehr direkt.“ Am 3. Mai seien russische Soldaten am östlichen Stadtrand aufgetaucht. Eine Granate sei ziellos in Richtung Stadt abgefeuert worden, die „Taktik eines vorrückenden Heeres“, ob noch Gegenwehr zu brechen sei. Schnell habe sich die Stadt mit russischen Soldaten gefüllt. „Sie drangen in die Häuser ein, nahmen mit, was sie des Mitnehmens wert fanden.“ Zahlreich werde von Plünderungen und Vergewaltigungen berichtet. Erst mit einer Kommandantur wurden diese Exzesse weniger.

Ilse Negraschus, Jahrgang 1931, zog 1940 mit ihren Eltern und drei Geschwistern nach Warin. „Die Kindheit war herrlich. Bis die Iwans kamen. Bei uns hießen sie nur so. Wir mussten von unserer Wohnung im Graupenmühler Weg, in die der Stab einzog, ins verkommene Franzosenlager in der damaligen Hirtenstraße.“ Die gebürtige Wismarerin, als einzige Zeitzeugin beim Vortrag dabei, lebte dann 40 Jahre im Osten Berlins, zog zeitweilig nach Bayern und kehrte vor
18 Jahren nach Warin zurück. Ihre fünf Jahre ältere Schwester wohnt in Sternberg.

Zurück zum Mai 1945: Warin, das ohnehin überfüllt war, musste mit einer andauernden Besetzung durch die Sieger und Befreier leben, „die von der Bevölkerung bestenfalls als Befreier von dem schrecklichen Krieg empfunden wurden“. Die Rote Armee richtete eine Druckerei für die Soldatenzeitung und Flugblätter ein. Die Kommandantur begann das Leben zu regeln. „Zuerst ging es um die Ernährung der Soldaten. Für die Einwohner blieb sehr wenig“, so von Fircks. „Ende Mai brach der Typhus aus. Den ganzen Tag über habe die Totenglocke geläutet, täglich seien 20 bis 25 Menschen an der Seuche gestorben. „Das Gute am Schlechten: Die Russen fürchteten die Krankheit und mieden die Häuser.“

Per Befehl begann ein Neuaufbau. Doch aus Backstuben und vom Schlachten sei wenig für die Bevölkerung geblieben. Die Frauen wurden zu Erntearbeiten beordert. Es setzte die Entnazifizierung ein. „Und wie immer in Umbruchzeiten gab es Denunzianten, die ihre persönliche Rechnung mit einfachen Mitläufern abmachten.“

Am 10. Juni gestattet die sowjetische Militärverwaltung die Tätigkeit antifaschistisch-demokratischer Parteien und freier Gewerkschaften. Ab 1. Juli gehört Warin nach dem Gebietstausch der Siegermächte nicht mehr zum Kreisgebiet Güstrow, sondern wieder zu Wismar. Im September hat Warin 5674 Einwohner, darunter 97 einstige NSDAP-Mitglieder. Das Leben kommt aber nur langsam in Gang, schloss Christoph von Fircks.

Die Aussagen der Zeitzeugen sind nun im Archiv der Stadt, um sie der Nachwelt zu erhalten. Hans-Dieter Doepner, wie von Fircks Jahrgang 1943, bekannte, aus der Zeit „nichts zu wissen“. Deshalb ein herzlicher Dank für die Recherchen, „eine großartige Leistung“.

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