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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

14. Dezember 2017 | 23:46 Uhr

Reise ins Badische : Dem Traum ein Stück näher

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Dabeler reisen zum Guss ihrer Glocke nach Karlsruhe: Traditionelles Handwerk beeindruckt.

Fast greifbar ist die Anspannung in der heißen, dämmrigen Werkhalle der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe: Staub, den die dicht beieinander gedrängten Menschen aufgewirbelt haben, hängt in der Luft und schwebt langsam auf die schweißnassen Gesichter nieder. Ein erwartungsvolles Innehalten lässt die Besucher erstarren, während die in mehr als 24 Sunden auf über 1000 Grad erhitzte Bronze aus dem Kessel in die gemauerten Laufrinnen sprudelt. Der sanft rotgelb leuchtende Strom spiegelt sich auf den silbernen Schutzmänteln der vier Gießer, als er in die unterirdischen Glockenformen fließt. Wie eine einzige Atembewegung entweicht die Luft aus den Lungen der etwa 60 Besucher, die gebannt dem Schauspiel folgen. Nach kurzer Zeit zerfällt die homogene Masse, einzelne Füße rascheln auf dem Boden, Hälse recken sich.

Immer noch spiegelt sich die Anspannung auf dem Gesicht von Glockengießer Albert Bachert, der als einziger keinen Schutzmantel, sondern eine dicke Lederschürze trägt. Hochkonzentriert lenken er und seine Helfer das flüssige Metall: Ihre Handgriffe entscheiden jetzt über das Gelingen der mit 500-Kilo größten Glocke für Dabel. Sie wird gleichzeitig mit drei Glocken für eine Kassler Kirche gegossen. Gemeinsam gestaltet Pastor Christian Lange mit dem Pfarrer der anderen Gemeinde einen kurzen Gottesdienst, um den Guss zu segnen. Für Dabel sind 29 Interessierte angereist. 22 hatten sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen und dank der Bus-Kostenübernahme durch die Gemeinde konnte die über zehnstündige Anreise mit Übernachtung stattfinden. Ein einmaliges Erlebnis, so der Grundtenor der Gruppe. „Besonders die Atmosphäre während des Gusses hat mich überwältigt“, so die Kirchenmusikerin Ingrid Kuhlmann, die die Reise organisiert hat. „Die Spannung aller war körperlich spürbar, besonders als wir zusammen am Ende ,Großer Gott wir loben dich‘ gesungen haben“, beschreibt sie.

Christian Lange empfindet besondere Hochachtung vor dem traditionellen Handwerk. „Wir mussten noch einmal eine halbe Stunde warten, weil das Metall noch nicht heiß genug war“, erklärt er. „Schön, dass heute noch nicht alles so technisch ist.“ Seit Jahren begleitet er das große Projekt seines Vaters Hansherbert Lange, in Dabel ein großes Geläut zu erwirken. Dass dieser und seine Frau Astrid nicht teilnehmen konnten, bedauert er. „Ich weiß, viele Menschen haben an ihn gedacht“, sagt er. Er habe die Zeremonie in dem Bewusstsein genossen, dass mit diesem Guss der Traum seines Vaters ein Stück näher in Erfüllung gehe. Nach etwa einer dreiviertel Stunde verkündet Albert Bachert erleichtert: „Der Guss ist beendet und es ist alles ist gut gegangen“.

An den Abläufen hat sich seit sieben Generationen, in denen die Bacherts Glocken herstellen, nichts geändert. Die Formen sind beim Guss nicht zu sehen. Sie sind unter der Erde und wurden in zweimonatiger mühevoller Handarbeit aus Lehm und Stein hergestellt. Für die Besucher werden die Vorgänge daher in einem Einleitungsfilm gut beschrieben.

Nur fünfmal jährlich gießt Bachert so große Glocken, die zwei bis drei Wochen langsam unter der Erde abkühlen müssen. Aus dem Dabeler Geläut wird noch eine zweite Glocke in dieser Art hergestellt, die beiden kleineren werden in Standformen produziert und können an der Luft auskühlen. Schmied Joachim Hecht aus Dabel wird die fertigen Glocken dann den weiten Weg nach Dabel bringen.

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