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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

22. November 2017 | 10:29 Uhr

Sternberg : Dem Rotmilan ins Nest geschaut

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Landschaftspflegeverband Sternberg erfasst in bundesweitem Projekt gefährdeten Greifvogel und berät Landnutzer / 14 Jungtiere wurden gezählt.

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2014 | 17:13 Uhr

Warten! Manchmal stundenlang, immer wieder mit dem Fernglas gegen das Licht blickend. Wobei das Laubwerk der Baumkronen jetzt nur spärliche Lücken bietet. Doch irgendwann muss er kommen. Es vergehen aber auch Tage, ohne einen Rotmilan zu sichten. „Das kann frustrieren, und am dritten Tag ist es dann ein großes Ereignis, endlich Erfolg zu haben“, beschreibt Marika Schuchardt vom Landschaftspflegeverband Sternberger Endmoränengebiet (LSE) die zeitweilige Geduldsprobe.

Die studierte Landschaftsarchitektin und Umweltplanerin hat dort am 1. März ihre Tätigkeit aufgenommen. Mit Geschäftsführer und Projektleiter Hans Diederichs untersucht sie Brutbestand und
Gefährdung des Rotmilans, um Maßnahmen abzuleiten, die dem Greifvogel wieder mehr Lebensraum und Nahrung verschaffen und damit seine Existenz sichern sollen. Das Sternberger Seenland gehört zu den elf Regionen in sieben Bundesländern, in denen seit Dezember 2013 das Artenschutzprojekt „Land zum Leben“ läuft, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz.


Über 100 Nester ab Fußballgröße kartiert


Einst gehörte der elegante Greifvogel in unseren Breiten zum alltäglichen Bild in der Feldlandschaft. Sein Bestand hat sich jedoch stark verringert und wird heute weltweit auf maximal 22 000 Brutpaare geschätzt, über die Hälfte in Deutschland und davon zehn Prozent in MV. Als Gründe werden vor allem die Intensivierung und Umstellung der Landwirtschaft genannt, weiß Diederichs, selbst Landwirt. Feldmäuse und andere Kleinsäuger als Nahrung seien weniger geworden. Bei den gefährdeten Arten steht der Rotmilan laut Wikipedia auf der Vorwarnliste. Im Sternberger Seenland hat sich die Zahl der 14 Brutpaare, die Ornithologen wie Ernst Schmidt aus Wendorf zur Jahrtausendwende festgestellt hatten, in gut zehn Jahren etwa halbiert. „Nun kommt es auf jedes Tier an“, betont Diederichs.

Er hatte angefangen, Nester ab Fußballgröße zu suchen und zu kartieren, allerdings noch ohne zu wissen, welcher Vogel sich darauf setzen wird. Dann zu zweit, erfassten Diederichs und Schuchardt auf 300 Quadratkilometer des einstigen Kreises Sternberg weit über 100 Nester. Ende März/Anfang April flog der Greifvogel ein. „Er überwintert in Europa, vor allem Spanien und Frankreich. Das ist eine Besonderheit des Rotmilans“, erklärt Schuchardt. Er bezieht Horste meist „nicht weit weg von Siedlungsbereichen“, in Wäldern zwar, aber in solchen, die nahe an Dörfern liegen, wo es „strukturreicher“ sei. Der Rotmilan fresse alles, „was ihm vor den Schnabel kommt“, sagt Schuchardt.
Dazu gehörten Elstern ebenso wie Kleinsäuger. Ein gefundener Lauf habe indes auf einen kleinen Hasen hingedeutet. „Und er würde sicher auch Hamster nehmen, wenn es noch welche gäbe“, fügt Diederichs süßsauer hinzu.

Die beiden Leute vom LSE sind alle Nester wieder abgelaufen. Auf zwei saßen Kolkraben, auf anderen Krähen. 10 bis 15 Prozent seien übrig
geblieben. „Zuerst haben wir geschaut, ob ein Rotmilan auf dem Horst sitzt, und dann den Bruterfolg kontrolliert“, so Schuchardt. 14 Horste hätten sie entdeckt mit 14 Jungvögeln. Einmal seien es einer bzw. drei gewesen, sonst zwei.


Erste Gespräche mit Landwirten positiv


Im Frühjahr gäbe es freie Sicht, später aber seien viele Nester schwer zu finden – in den 30 bis 40 Meter hohen Buchen und Eichen, die der Rotmilan bevorzugt, und besonders, wenn er einen neuen Horst gebaut hat. Der Greifvogel halte zwar der Region die Treue, baue manchen Erfahrungswerten zufolge jedoch etwa 60 Prozent neu.

Aus der Bestandsaufnahme solle abgeleitet werden, „was den Rotmilan hier am Leben erhält“, sagt Diederichs, „um Land- und Forstwirte zu beraten“. Erste Gespräche hätten stattgefunden. „Ich war echt positiv überrascht, wie interessiert die Landwirte waren“, so Schuchardt. Sie hätten zum Beispiel „tief gehende Fragen“ zu Nahrung und Lebensweise des Rotmilans gestellt. Diederichs sieht das als „Resultat vorheriger Projekte“, die Landnutzer und Naturschützer an einen Tisch gebracht hatten. Unbewirtschaftete Flächen für den Greifvogel nutzen, Luzerne anbauen, die zu der Zeit gemäht wird, wenn der Rotmilan für die Jungen auf Beute geht, oder in der Brutzeit Störungen fernhalten, seien Möglichkeiten zu helfen. Alles müsse für die Landwirte auch umsetzbar sein. In größerer Runde soll darüber im Oktober gesprochen werden.

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