zur Navigation springen

Judenverbrennung von Sternberg : Das Stigma in der Stadtkirche

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Heute jährt sich zum 525. Mal die Judenverbrennung von Sternberg. Dazu findet an diesem Sonntag im Rathaussaal eine interreligiöse Friedensandacht statt. Zum neuen Gedenkstein vor der Heilig-Blut-Kapelle gibt es geteilte Meinungen.

von
erstellt am 24.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Das gleichmäßige Kreuz aus Metall hängt an einem Pendel von der Decke herab. Darunter liegt ein Tuch, in dem das Kreuz seinen Abdruck hinterlassen hat. Die Installation des bei Crivitz lebenden Bildhauers Wieland Schmiedel in der Heilig-Blut-Kapelle der Stadtkirche erinnert an ein dunkles Kapitel christlicher Geschichte, an die Ermordung von 27 Juden am 24. Oktober 1492 in Sternberg, heute auf den Tag genau vor 525 Jahren. Unschuldig verbrannt auf dem Scheiterhaufen, weil sie geweihte Hostien, Abendmahls-Oblaten, angeblich geschändet hätten und daraus gleich Blut gespritzt sei. Die unter dem Kreuz begangene Bluttat ging längst als unbestreitbarer Justizmord in die Geschichte ein.


Es geht um Schuld, Gedenken und Mahnung


Schmiedel hat sein Mahnzeichen „Stigma“ genannt, laut dem Duden Brand- oder Wundmal. Er wolle deutlich machen, dass die Kirche den Juden über Jahrhunderte Unrecht getan, Schuld auf sich geladen habe, „im Widerspruch zu ihrer Botschaft, die Freiheit heißt“. Doch ihm gehe es nicht nur um Schuld und Gedenken, sagt der Künstler, sondern ebenso um Mahnung, dass „nicht wieder so ein Mist gemacht wird“. Und weiter: „Dieser Gefahr nähern wir uns von beiden Seiten, von oben und unten, von der Politik und der Straße.“

Besser als das, was Jürgen Rennert, ein Freund Schmiedels, bei der Übergabe des Kunstwerks vor zehn Jahren gesagt habe, lasse sich nicht ausdrücken, was er empfinde und ihn bewogen habe, dieses Mahn- und Gedenkzeichen zu schaffen. „Dies ist das Stigma, der Stich, der Punkt und der Stempel, das im steten Auf und Ab augenblickslang innehaltende und jederzeit wieder leicht in bedrohliche Schwingung zu versetzende Kreuz- und Martermal der Christen über dem Leichentuch abendländischer Geschichte, in der Jesu leibhaftige Geschwister über alle Jahrhunderte hinweg verleumdet, verleugnet, erniedrigt, gebrandmarkt, tödlich durchbohrt, erstickt und verbrannt wurden.“ Ein Flyer mit dem Satz liegt nun in der Stadtkirche aus.

Aus Anlass des 525. Jahrestag des Judenpogroms findet an diesem Sonntag, 29. Oktober, um 14 Uhr im Rathaussaal eine interreligiöse Friedensandacht statt, der Informationen zur Heilig-Blut-Kapelle und ein Konzert mit dem Chor „Masl-Tow“ von der Jüdischen Gemeinde Schwerin folgen. Dort, wo Schmiedel 2007 konzeptionell die in der Kirche aufbewahrte Holzplatte angebracht hatte, auf der die vermeintliche Hostienschändung erfolgt sein soll, wird ein Gedenkstein übergeben. Darauf steht in Hebräisch, Latein und Deutsch das Fünfte Gebot, das leider oft gebrochen wurde, wie Pastorin Katrin Teuber sagt.


Gemeinsamkeiten von Juden und Christen


Der Gedenkstein ist für Schmiedel ein Stein des Anstoßes, ein Mahnmal vor dem Mahnmal. Das Fünfte Gebot darauf werde der Dimension mit der Verbrennung 27 unschuldiger Menschen bis hin zur Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden durch die deutschen Nationalsozialisten nicht gerecht.

Es bleibe bei unterschiedlichen Meinungen, sagt die Pastorin. Für eine Ausstellung zu dem Thema, die in der Heilig-Blut-Kapelle angedacht war, werde aber nun ein anderer Raum gefunden. Die Veranstaltung am Sonntag beinhalte nicht nur das Gedenken und den Blick zurück auf die Schuld, die die Kirche auf sich geladen habe, sondern auch auf Gemeinsamkeiten von Juden und Christen, ihre Ziele wie Frieden und Gerechtigkeit.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen